02.11.2019, Sonnabend – Wortbruch (3)

So, wie der Airbus in den südfranzöschen Alpen in kleinste Stücke zerschmettert wurde, ging auch unser Leben zu Bruch. Wir haben einen geliebten Menschen verloren. Sein gewaltsamer Tod hätte nicht sein müssen. Jens und all die anderen im Flugzeug wurden ermordet. Seitdem ist für uns nichts so geblieben, wie es vor der Katastrophe war. Die Leichtigkeit des Seins, das Vertrauen in die umgebende Welt, die seelische sowie die körperliche Gesundheit sind zu Bruch gegangen. Das Dasein ist brüchig geworden. Alles wird hinterfragt, der Boden unter den Füßen schwankt.
Sogar Worte, die einst gesprochen wurden, um uns zu unterstützen, sind zu Bruch gegangen. Wortbruch.
Die Pause ist beendet, die Veranstaltung der Lufthansa wird fortgesetzt.
Ein Halterner Vater bittet um das Mikrofon und beteuert, der Konzernchef habe kurze Zeit nach der Katastrophe Haltern besucht und den Familien zugesichert, Reisen nach Le Vernet für einen unbegrenzten Zeitraum zu ermöglichen. Angesichts der uns soeben offenbarten Neuregelung habe Herr Spohr Wortbruch begangen.
Die Zustimmung im Raum ist groß.
Damit ist der Sachverhalt öffentlich benannt. Wortbruch vom Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Lufthansa, von Herrn Carsten Spohr.
Politiker melden sich nach einer Katastrophe mit zahlreichen Aussagen zu Wort. (Auf Konzernchefs trifft das offensichtlich ebenso zu.) Sie begeben sich an den Ort des furchtbaren Geschehens oder einen anderen charakteristischen Ort, um sich mit entsprechendem Hintergrund oder gar im Gespräch mit Opfern/Hinterbliebenen zu zeigen. So etwas nennt man medienwirksam, weil es in den Augen der Welt gut ankommt. Halten sie Reden, beginnen ihre Sätze oftmals mit: »Wir werden alles tun, um …« Sie versprechen sofortige und ausreichende Hilfe. Bleibt sie jedoch aus, haken die Geschädigten nach. Sie stellen Forderungen finanzieller Art, verlangen Aufklärung, die Schuldfrage wird gestellt. Die Staatsvertreter hingegen, wollen meist von den einstigen Zusicherungen nichts mehr wissen.
Augenscheinlich liegt hier ein gesetzmäßiges Muster vor, das ich häufig in der Folge von Katastrophen beobachten konnte …
Es entspricht der Wahrheit, dass Herr Spohr uns zugesichert hatte, langfristige Hilfen zu gewähren. So sagte er beispielsweise kurz nach dem Flugzeugabsturz anlässlich eines Besuches in Le Vernet: »Wir helfen nicht nur diese Woche. Wir möchten solange helfen, wie Hilfe benötigt wird.«
Die Medien hatten wiederholt darüber berichtet. Ähnliches haben wir von ihm zum ersten Jahresgedenken in Le Vernet öffentlich zu hören bekommen.
Wieso entscheidet Lufthansa, dass wir keine Hilfe mehr benötigen? Uns hat niemand gefragt. Die Worte des Konzernchefs sind zu Bruch gegangen.
Für meinen Mann und mich ist es ungemein wichtig, in Le Vernet zu sein. Über die Gründe habe ich im Blog mehrfach geschrieben.
Die Fluggesellschaft hat im Jahr 2018 trotz hoher Treibstoffkosten und zahlreicher Flugausfälle mit teuren Folgen, den zweithöchsten Gewinn in ihrer Geschichte erzielt. 2,8 Milliarden Euro! Eine unvorstellbare Summe, da sind unsere Ansprüche doch nur ein kleiner Tropfen auf dem heißen Stein. Das uns soeben eröffnete Vorhaben ist umso unverständlicher, berücksichtigt man, dass die Anzahl der Reisen der Opfer-Familien in Le Vernet rückläufig ist.
Ich habe den Eindruck, unsere Toten sind für die Lufthansabosse nur Kennzahlen, die für finanzielle Verluste stehen. Anders kann ich mir den Wortbruch nicht erklären.
Die leitende Betreuerin seitens der Lufthansa betont wie schon so oft, die Freiwilligkeit der Hilfsleistungen des Konzerns gegenüber.
Ich hingegen finde, dass sie uns zustehen. Ich fühle mich ohnmächtig. Wir sind die Bittsteller für etwas, das eine MORALISCHE SELBSTVERSTÄNDLICHKEIT sein sollte.
Es ist nicht unsere Schuld, dass das Flugzeug von einem Einzelnen in den Tod gesteuert wurde.
Nach der Veranstaltung wird heftig diskutiert.
Allmählich leert sich der Saal. Innige Umarmungen.
Eine Angehörige sitzt weinend auf einem Sofa. Der Flugzeugabsturz hat sie zur Witwe gemacht. Ihre Kinder haben den Vater verloren …


Nach der Zusammenkunft packen wir die Reisetasche und laufen vom Hotel zu den Abfertigungshallen des Düsseldorfer Flugplatzes. Wir nutzen die Zeit, die uns bis zum Abflug bleibt, und suchen den »Raum der Ruhe« im Airport auf. Er erinnerte ursprünglich an den verheerenden Flughafenbrand 1996, mittlerweile auch an die Germanwings-Katastrophe.
Wir dekorieren die Gedenktafel mit einer Rose. Ich reiße aus einem Heft eine Seite heraus, Besseres steht mir derzeit nicht zur Verfügung, um daraus einen Schmetterling zu falten. Es ist mir ein inneres Bedürfnis.
Ich stecke ihn an die Rose. Jens ist nah.
Ich bin erschöpft, traurig und sehr, sehr müde.

© Brigitte Voß


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