25.11.2019, Montag – traumatischer Mix

Ein Trauma ist keine normale Erinnerung an ein bedrohliches Ereignis. Der Betroffene ist mittendrin im Geschehen, mit all seinen Gefühlen und lebhaft auftretenden Vorstellungen und deutlichen Bildern. Sowohl körperliche als auch psychische Beschwerden sind die Folgen. Normalerweise werden Erlebnisse in verarbeiteter Form im Gedächtnis abgelegt. Es ist wie in einem Aktenschrank, in dem jeder Ordner seinen zugewiesenen Platz findet. Bei einem traumatischen Vorfall bleibt die Verarbeitung unvollendet. Er verläuft derart plötzlich und hastig, dass an eine geordnete Ablage im Gehirn nicht zu denken ist. Das Ereignis wird unverarbeitet abgespeichert, so als würde man die Papiere liederlich in den Schrank stopfen, bis er auseinanderbrechen zu droht. Eine Traumabehandlung zielt darauf ab, das Chaos im Kopf (Schrank) zu beseitigen.
Die Psychologin, Frau Blume, meint, ich sei durch die starken Turbulenzen, die wir auf unserem letzten Flug nach Le Vernet erleben mussten, re-traumatisiert (siehe »der Flug«, Teil 1 und Teil 2).
Albträume vermiesen mir die Nächte, Unruhezustände ebenso den Tag.
Sie sagt, ein derart ungewolltes Wiederaufleben eines Traumas sei stets möglich. (Siehe dazu »Die Albtraumblase«.) Das Auftreten bestimmter Farben, Gerüche, Geräusche oder sonstiger Ereignisse könne Erinnerungen wecken und damit auch ein Trauma. Sie redet behutsam auf mich ein, weil sie weiß, dass ich der Ansicht bin, nicht traumatisiert zu sein. Sie schlägt mir eine Traumatherapie vor, die sie EMDR nennt. Diese Abkürzung steht für Eye Movement Desensitization and Reprocessing (Definition siehe Wikipedia). Die Methode ist relativ neu und soll erwiesenermaßen hilfreich sein.
Auf meinen skeptischen Blick hin, prophezeit sie mit eindringlicherer Stimme, ich müsse jederzeit damit rechnen, dass es mir phasenweise schlecht ergehen könne. Ich würde ohne Behandlung derartige Beschwerden niemals loswerden. Die Unterdrückung negativer Gedanken und Gefühle bezüglich des traumatischen Geschehens bewirke das Gegenteil. Sie würden mit Macht an die Oberfläche drängen. Ein Teufelskreis stelle sich ein: Der Betroffene habe den Eindruck, die Kontrolle über die eigenen Vorstellungen und Empfindungen zunehmend zu verlieren. Langfristig gesehen sei die Traumavermeidung keine gute Strategie. Es passiere, dass der Geschädigte sein Leben einschränkt. Die Worte sozialer Rückzug und Interessenverlust fallen.
Bisher konnte ich mich gut und erfolgreich kontrollieren. Die Indianerbücher aus meiner Kindheit haben Spuren hinterlassen, vorrangig die Aussage: »Ein Indianer kennt keinen Schmerz«.
Sie kontert, ich solle die negativen Gedanken an mich heranlassen und nicht verdrängen, vor allen Dingen nicht bei der Therapie. Es sei wichtig, diese wie normale Erinnerungen ins Gedächtnis einzusortieren.
Betroffene sollten sich nicht mehr wehrlos in die Situation zurückversetzt fühlen, sondern im Anschluss an die Behandlung, die schlimmen Bilder im Kopf als etwas Vergangenes wahrnehmen und aushalten können.
Im Nachbarzimmer klingelt das Telefon. Ich fahre vor Schreck zusammen.
Sie schaut mich an, »Sehen Sie, diese Schreckhaftigkeit ist auch ein Zeichen für eine Traumatisierung«, und fährt fort, mir den Ablauf einer EMDR zu erklären.

Eine Woche später sitze ich erneut im Behandlungszimmer von Frau Blume. Nach einem Vorgespräch beginnt die Therapie. Sie bewegt nicht, wie bei der klassischen EMDR, ihre Finger rhythmisch vor meinen Augen hin und her, damit sie ihnen folgen sollen. Dafür verwendet sie eine andere Methode. Ich bekomme in jede Hand einen zylindrischen Gegenstand, über den ich auf der Haut abwechselnd rechts und links einen regelmäßigen Takt spüre. Meine Augen sind geschlossen. Ich lasse mich in Gedanken bereitwillig von ihr in das Flugzeug versetzen. Ich befinde mich inmitten der abstürzenden Passagiere. Gedämpfte Schreie dringen an mein Ohr. Das Triebwerk heult. Sofort entdecke ich Jens. Er sitzt am Fenster, wirkt hilflos und allein. Ich würde ihn am liebsten aus der Maschine zerren, doch kann ich nichts ändern. Ich bin der machtlose Zuschauer. Es ist furchtbar. Ich gleite immer weiter in die schlimme Situation hinein. Der Leidensdruck ist groß. Und ständig diese Fragerei der Psychologin, wie ich mich gemessen nach einer Belastungsskala von 1 bis 10 fühle. Letztendlich bitte ich, das Prozedere zu beenden. Ich will nur noch weg. Sie fragt, und ich erkläre, dass ich Jens nicht retten kann. So sehr ich das wünsche. So geht das eine Weile hin und her.
Allmählich lässt sie locker und möchte wissen, was ich stattdessen tun könnte. Sie versucht, mich auf positive Lösungsansätze zu lenken. Mir fällt dazu nichts ein. Ich stehe dem abstürzenden Jens tatenlos gegenüber. Ich kann nicht helfen. Das ist bitter. Ich bin nicht in der Lage das katastrophale Bild vor meinem inneren Auge mit etwas Hoffnungsvollem zu überschreiben.
Schließlich erkundigt sie sich, ob es nicht eine gewisse Hilfe für ihn sein könnte, gegen das Vergessen zu schreiben. Sie spielt auf den Blog Seelenrisse an. Ich atme auf. Damit hat sie natürlich recht. Ich möchte verhindern, dass der Flugzeugabsturz aus den Köpfen der Menschen gelöscht wird und sich niemand mehr an die armen Opfer erinnert.
Die Behandlung ist beendet. Ich weiß nicht, ob sie mir geholfen hat, doch der Gedanke, dass ich mit dem Tagebuch helfe, die Erinnerung an Jens aufrecht zu erhalten, hat mir schon immer gefallen. Nur habe ich diese Erkenntnis nie in Zusammenhang mit der Hilflosigkeit gesehen, die mich befiel, stellte ich mir Jens im abstürzenden Flieger vor.
© Brigitte Voß


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3 Gedanken zu “25.11.2019, Montag – traumatischer Mix”

  1. Liebe Frau Voß,
    Ich verfolge Ihren Blog von Anfang an.
    Auch ich bekomme die schlimmen Bilder von dem Absturz nicht aus meinem Kopf, obwohl ich nur eine Außenstehende bin. Wie furchtbar das für Sie als Angehörige sein muss, wage und möchte ich mir gar nicht vorstellen. 😪
    Ich hoffe und bete dafür, dass Ihnen die Therapie helfen kann, das Trauma zu bewältigen🙏🙏.
    Ich wünsche Ihnen und Ihren Liebsten alles erdenklich Gute, Kraft , Glück und jede Menge Gesundheit 🍀🍀🍀.
    LG
    Michaela Bergmann

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    1. Liebe Frau Bergmann,
      vielen Dank für die aufmunternden Worte. Mittlerweile geht es mir etwas besser. Ich schreibe aus der Rückschau und bin leider in einen argen Rückstand geraten.
      Liebe Grüße
      Brigitte Voß

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