24.10.2019, Donnerstag – Licht und Schatten

Letzte Nacht habe ich wenig geschlafen, und wenn, weckten mich Albträume. Ich musste an den vergangenen Flug denken. Im Nachhinein war ich froh, dass wir angeschnallt waren, sonst wäre ich Leichtgewicht an die Decke geschleudert und anschließend mit Wucht auf die Sitze oder gar auf den Fußboden zurückgeknallt.
Was bereits die zwei Luftlöcher unter den Passagieren ausgelöst haben, mussten wir hautnah durchleben. Der Airbus, in dem Jens saß, näherte sich hingegen mit maximaler Betriebsgeschwindigkeit der Erde. Was sich dort unter den Reisenden abgespielt haben mag, kann ich aus eigenem Erleben nur erahnen. Es muss furchtbar gewesen sein. Demgegenüber behauptet Lufthansa in ihrer Klagewerwiderung vor dem Landgericht in Essen, dass der Bordservice trotz des rasanten Höhenverlustes normal verlaufen wäre, und die Passagiere nichts vom Absturz mitbekommen hätten. Wie das funktionieren soll, haben wir gestern beim Durchfliegen des Unwetters erlebt. Kein Flugbegleiter ließ sich sehen, um das zerbrechliche Geschirr wegzuräumen. Wie ich im Internet in Erfahrung gebracht habe, hätten sie das tun müssen, um uns zu schützen, sogar, wenn sie sich dadurch in Gefahr brächten. Stattdessen wurden wir nach der Landung aufgefordert, selbst Scherben aufzulesen, damit sich angeblich niemand verletzt. Wenn sie schon bei Turbulenzen versagen, wie soll dann der von Lufthansa in der Klageerwiderung behauptete »ordnungsgemäße Kabinenservice« in der abstürzenden Maschine ausgesehen haben?
Ich empfinde eine abgrundtiefe Verachtung auf diejenigen, die derartige Behauptungen aufstellen, um ja nicht die Verantwortung für den Massenmord übernehmen zu müssen. Sie verhöhnen Jens, sie verhöhnen die Opfer.
Es ist klar, dass man mit solchen Gedanken nicht schlafen kann.
Todmüde krieche ich am Morgen aus dem Bett. Aus dem trüben Himmel rieselt Nässe. Dichte Nebelschleier verstecken die Berge vor unseren Augen.
Beim Frühstück verkündet Sassa, dass sie nie wieder fliegen wird. Sie ist eine einzige Verweigerung, auch was den für die Heimreise notwendigen Rückflug angeht. Das wird schwierig, es ist ihr bitterernst.
Cristiana und Hervé haben heute ein Geschäftsgespräch und fahren weg. Sicherlich dreht es sich um das Hotelrestaurant L’Inattendu, das sie nicht mehr weiterführen können und wollen. Gestern Abend wurde uns ein potentieller Käufer vorgestellt. Der freundliche Businessmanager stammt aus Kamerun und ist mit einer Französin verheiratet. Er ist nicht der einzige Interessent. Es gäbe noch eine Frau, die aus dem Gastronomiegewerbe kommt und deutsch sprechen kann.
Schade, dass unsere Freunde verkaufen müssen, womöglich bedeutet das, dass sie in einen anderen Ort ziehen. Hoffentlich wird es nicht so weit entfernt sein.
Wir suchen mit der Familie die Gedenkstätten an den Flugzeugabsturz im Ort auf.
Wir stehen vor der Stele. Sassa ist sechs Jahre alt und geht unkompliziert mit dem Tod um. Ich weise auf das Foto von Jens, das ihr Papa auf der gemeinsamen Fahrradtour durch Südschweden fotografiert hat. Ich zeige auf die Berge, die sich vor uns ausbreiten und erkläre ihr, wo ungefähr das Flugzeug abstürzte. Sie ist auffallend interessiert.
Wir betreten den Gedenkraum. Ich kenne Eltern, die das ihrem Kind, es ist sogar älter als die Enkelin, verbieten. Das Resultat war: Es hat sich heimlich Zutritt verschafft, ohne das eine vertraute Person bei ihm war.
Sassa verweilt vor den Fotos und schaut sich alles genauestens an. Schließlich steht sie vor den Erinnerungsstücken an Jens, die sich im Laufe der Zeit angesammelt haben. Sie erzählt die Geschichte, wie sie mit Onkel Jens um den Weihnachtsbaum gerannt ist, der in unserer Stadt jährlich in einer Passage aufgestellt wird. Ich erinnere mich gut. Die beiden hatten dabei sichtlich Spaß. Damals war sie fast zwei Jahre alt. Vielleicht ist es nicht ihre eigene Erinnerung, wir hatten ihr die Begebenheit oft erzählt. In ihrer Fantasie fügte sie plötzlich hinzu, dass sie und Onkel Jens zwischen den Zweigen des Baums stecken geblieben wären.
Sie ist keineswegs geschockt von den Fotos, die die lachenden Gesichter der Verstorbenen zeigen. Darüber bin ich erleichtert. Ich habe davor Erwachsene, die nur indirekt mit dem Absturz zu tun hatten, weinen sehen.
Timo würde am liebsten mit den von den Hinterbliebenen abgelegten Erinnerungsstücken spielen. Natürlich verbieten wir es ihm. Er folgt erstaunlich rasch und anhaltend.
Auf dem Friedhof fragt sie, warum vor einem Foto eine Pferdefigur steht. Ich erzähle ihr, dass eines der Mädchen, die im Flugzeug saß, Pferde ungemein liebte. Die Enkelin wünscht sich oft ein eigenes Pferd samt dazugehörigen Stall.Am Abend sitzen wir im L’Inattendu vor dem Kamin mit unseren französischen Freunden zusammen. Das Holz knackt und knistert. Wir sprechen über dies und das. Wenn wir zum Jahresende wieder kommen, würden wir erfahren, an wen Hotel und Restaurant verkauft sind. Die hauptsächliche Entscheidung darüber liegt beim Bürgermeister von Le Vernet, Monsieur Balique. Cristiana und Hervé schildern ihre zukünftigen Pläne. Sie werden nicht in Le Vernet bleiben.
Bevor wir die Zimmer aufsuchen, laufen wir noch einmal zur Stele.
Die Kerze für Jens leuchtet durch die Dunkelheit.

© Brigitte Voß

 


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