Blitze zischen durch den Himmel. Wir durchfliegen ein Gewitter.
Das Flugzeug rüttelt und schaukelt unsanfter.
Langsam wird es ungemütlich.
Mein Mann sitzt bewegungslos auf der anderen Seite des Ganges und nickt mir aufmunternd zu. Früher hatte er tüchtige Flugangst, die kurioserweise mit dem Flugzeugabsturz und damit dem Tod unseres Sohnes aufhörte.
Die Kinder sitzen neben ihren Eltern und schmiegen sich mittlerweile schutzsuchend an sie. Das gläserne Trinkgefäß hüpft vor mir auf und nieder. Die Bierflasche kippt, fällt von der Tischplatte und rollt unter der Sitzreihe davon.
Mit immensem Ruck sacken wir auf einmal in eine bodenlose Tiefe. Aus allen Richtungen scheppert das Geschirr. Tassen, Gläser und Teller, die sich vor mir auf dem Klapptisch befinden, werden in die Höhe geschleudert und zersplittern synchron mit klirrendem Krachen auf dem Boden, als würde ein Dirigent den Takt angeben.
Mich drückt eine unsichtbare Kraft nach oben. Ein Glück, dass ich angeschnallt bin.
Nahezu im selben Moment habe ich das Gefühl, auf eine unbestimmte Fläche mit starker Wucht aufzuprallen.
Obwohl ich die vereinzelten Schreie, die aus den Sitzreihen durch die Flugkabine schwirren, durchaus registriere, bin ich in Gedanken ganz woanders:
Jens, Jens, Jens – wie ist es dir in deinen letzten Minuten, Sekunden ergangen!? Der gefürchtete Film läuft vor meinem inneren Auge mit einer Intensität ab, wie ich sie noch nie erlebt habe. Gleichzeitig höre ich im Hintergrund das Wimmern von Timo und das klägliche Weinen von Sassa.
Ich sehe Jens vor mir, mit angstverzerrtem Gesicht, und kann, genau wie in diesem Moment der Realität, nichts machen.
Ich war nicht bei ihm, ich konnte nicht helfen.
Seelenhorror pur.
Mittlerweile schaukelt das Flugzeug sanft vor sich hin.
Ich drehe mich um. Die Enkelkinder pressen sich ängstlich an die Eltern, die ihr Bestmögliches geben, sie zu beruhigen.
Ich atme auf, es ist vorbei. Leider ist das ein Trugschluss, denn keine fünf Minuten später wird der Airbus erneut von dem Unwetter heftig hin und her gestoßen, um darauf hin ein zweites Mal ins Bodenlose zu stürzen. Wann hört das endlich auf?
Die Prozedur wiederholt sich: der scheinbare Aufprall, das Klirren und Scheppern von Geschirr, gedämpfte Schreie, das Weinen der Enkelkinder, mein innerer Film …
Langsam beruhigt sich das Flugzeug. Es bleibt in stabiler Lage.
Ich schaue auf das GPS des Handys. Danach fliegt die Maschine in die entgegengesetzte Richtung. Ob es richtig funktioniert, ist unklar. Der Blick aus dem Fenster zeigt, dass sie ziemlich tief dahinschwebt.
Die Situation unter den Passagieren hat sich nahezu normalisiert. Allerdings lässt sich kein Flugbegleiter sehen. Es erfolgen keinerlei Nachfragen, ob einer der Fluggäste verletzt sei. Wenigstens jetzt wäre es eine nette Geste des Flugteams, die Kinder aufzusuchen, um sie ein wenig zu trösten.
Mit 45-minütiger Verspätung landen wir in Marseille.
Endlich kommt eine Durchsage. Wir werden aufgefordert, die herumliegenden Scherben in die Fächer der Rücksitze stecken. Wie bitte?
Ich lasse sie liegen, da ich keine Lust habe, mich nach dem Schreck noch in die Finger zu schneiden.
In seinem Abschluss-Statement meinte der Kapitän lapidar, es sei wohl doch nicht alles so optimal verlaufen.
Diese Crew hat vollkommen versagt.
Immerhin sackten wir gefühlte lange Minuten senkrecht in die Tiefe. Wie viel Kilometer werden es gewesen sein? Ich kann es nicht schätzen.
Die Ursache war ein Luftloch. Dass man dabei vertikal nach abwärts sausen kann, habe ich bisher nicht erlebt.
Auf einem früheren Langstreckenflug habe ich heftige Turbulenzen über mich ergehen lassen müssen: Das Essen war gerade ausgeteilt. Die Schaukelei erschwerte, die Bissen mit der Gabel in den Mund zu zielen. Die Getränke schwappten aus den Gefäßen, allerdings wurden sie nicht in die Höhe geschleudert, wie soeben geschehen.
Heute habe ich gelernt, dass es Schlimmeres gibt.
Wir stehen im Gang und warten, dass wir das Flugzeug verlassen können. Ein Passagier meint mit lauter Stimme, das Absacken hätte acht Sekunden gedauert. Die Frau hinter ihm versucht Sassa zu trösten. Timo hat sich beruhigt. Ich drücke die beiden Enkel und erkläre, dass auch die Erwachsenen Angst hatten. Die Worte, »So etwas passiert ganz selten. Es ist sehr unwahrscheinlich«, kommen nur mühsam über die Lippen. Für mich ist seit der Katastrophe das Unwahrscheinlichste extrem wahrscheinlich. Mich wird niemals mehr jemand damit beruhigen können. Immerhin hoffe ich, dass es die Kinder glauben.
Die Pechsträhne setzt sich leider fort. Auf dem Flugplatz in Marseille finden wir die Autovermietung nicht, da sie sich nicht an dem Ort befindet, wo sie stets war.
Es gießt in Strömen.
Wir fragen uns durch mit dem Ergebnis, dass sie vorübergehend umgezogen ist.
Letztendlich sitzen wir im gebuchten Minibus. Unsere Männer suchen die Handbremse. Wir schauen in die französischsprachige Dokumentation, die im Handschuhfach liegt, und lernen, dass sie sich an einer Stelle des Fahrzeuges versteckt, wo wir sie niemals vermutet haben.
Zu später Stunde kommen wir in Le Vernet im »L’Inattendu«, dem kleinen Hotel mit Restaurant, an.
Der Empfang durch die Betreiber Cristiana und Hervé ist warm und herzlich.
Wir essen eine Kleinigkeit.
Die Kinder gehen mit ihrer Mama ins Bett. Sassa ist noch stark verschreckt. Sie tut mir leid, es war ihr erster Flug.
Wir bleiben und tauschen mit Hervé Neuigkeiten aus. Cristiana hat in der Küche zu tun, denn Gäste warten auf ihre Speisen.
Es ist schön, unter Freunden zu sein.
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