Die meisten Angehörigen haben die mehr oder weniger zerstörten Handys und andere elektronischen Geräte ihrer toten Familienangehörigen zurückerhalten. Sie wurden von einem britischen Dienstleister namens Kenyon im Auftrag der Lufthansa gereinigt, verpackt und an uns geschickt.
In unserem Fall handelt es sich um ein Handy, die SIM-Karte und vier USB-Sticks. Das Diensthandy von Jens bleibt verschwunden. Die hoffnungsvollen Versuche, das vorhandene Telefon zu lesen, waren leider nicht von Erfolg
gekrönt. Die Speicherkarte enthielt keinerlei Daten. Und das, obwohl ich von genau diesem Apparat eine automatisierte Nachricht erhalten habe, die mir mitteilte, dass die Telefonnummer, die ich am Vortag anrief, »jetzt wieder erreichbar« sei. Auf dem Display sah ich die Rufnummer von Jens. Nachdem ich aus dem Radio von dem Flugzeugabsturz erfahren hatte, versuchte ich verzweifelt, ihn anzurufen.
Mein Mann rief zurück, da ich nicht in der Lage dazu war. Es war vergebens.
Der Vorgang zeigt allerdings, dass das Handy trotz Aufprall noch funktioniert hatte.
Mit der Zeit mehren sich die Stimmen von Angehörigen, dass auf den Handys ihrer Toten nichts abrufbar ist. Die Speicher sind leer. Ich kenne niemand, bei dem das Gegenteil der Fall gewesen wäre. Das macht natürlich misstrauisch, und die Meinung, dass alle Daten bewusst gelöscht wurden, macht die Runde. Von spanischen Hinterbliebenen höre ich Ähnliches.
Wir beschließen, das Handy von Jens einem Spezialisten vorzulegen. Nachdem er es gründlich untersucht hat, kann er mit Sicherheit sagen, dass nach der Katastrophe im Gerät manipuliert wurde. Das Teil, auf dem die SMS-Verläufe, Anruflisten, auch Fotos gespeichert werden, sei sorgfältig ausgebaut worden. Er bezeichnet das Element als NAND-Speicher/Festplatte und meint, dass der harter Aufprall dafür nicht verantwortlich gemacht werden kann, da die Platine keinerlei Schäden aufweist. Es lag lose in einer Plastiktüte dabei. Daten kann er ebenfalls nicht sicherstellen.
Was soll ich als Laie nur von all dem halten? Der Rechtsanwalt wurde informiert …
Die Geldkarten von Jens sowie sein Personalausweis haben wir nahezu unversehrt zurückerhalten. Im Gegensatz dazu soll so eine winzige Speicherkarte innerlich total zerstört sein? Kann der enorme Druck des Flugzeugaufpralls, die Bits and Bytes so durcheinanderbringen, dass sie gleich verschwinden und nichts mehr gelesen werden kann?
Ich bin kein Fachmann. Ich lege nur meine Gedanken dar, die mir zu dem Thema durch den Kopf gehen.
Niemand von uns Hinterbliebenen hat eine Handy-Speicherkarte zurückbekommen, die letzte Aufnahmen der Opfer enthält. Zumindest ist mir keiner bekannt. Sollte auf ihnen wirklich nichts zu retten gewesen sein, wie vonseiten der Verantwortlichen zu hören ist? Es waren 149 Personen an Bord. Nahezu jeder hat wohl ein Telefon mit sich geführt. Abgesehen davon, dass Jugendliche, wie beispielsweise die Halterner Schüler, meist auf ihr Smartphone fixiert sind und alles Mögliche in Wort und Bild festhalten. Keiner der Eltern, die ich kenne, haben Aufnahmen zurückerhalten, die die Kinder während ihres Aufenthaltes in Spanien angefertigt haben.
Die Ermittler in Frankreich haben die Handys untersucht. Ob und was sie einlesen konnten, haben wir nie erfahren. Niemand hat mit uns darüber gesprochen. Und so brodelt die Gerüchteküche.
Vielleicht werden Daten als Beweismaterial zurückgehalten, was allerdings einer Unterschlagung gleich käme, und ich mir nicht so recht vorstellen kann. All die Speichermaterialien gehören uns, den Erben, auch wenn sich Aufnahmen über die letzten Minuten des Flugzeugabsturzes darauf befänden.
Oder, möchte man uns vor schmerzvollen Absturzbildern zu schützen? Jedoch sollte man uns entscheiden lassen, was wir uns zumuten wollen und was nicht.
Einige Opfer-Familien haben die Handys wie wir von Spezialfirmen untersuchen lassen. Leider vergebens, auch sie konnten keine verschwundenen Daten retten. Sie erhalten den Tipp, es in Zukunft nochmals zu versuchen, denn die Entwicklung der Elektronik schreitet rapide voran.
Das Reich der Spekulationen blüht.
Zurück zu den Fakten. Von den 4 USB-Sticks, die wir zurückerhalten haben, waren zwei der Sticks brauchbar und konnten geöffnet werden. Es befinden sich private und dienstliche Daten von Jens darauf. Eine Datei ist verschlüsselt. Leider funktioniert es nicht wie im Film: einfach ein Geburtsdatum, eine Lieblingsperson oder eine andere nahe liegende Bezeichnung einzugeben, und schon wird »Sesam-öffne-dich« aktiv. Doch wer könnte uns helfen und macht das auch? Trotz umfangreicher Suche haben wir niemanden gefunden, der dazu willig und in der Lage wäre. Ich hatte sogar den Chaos-Club angeschrieben, aber die hielten es nicht für nötig zu antworten.
Im Internet existieren Firmen, die derartige Dienstleitungen anbieten, gegen Vorkasse, versteht sich. Wir ließen uns trotzdem darauf ein. Es gab eine Geldrückgabe-Garantie, bei Nichtfinden des Kennworts. Leider blieben sie erfolglos. Das Geld erhielten wir wider Erwarten zurück. Derzeit lässt mein Mann den Computer mit einem »Entschlüsselungsprogramm« Tag und Nacht laufen. Das geht bereits seit Monaten so, doch bisher ohne Ergebnis. Jens muss eine ungemein lange Zeichenkette für das Passwort gewählt haben.
Ich bin müde.
© Brigitte Voß
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