21.11.2019, Donnerstag – über die »Seelenrisse«

Ich habe mit dem Blog »Seelenrisse« im Juni 2015 begonnen, etwa ¼ Jahr nach dem Flugzeugabsturz. Nachdem die Psychologin mich mit dem Spruch bestärkte: »Was aus dem Herzen kommt, soll man tun«, begann ich, eine geeignete Plattform für mein Vorhaben zu finden, wählte ein Theme (Design) aus und schrieb los. Gedanken über Struktur, Nutzerfreundlichkeit und Auffindbarkeit im Internet waren mir fremd, sind es teilweise immer noch. Ich verwende eine bescheidene Gratisversion, die leider mit Werbung aufwartet, die ich nicht beeinflussen kann. Der Leser möge mir verzeihen.
Die kostenpflichtigen Upgrades beinhalten Tools, die ich für den Blog, zumindest bis jetzt, nicht nutzen möchte, da er ohne irgendwelchen Schnickschnack daherkommen soll. Von Anbeginn habe ich ihn schlicht und einfach gehalten.
Damit verzichte ich auf die Suchmaschinenoptimierung.
Obwohl die Zugriffszahlen mit den Jahren erheblich nachgelassen haben, findet man die »Seelenrisse« nach wie vor problemlos im Internet.
Damals hatte ich keinerlei Plan. Ich wusste nur, ich wollte über die Katastrophe schreiben. Was in der Folge einsetzte, war unerwartet und ging zunächst voll an mir vorbei. Tausende Leser aus aller Welt klickten sich täglich durch das Tagebuch.
Die blogeigene Statistik offenbart die Zahl der Besucher, welche Beiträge wann und wie häufig aufgerufen werden, und in welchen Ländern gelesen wird. Manchmal werde ich danach gefragt: Die Nutzer bleiben anonym.
Der Zuspruch war enorm. Zum ersten Jahresgedenken schaute ich ungläubig auf die Daten und überflog die zahlreichen, mitfühlenden Kommentare oder persönlichen Nachrichten von unbekannten Menschen. Anstatt mich ein wenig getröstet zu fühlen und froh darüber zu sein, registrierte ich zwar die Zahlen sowie die lieben Worte, aber mit einem Klick war all das vom Bildschirm und damit aus meinem Kopf verschwunden. Ich fand mich in der Realität wieder, und die war kaum aushaltbar. Trotzdem oder gerade deswegen traktierte ich die Tastatur des Laptops. Die Sätze flossen nur so aus mir heraus. Eine Zeit lang war ich zu nichts anderem fähig. Einerseits tat mir das Schreiben gut, andererseits quälte es, weil ich Erlebnisse schilderte, die mich tief in der Seele aufwühlten.
Allmählich wurde mir bewusst, dass ich mit dem Blog, neben der eigenen Verarbeitung des grausamen Geschehens und meiner Trauer, ebenso gegen das Vergessen ankämpfe. Die Leser sollen sich an die Opfer des Flugzeugabsturzes vom März 2015 erinnern. Jens und all die hilflosen Insassen der Maschine wurden hinterhältig ermordet. Die Umstände, die zur Katastrophe führten, sollen ewige Mahnung sein.
Das Internet-Tagebuch erreicht überdies Menschen, die depressiv sind, die ihre Kinder oder ihnen nahestehende Personen durch Krankheit, Mord, aber auch Suizid verloren haben, die sich auf irgendeine Weise mit dem Blog identifizieren können. Sie haben mich kontaktiert oder entsprechende Kommentare hinterlassen.
Mit den Jahren hat sich mein Blick auf die Statistik von WordPress geschärft.
Manchmal werde ich gefragt, ob das Interesse an den »Seelenrissen« groß ist. Ich mag nur veröffentlichen, dass die Anzahl der Aufrufe bis dato im mehrfachen sechsstelligen Bereich zu finden ist, und die Beiträge bisher in folgenden Ländern gelesen wurden (alle eingefärbte Flächen): Leider ist die Besucherzahl erheblich zurückgegangen, was in der Natur der Vergänglichkeit liegt. Das Leben geht weiter.
Auch haben sich Leser erkundigt, ob ich das Tagebuch als Buch herausgeben möchte. Die klare Antwort: »Nein«. Ich sträube mich, finanziellen Gewinn aus meinen Worten über die Katastrophe zu ziehen. Irgendwelche Verlage dürfen das gleich gar nicht. Da eine Veröffentlichung als Print- oder E-Book über Amazon als Selfpublisher möglich wäre, könnte ich es zwar als sogenanntes Spendenbuch veröffentlichen, und die Verkaufseinnahmen einem guten Zweck zuführen, allein, mir fehlt der Nerv dazu, obwohl sich die Reichweite der »Seelenrisse« vergrößern würde.
Ich habe keine Ahnung, wie lange ich den Blog mit Beiträgen füllen werde. Aufhören kann ich nicht, da er zu meinem Wegbegleiter mutiert ist.
Ich freue mich, wenn er gelesen wird.
© Brigitte Voß


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