02.11.2019, Sonnabend – ein unfassbarer Beschluss (1)

Die Lufthansa hat uns, wie jedes Jahr, zu einer Informaionsveranstaltung in ein Düsseldorfer Hotel nahe dem Flugplatz eingeladen. Bereits in der Vergangenheit stand es für derartige Zwecke zur Verfügung.
Nach dem Frühstück haben wir noch Zeit, durch das weiträumige Hotel zu bummeln.
Plötzlich weist mein Mann auf eine Sitzgruppe: »Erinnerst du dich? Hier erwartete uns ein Kollege von Jens, als wir nur wenige Tage nach der Katastrophe hier ankamen, um das erste Mal nach Le Vernet zu fliegen.«
»Nein! Da waren wir hier?« Ich fiel aus allen Wolken. »Wieso weiß ich das nicht?«
Und so laufen wir zielgerichtet weiter, wobei er mir Plätze zeigt, an denen wir uns aufhielten. Er erzählt einiges, was ich wissen müsste. Nur langsam fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Aus der Dunkelheit tauchen Bilder hervor und werden klarer.
Natürlich erinnere ich mich, dass wir damals mit den japanischen Kollegen von Jens in die französischen Alpen reisten. Der Vater, der seinen Sohn durch den Flugzeugabsturz verloren hat, traf mit der verwitweten jungen Frau etwas später aus Japan im Hotel ein. Das verstorbene Familienmitglied war ein Kollege von Jens.
Ich hatte in den »Seelenrissen« über den Aufenthalt in diesem Hotel und der gemeinsamen Weiterreise mit den Japanern nach Le Vernet im März 2015 in den Teilen 1 bis 6 geschrieben. Die Örtlichkeiten, wo und wie sich die Abläufe ereigneten, waren in meinem Kopf ungenau hinterlegt. Damals lag ich vollkommen neben der Spur und die folgende Zeit verrichtete gute Verdrängungsarbeit. Auf jeden Fall hat sich der verschwommene Vorhang gelöst. Ich sehe alles wieder deutlich vor mir …
Einige Familien sind bereits eingetroffen. Wir freuen uns über das Wiedersehen. Die meisten kommen aus NRW und haben deshalb einen bedeutenden kürzeren Anfahrtsweg als wir. Die weiteste Anreise haben die iranischen Angehörigen gehabt.
Wir tauschen persönliche Neuigkeiten aus. Da wir uns selten treffen, wissen wir nicht, mit wem wir uns zuerst unterhalten sollen.
Unmittelbar vor Beginn der Versammlung wird uns zugeraunt, Lufthansa habe vor, die Hilfen für die Reisen nach Le Vernet zu streichen. Wir können es kaum glauben. Sollte es nicht immer so bleiben?
Mit mulmigem Gefühl erwarte ich, was die Leiterin der Angehörigenbetreuung seitens der Fluggesellschaft (Post Emergency Organization), Frau H., mitteilen wird.
Endlich ruft sie uns zur Einnahme der Plätze auf.
Nach der Begrüßung beginnt sie mit dem Thema, das uns brennend interessiert, nämlich, wie die Fahrten nach Le Vernet von Lufthansa zukünftig gehandhabt würden.
Das, was ich hören muss, bringt meine Gedanken vollkommen durcheinander. Ich sitze steif wie ein Stock, bin schockiert und verarbeite die Folgen der Information nur langsam.
Der milliardenschwere Konzern plant, ab 2021 die Kosten sowie die Organisation der Reisen nach Le Vernet komplett einzustellen. Ausgenommen sind die Jahrestage am 24. März. Er könne sich allerdings vorstellen, die restlichen Gelder des Hilfsfonds dafür zu verwenden. Lufthansa hatte ihn ins Leben gerufen, um Projekte der Angehörigen, die dem Gedenken der Toten gewidmet sind, zu unterstützen. In naher Zukunft läuft der Fonds nach 5-jähriger Laufzeit planmäßig aus. Die nichtgenutzten Mittel könnten die Reisekosten nach Südfrankreich für weitere fünf Jahre decken. Sie würden somit allen Hinterbliebenen zugutekommen. Das bedürfe jedoch einer Bewilligung durch das Kuratorium des Fonds, das sich im folgenden Jahr mit dem Thema befassen werde. Geschehe das nicht, müssten die Familien ihre Reisen in die Absturzregion selbst organisieren und bezahlen.
Niemand war auf solch eine Information vorbereitet und hat überhaupt damit gerechnet.
War das nicht von Anbeginn anders geplant?
Es hat uns eiskalt erwischt. Wir sind fassungslos.
© Brigitte Voß


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