06.11.2019, Mittwoch – die Albtraumblase

Seit den Turbulenzen des letzten Fluges von München nach Marseille durchleide ich im Schlaf erneut Träume, die ich am liebsten verbannen möchte. Sie handeln von Verlust und Tod, wie beispielsweise, dass Jens mehrere Male stirbt oder mein Mann sich in Luft auflöst und für immer verschwindet.
All das ängstigt mich.
Kürzlich träumte ich, dass ich eine Passagiermaschine sah, die wie ein schwerer Brocken heulend nach unten stürzte. Ich schrie derart, wie ich es in der Realität niemals könnte. Es folgte ein fürchterlicher Knall, von dem ich aufwachte. Noch im wachen Zustand dröhnten mir die Ohren. Im Gegensatz dazu erschien mir die Ruhe im nächtlichen Schlafzimmer gespenstisch. Das Absturzgeräusch erinnerte mich an den Aufprall der Kleinmaschine in Le Vernet zum zweiten Jahresgedenken, das wir von unserer Unterkunft aus hören konnten.
Ich mag gar nicht mehr ins Bett gehen.
Die Vorstellung an Jens und seine Angst gaukeln mir grässliche Fantasiegebilde vor, die mich in den abstürzenden Airbus befördern. Sie sind so lebhaft und deutlich, als wäre ich mitten unter den Opfern. Trotzdem sich die Bilder nur vor meinem inneren Auge abspielen, findet das Herzklopfen seinen Weg durch den Körper bis in die Ohren. Die emotionale Belastung ist groß. Hastig wende ich alle Kräfte auf, diese Hirngespinste in die hinterste Ecke des Gehirns zu verbannen, und hoffe, dass sie dort verkümmern und mit der Zeit verschwinden.
Natürlich behauptet die Psychologin, ich sei re-traumatisiert, was ich erneut prompt ablehne. Ich erhalte die Antwort, dass Angehörige oft stärker traumatisiert seien, weil sie nicht helfen konnten. In den Köpfen der unmittelbar Betroffenen, hingegen, würden während des Terrors Schutzmechanismen im Gehirn aufgebaut, die nach den Regeln des reinen Verstandes funktionieren.
Ich müsse die Bilder mit ihren dabei auftretenden Gefühlen kommen lassen und dürfe sie nicht ignorieren. Nur so könne ich den Absturz verarbeiten, nur so würde es mir besser gehen.
So richtig bin ich nicht überzeugt.
Je tiefer mich die Vorstellung über das Leid von Jens im Angesicht seines nahenden Todes in ihren Strudel hineinzieht, desto mehr quäle ich Seele und Körper. Ich mag es nicht, quälende Empfindungen auszuleben. Mir reicht, was wir bisher durchgemacht haben. Zusätzlichen Schmerz lehne ich ab.
Auch wenn es gelingt, sich neu zu sammeln und neu zu orientieren, wird uns das Wissen um den unfassbaren Verlust und wie es dazu kam, auf Schritt und Tritt begleiten. Ich befürchte, dass wir der Albtraumblase, in der wir uns befinden, nicht gänzlich entrinnen können.
Es tauchen ja immer wieder Ärgernisse auf, wie in den letzten drei Beiträgen berichtet, die neue Wunden aufreißen. All die Beschwerdebriefe, die derzeit von den Opfer-Familien geschrieben werden, werden nichts nützen. Sie helfen zwar dem Bewusstsein, sich gewehrt zu haben, doch der Konzern ist kalt und aalglatt.
Von Angehörigen weiß ich, dass Politiker anlässlich der offiziellen Trauerfeiern in Köln oder in Barcelona ihnen die Hand drückten, wobei sie versicherten, sie könnten stets auf ihre Unterstützung zählen. Vielleicht wendet sich einer der Hinterbliebenen an sie, unterrichtet sie von der unverständlichen Entscheidung der Lufthansa, Hilfen für die Reisen in die Region des Absturzortes einzustellen, und nimmt sie beim Wort.
Leider ist zweifelhaft, ob derartige Beschwerden etwas bringen würden.
Würden die Fragen nach Schuld und Verantwortlichkeiten für die Katastrophe endlich geklärt auf dem Tisch liegen, würde die Verarbeitung des schrecklichen Geschehens einen kräftigen Schub in die positive Richtung erfahren. Das ist, was fehlt.
Das Bloggen in den »Seelenrissen« hilft, all die Erschwernisse, die sich der Trauerverarbeitung in den Weg stellen, in ihren Auswirkungen abzuschwächen. Ich versuche mit geschriebenen Worten, die Albtraumblase zu durchlöchern, um ein bisschen Dampf abzulassen. Vielleicht gelingt mir auf diesem Wege, ihr zu entrinnen. Das Vertiefen in quälende Fantasien funktioniert in meinem Fall nicht.
© Brigitte Voß


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