22.02.2020, Sonnabend – Flugzeugabsturz und Proteste im Iran

Der Tod von Jens verbindet mich auf vielfältige Weise mit dem Iran:
Ich stand in Teheran vor den Gräbern der zwei Journalisten, die bei der Flugzeugkatastrophe ums Leben kamen, und traf Hinterbliebene. Ferner kam es zu einer Begegnung mit dem Kollegen und Freund der beiden Opfer, der ihnen beinah in den Todesflieger gefolgt wäre. Wir verbrachten den ganzen Nachmittag miteinander. Ich schrieb darüber (siehe https://iranreise2018.wordpress.com). Ich sah das Land, dessen mächtige Natur und lernte die Kultur und die Menschen kennen, die mich durch ihre Offenheit, Freundlichkeit und Gastfreundschaft beeindruckten.
Aus all den Gründen interessieren mich die Ereignisse, die dort stattfinden, mehr denn je. Ich habe nichts gegen den Islam. Jedoch die Mullah-Diktatur, die ihr Volk aufs Schmerzlichste knechtet und versucht, ihm die Mündigkeit zu nehmen, lehne ich ab. Das Land erregt immer wieder meine Aufmerksamkeit, in letzter Zeit leider mit negativen Nachrichten.
Schon im November 2019 fanden erbitterte Proteste statt, weil die iranische Regierung von einem Tag zum anderen die Treibstoffe enorm erhöhte und rationierte. Der Zorn der Bevölkerung kochte hoch, zumal ihnen die tiefgreifenden US-Sanktionen heftig zusetzten. Die Arbeitslosigkeit, vor allen Dingen unter den Jugendlichen, ist extrem, und die Armut ist massiv. Hingegen häuft sich immenser Reichtum bei den wenigen Reichen an. Teilweise haben sie ihr Vermögen in deutschen Banken angelegt.
Ich kam mit einem Verkäufer ins Gespräch, weil ich eine Nagelschere benötigte, denn meine war verschwunden. Er klagte, das Leben sei noch teurer geworden, und er wüsste nicht, wie er mit seiner Familie zukünftig über die Runden kommen soll.
Damals war die zweite Stufe von Trumps Sanktionen nicht aktiv, wurde allerdings wenige Wochen später verhängt. Ich bin froh, dass wir solch eine Not nicht kennen.
In über 40 Städten Irans wurde protestiert.
Die Mullahs gingen hart gegen die Demonstranten vor. Viele landeten in Gefängnissen. Sie waren mit der Zeit überfüllt. Scharfe Munition soll auf den Straßen zum Einsatz gekommen sein. Das Internet wurde abgeschaltet, damit die Welt möglichst nichts erfahren sollte. Ich war zutiefst besorgt um die Menschen, die ich in Persien kennenlernen durfte. Drei Tage lang sperrte die Diktatur das Internet. Trotzdem drangen brutale Bilder über die sozialen Netzwerke nach außen. Mehr als mindestens 106 protestierende Bürger sollen laut Amnesty International getötet worden sein, darunter auch Minderjährige. Hinrichtungen wird es mit Sicherheit noch geben.
Was müssen die dort lebenden Familien, die bei der Germanwings-Katastrophe ihre Söhne verloren haben, noch alles erleiden?
Vor etwa sieben Wochen stürzte ein ukrainisches Passagierflugzeug nahe Teheran ab. Sämtliche 176 Menschen an Bord kamen ums Leben. Die meisten stammten aus Kanada und der Ukraine. Zunächst verkündete das Mullah-Regime einen technischen Defekt als Ursache. Bald räumte es ein, dass die Maschine versehentlich abgeschossen wurde, was wegen der vorangegangenen Lüge wiederum zu Protesten führte.
Bis jetzt ist kein Schuldiger, kein Verantwortlicher benannt worden, der den Befehl erteilte. Niemand musste Rede und Antwort stehen. Das oberste religiöse Staatsoberhaupt Khamenei gab zwar zu, dass der Absturz ein schmerzliches Ereignis sei. Gleichzeitig klagte er jedoch, dass der Mordanschlag auf den ranghohen iranischen General Soleimani, der Anfang Januar bei einem Drohnenangriff in Bagdad ums Leben kam, bedeutend mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen sollte. Der Tod der vielen Passagiere war ihm offensichtlich nicht wichtig genug. Die Aussage kommt einer Schändung an den Toten gleich. Wie das auf die Angehörigen wirkt, kann ich mir gut vorstellen.
Eine Bitte um Vergebung, haben die betroffenen Familien weder von ihm oder von anderen Repräsentanten gehört.
Wie viele Leidtragende der unterschiedlichsten Katastrophen warten auf das kleine Wörtchen Entschuldigung?
Die Ukraine und Kanada haben nach dem Abschuss-Eingeständnis des Iran eine Entschädigung für die Opfer-Familien verlangt. Die Forderung wurde bisher abgelehnt.
© Brigitte Voß


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