24.12.2019, Dienstag – Heiligabend

°ZWEIHUNDERTACHTUNDVIERZIG WOCHEN NACH DER KATASTROPHE°
Wir begehen das fünfte Weihnachten ohne Jens. Nichts hat sich in unseren Gefühlen geändert. Die Traurigkeit nimmt in der Adventszeit zu. Die Feiertage liegen in Schwermut, doch das Zusammensein in der Familie hilft.
Ich frage mich, was an diesem Fest so speziell ist und versuche, die Gefühlswelt plattzumachen. Ich ahne, dass geschulte Trauerberater und Psychologen etwas dagegen einzuwenden hätten. Aber, es ist meine Psyche, es ist mein Leben, und ich gestalte es, wie es mir guttut. Und das können Außenstehende nicht einschätzen.
Es gibt Kulturen, in denen Weihnachten nicht begangen oder meist nach amerikanischem Vorbild nachgeahmt wird.
Wahrscheinlich mache ich mir zu viel Gedanken. Nur möchte ich, dass es mir besser geht.
Das Wissen, nicht allein mit derartigen Weihnachtsgefühlen zu sein, gibt Halt. Anderen Hinterbliebenen ergeht es trotz der Zeit, die zum Flugzeugabsturz dazwischen liegt, ähnlich wie uns. Die Lücke, die ein geliebter Verstorbener hinterlässt, wuchtet Weihnachten besonders schwer auf der Brust.
Wir sind wie jedes Jahr mit der Familie zusammen, was tröstet und schön ist. Insbesondere die Enkel reißen uns aus dem Trauertrott heraus.
Es haben sich Heilig Abend Zeremonien um Jens herausgebildet. Unsere Familie trifft sich auf dem Friedhof. Wir stehen vor seinem Grab und denken an ihn. Bereits in der Adventszeit haben wir ein Weihnachtsbäumchen im Blumentopf neben den Grabstein gestellt und mit kleinen, bunten Kugeln geschmückt. Das verbindet mit Jens und den verstorbenen Eltern, die in meinem Inneren erst in der zweiten Reihe zu finden sind. Es ist ein Gemeinschaftsgrab.
Wir lesen welke Blätter ab, denn das Herbstlaub der großen, uralten Eichen und Kastanien, die dem Platz ein mystisches Flair verleihen, wird nie vollständig beseitigt. Wir zupfen Unkraut.
Der weihnachtliche Grabschmuck, den wir soeben gekauft haben, besteht aus Tannenzweigen und orangen Blumen. Er fügt sich gut in das bunte Ensemble ein. Die Kinder lieben es, im Herbst Kastanien, Eicheln, im Winter kleine Tannzapfen, ansonsten wohlgeformte Steine, usw. für ihren Onkel auf den Grabstein zu legen. Mein Mann stellt einen ansehnlichen Schokoladen-Weihnachtsmann auf das Grab. »Der ist für Jens, das muss sein.«
Das macht er immer. Zu Ostern müssen Schokoladen-Hasen dran glauben, bei weiteren Besuchen die Lieblingsschokolade unseres verstorbenen Sohnes. Er ist nicht davon abzubringen.
Haben sie beim nächsten Mal die Tiere gefressen, behauptet er wider besseres Wissen: »Das war Jens.«
Mit großen Augen verfolgt Enkel Timo, wo der Opa die Schokolade hinstellt. Er möchte den Weihnachtsmann gern essen und äußert das lautstark. Wir untersagen es ihm prompt. »Den lässt du stehen. Der ist für Onkel Jens!«
Mit trotziger Stimme, die ein Böckchen ankündet, dringt an unser Ohr: »Aber, der ist doch schon lange tot.« Das kam so unerwartet und mit anklagender Logik aus seinem Kindermund, dass wir lachen mussten. Ist es nicht merkwürdig? Man verspürt einen Knoten in der Magengegend, weil der Kummer um den Verlust so groß ist und lacht auf einmal los. Derart unterschiedliche Gefühle wohnen gleichzeitig in meiner Brust.
Wir brauchen uns nicht zu wundern. Schließlich legen wir für Jens Gegenstände auf das Grab und sprechen mit ihm, als würde er noch leben.
Der knallharte Verstand eines Dreijährigen, der gerade mal erfasst hat, dass Totsein so etwas wie seine Puppe ist, verarbeitet es auf seine Weise.
Wir haben einen grauen, trüben Dezembertag. Grabkerzen werden angezündet und erhellen ein wenig das Grab. Heute flackern mehr Kerzen als üblich auf den Gräbern.
Es ist kalt. Thomas stellt ein Gläschen Glühwein neben den Grabstein. Auch wir schenken uns von dem heißen Wein ein. Er wärmt die Hände.
»Fröhliche Weihnachten.«
Wir stoßen symbolisch mit Jens an. Er ist unter uns.
© Brigitte Voß


Entdecke mehr von SEELENRISSE

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Hinterlasse einen Kommentar