Die folgende Diskussion ist sehr emotionsgeladen. Das Mikrofon wird herumgereicht. Unverständnis auf der ganzen Linie.
»Aber dort oben sind doch unsere Kinder!«, ruft eine Mutter. Weiter kann sie nicht sprechen, weil ihr die Stimme versagt.
Wütende oder fassungslose Meinungen der Teilnehmer folgen.
Ich möchte eine Begründung für diese Entscheidung hören und fordere die Leiterin der Angehörigenbetreuung, Frau H., auf, sie solle Herrn Spohr auffordern, wenigstens die moralische Verantwortung für die Katastrophe zu übernehmen. Das Mikrofon zittert in der Hand. Das Blut rauscht in den Ohren.
Die Begründung bleibt aus.
Ein ausländischer Angehöriger bedankt sich per WhatsApp für meinen Wortbeitrag.
»Ist das die Reaktion, dass wir gegen die Lufthansa vor Gericht gezogen sind?«, ruft ein Vater aus Haltern zornig dazwischen.
Natürlich wird das von Frau H., die die alleinige Moderatorin der Veranstaltung ist, verneint. Sie hätte nie einen Unterschied unter Klägern und Nichtklägern gemacht.
Das mag stimmen.
Ich habe den Eindruck, dass sie zwischen den Stühlen steht. We weiß, was angesichts der von Trauer, Wut und Bestürzung getragenen Wortbeiträge der Angehörigen in ihrem Kopf vorgeht. Sie ist diejenige, die uns seitens der Fluglinie am besten kennt, denn sie betreut uns mit ihrem Stab seit der Katastrophe. Sie ist redegewandt, eine gute Moderatorin und hat schlagend freundliche Augen. Bei all dem vergesse ich allerdings nie, dass sie die Lufthansa vertritt.
Wut und Tränen wechseln sich unter den Hinterbliebenen ab. Manche versuchen, sachlich zu bleiben.
Anwesende geben zu bedenken, dass sie bisher nie in Le Vernet waren. Sie bräuchten einfach Zeit, um den Ort des Todes ihrer Lieben ertragen zu können. Und hiermit werde ihnen die Option genommen, in aller Ruhe die Absturzregion zu einem späteren Zeitpunkt zu besuchen.
Abgesehen von den Finanzen ist es für einige Familien schwierig, selbst solch eine Reise zu organisieren und allein zurechtzukommen. Sprachkenntnisse fehlen. Mit Englisch oder gar Deutsch kommt man in Frankreich oftmals nicht weit. Ältere Angehörige finden sich im Internet nicht zurecht, um beispielsweise einen Mietwagen zu bestellen und sonstige Fakten zu erkunden. Und, und und … Jegliche Unterstützungen werden gestrichen.
Die Betreuerin kann froh sein, dass zur Veranstaltung weniger Hinterbliebene gekommen sind als normalerweise. In NRW, woher die meisten Betroffenen stammen, sind Schulferien. Außerdem wurde gestern Allerheiligen begangen, heute ist Allerseelen. Die hiesige Region ist sehr katholisch geprägt, ebenso eine Vielzahl der Opfer-Familien. An beiden Tagen wird der Verstorbenen gedacht, Gräber werden besucht, und Gräber werden gesegnet. Der Termin für das Treffen liegt ungünstig.
›Oder war das etwa Absicht?‹, zuckt es mir durch den Kopf. Ich bin extrem misstrauisch geworden und schließe nichts mehr aus.
Die Vertreterin der Lufthansa wird demnächst nach Barcelona und Buenos Aires reisen, um die dortigen Angehörigen über die neuen Regelungen zu informieren. Ich glaube, die Spanier/Katalanen werden diese Informationen nicht so tragisch aufnehmen, wie wir Deutschen. Mein Eindruck ist, sie mieten sich lieber auf eigene Kosten ein Zimmer und legen die rund 550 km bis zur Absturzregion mit privaten Mitteln zurück.
Mir brummt der Schädel, sodass ich froh bin, dass endlich eine Pause verkündet wird. Langsam erheben wir uns von den Sitzen.
Wir bedienen uns vom Buffet. Die Angehörigen sind erstaunlich still oder diskutieren leise. Es knistert in der Luft.
Ich begrüße die iranischen Freunde, mit denen ich in Teheran zusammen sein durfte (siehe Iranreise). Mit Herzlichkeit fallen sie mir um den Hals und wollen wissen, wie es mir geht. Während des Gesprächs übernimmt ein ernsthafter Zug in ihren Gesichtern die Oberhand. Für sie ist die Entscheidung der Fluggesellschaft besonders tragisch, da ihr Sohn in Le Vernet begraben wurde und nicht in Teheran. Wir haben sie häufig dort getroffen. In ihrer Heimat müssen sie ein umständliches und dazu noch teueres Prozedere auf sich nehmen, um ein Visum nach Frankreich oder wie jetzt nach Deutschland zu ergattern. Sie sind ratlos, wie sie zukünftig ohne die Unterstützung der Fluglinie zum Grab ihres Sohnes, in das Bergdorf gelangen sollen.
Auf der Toilette werde ich in ein Gespräch mit einer Halterner Mutter verwickelt. Wir stehen vor dem Spiegel. Sie zerrt die Bürste durch ihre Haare, als trügen sie die Schuld an dem Beschluss von Lufthansa. Sie dreht sich mir zu und klagt: »Herr Spohr hat Wortbruch begangen.«
© Brigitte Voß
(Fortsetzung folgt)
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