Wir reisen das erste Mal gemeinsam mit der Familie, das heißt, mit beiden Enkeln und ihren Eltern, nach Le Vernet und planen, dort zwei Nächte verbringen.
Der Enkelin ist das Fliegen nicht geheuer. Der Grund ist überraschenderweise nicht im Flugzeugabsturz ihres Onkels Jens zu finden, sondern weil sie erst vor wenigen Tagen mit dem Kindergarten an einer Führung auf dem Flugplatz Halle/Leipzig teilgenommen hat. Ein Verantwortlicher erzählte den Kindern, dass ein Flugzeug beim Zusammenprall mit einem Vogel abstürzen kann. Der Gedanke, dass so ein kleines Tier eine riesige Maschine dazu bringen könnte, ängstigt sie.
Nicht wegen Jens! Das ist doch irgendwie verrückt! Allerdings versichern ihre Eltern stets von Neuem, dass die Furcht von dem Vogel herrührt.
Wir versuchen alles, ihr die Angst zu nehmen, was nur schwer gelingt.
Mich befallen ebenfalls bange Vorahnungen. Seit nahezu einer Woche ist bei uns der Wurm drin. Zuerst befällt er Elvis III, meinen Laptop. Er ist seit drei Monaten zur Reparatur, sodass ich ihn ohne Fehlerbeseitigung zurückhaben möchte. Es erfolgt keinerlei Reaktion auf die entsprechende Forderung. Ein langbewährtes Zeitschriftenabo funktioniert nicht mehr, und vom Energielieferanten wurden wir ohne unser Wissen abgemeldet und zu einem höheren Betrag wieder angemeldet. Das ist zwar alles nicht schlimm, trotzdem beschleicht mich auf der Fahrt zum Flugplatz ein beunruhigendes Gefühl.
Zunächst gelingt die Zufahrt in das Parkhaus nicht. Wir hatten sie im Vorfeld im Internet gebucht, aber die Schranke reagiert auf den QR-Code nicht. Daher müssen wir, wie üblich, eine Karte ziehen, damit sie sich öffnet.
Das Einchecken dauert ungewöhnlich lange, da an beiden Schaltern Kunden irgendwelche Probleme haben.
Die Startzeit des Flugzeuges wird verschoben. Wir nutzen die zusätzlich gewonnene Zeit, um eine Geldrückerstattung für die Onlinebuchung zur missglückten Einfahrt in das Parkhaus zu erwirken. Der Angestellte überprüft mit deutscher Gründlichkeit die Fakten mit einem positiven Entscheid.
Zu allem Unglück wird mein Mann bei der Sicherheitskontrolle herausgegriffen, weil er vergessen hat, das Schweizer Taschenmesser, welches sich permanent in seinem Rucksack befindet, herauszunehmen. Es ist ein Erbstück meines Vaters und mir daher nicht egal. Er kann es gegen eine geringe Gebühr bis zu unserer Rückkehr lagern lassen, was er prompt organisiert. Allerdings muss er dafür den Sicherheitsbereich verlassen und sich anschließend ein zweites Mal durchecken lassen.
Wir befinden uns im Flugzeug nach München. Allmählich gefällt es der Enkelin, über den Wolken zu schweben. Timo sitzt neben mir, während ich ihn bespaße.
Es folgen vier geplante Stunden Aufenthalt, die sich wegen Unwetter verlängern.
Endlich sitzen wir in der Maschine nach Marseille. Der Pilot kündigt eine verspätete Landung an, die ihre Ursache in heftigen Gewittern und Sturm hat. Das Wetter würde die Landezeiten sämtlicher Flugzeuge durcheinanderwirbeln.
Vor Marseille werden wir tüchtig durchgeschüttelt, was nach meinen bisherigen Flugerfahrungen noch im Bereich des Normalen liegt. Die Kinder beschäftigen sich mit dem mitgeführten Spielzeug und reagieren nicht.
Eine Durchsage fordert uns auf, angeschnallt zu bleiben, weil wir ein Unwetter umfliegen.
Vor uns klappern auf den Ablagen die Gläser, Flaschen, Tassen und Teller heftiger vor sich hin. Trotz der Tatsache, dass eine Landung bevorsteht, werden sie vom Personal nicht abgeräumt. Es lässt sich nicht mehr blicken, was mich verwundert. Offensichtlich wurde der Kabinenservice ohne eine vorherige Mitteilung eingestellt.
Mittlerweile tanzen die zerbrechlichen Getränkeutensilien mit kleinen Hüpfeinlagen vor uns hin und her. Sie stellen eine Gefahr für die Passagiere dar.
Aus den Lautsprechern tönen weder Anweisungen noch Informationen. Sie bleiben stumm …
© Brigitte Voß
(Fortsetzung folgt)
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