°ZWEIHUNDERTNEUNUNDVIERZIG WOCHEN NACH DER KATASTROPHE°
Am letzten Tag des Jahres wandern wir zum Ort des Flugzeugabsturzes. Teilweise sind die Wege schneefrei, manchmal stapfen wir durch den Schnee, und hin und wieder ist es extrem glatt. Die Absturzstelle selbst macht keinen winterlichen Eindruck. 
Der Bach ist gefroren. Unter seiner Eisschicht schlingert das dunklere Wasser dahin und formt bizarre Muster. Ich sitze daneben auf einer knorrigen Baumwurzel, die aus dem Boden ragt, und bin in einer anderen Welt. Es ist still. Windgeräusche wirken beruhigend. Mein Mann kratzt den Namen von Jens auf einen Stein.
Früher fand ich es hier besser. Einst war der Ort unberührt. Er war schwer zugänglich, sodass ihn vermutlich nur Einheimische kannten. Die Katastrophe war furchtbar. Blutgetränkte Erde … Bergungskräfte reinigten ihn. Wie ihre Psychen darauf reagierten, kann man nur ahnen. Ruhe kehrte ein. Erste Angehörige wagten sich hinauf. Tränen flossen. Der Boden schien zu schwanken. Die Stille blieb in Harmonie mit den stolzen Bergen … Bohrer und sonstiges Gerät rückten an, ein goldenes Denkmal musste errichtet werden. Ich werde mich wohl nie daran gewöhnen. Der kleine Stab, der die Aufprallstelle des Flugzeuges mit dem Fels markierte, hätte als Gedenkzeichen gereicht. Der Gedanke, dass das Gold die Totenruhe stört, drängt sich mir auf.
Am Abend finden wir uns vor dem Kamin der Gaststätte ein. Die Runde besteht aus Freunden von Hervé und Cristiana sowie der spanischen Familie und uns.
Im Gegensatz zu Deutschland, wo der Champagner erst gegen Mitternacht entkorkt wird, werden wir sofort mit dem Getränk empfangen. Der Brauch gefällt mir.
Wir nehmen am bereits eingedeckten runden Tisch Platz. Neben mir sitzt ein älterer Herr, der sich mit dem Namen Michel vorstellt. Er arbeitet trotz seiner 90 Jahre immer noch als Winzer und presst Olivenöl, ist geistig rege und beeindruckt mich. Er weint fast, als er beginnt, mit mir über den Flugzeugabsturz zu reden.
Häppchen werden gereicht. Michel teilt den von ihm hergestellten Wein mit uns, der gut schmeckt. 60 Liter hat er dieses Jahr produziert.
Cristiana hat sich mit ihren Kochkünsten ins Zeug gelegt. Es gibt Reis, Kartoffelsalat, mit Krabben und Bambus, Bohnen mit Schweinebraten. Wir essen den ganzen Abend und unterhalten uns. Mit zunehmendem Alkoholpegel fällt mir das Reden auf Französisch schwer. Das Dessert, eine Süßspeise aus Mascarpone, wird vor Mitternacht aufgetragen.
Wir entschuldigen uns, weil wir den Jahreswechsel mit Jens im Gedenkraum verbringen wollen. Dort stellen wir sein Foto auf den Tisch und drei kleine Flaschen Sekt hinzu. Wir stoßen auf Jens an. Mich durchrieselt das Gefühl einer traurigen Befriedigung, mit ihm wenigstens auf diese Weise zusammen sein zu können.
Es ist alles unwirklich. Unser Leben ist aus der Bahn geworfen. Wir sollten mit Freunden oder der Familie in Deutschland feiern, besser noch mit Jens, was leider selten geschah. Zum einen wegen der Entfernung zwischen seinem Wohnort und unserem, außerdem war es üblich, dass er mit seinen Freunden feierte und wir mit unseren.
Jetzt sitzen wir in Frankreich, stoßen mit gutherzigen Franzosen und einem toten Jens an.
Wir kehren zu anderen zurück. Sie sind sehr verständnisvoll. Ich bin dankbar. Einige fallen uns um den Hals und wünschen ein Bonne Année.
Bevor wir auf unser Zimmer gehen, stehen wir vor der Stele. Es ist dunkel und für einen Deutschen ziemlich ruhig. Nirgendwo knallt es. Nur eine Feuerwerksrakete zischt in der Ferne durch die Luft. Das Dorf liegt im Dunkeln.
Die meisten schlafen bereits.
© Brigitte Voß
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