16.10.2019, Mittwoch – Lebensträume

Es steht fest, ich werde das Polarlicht sehen. Zumindest unternehmen wir etwas dafür. Wir haben eine Reise mit den Hurtigruten gebucht, um an der norwegischen Küstenlinie entlang zu schippern. Die heutigen Schiffe transportieren zwar keine Post mehr, aber Frachten, Urlauber und Kurzzeitfahrgäste. Die Linie existiert seit 1893. Damals diente sie als reines Postschiff.
Wir haben das sogenannte Nordlicht-Versprechen gewählt. Das Angebot verspricht: »Sollte das spektakuläre Nordlicht während Ihrer klassischen Postschiffreise oder Expeditionsseereise in Norwegen nicht erscheinen, werden wir Ihnen GRATIS eine 6-tägige Reise südwärts oder eine 7-tägige Reise nordwärts anbieten.«
Was soll dann noch passieren? Wenn nicht im nächsten Januar, wird es ein anderes Mal klappen.
Uns wurde versichert, dass nur wenig Touristen zu erwarten sind, da die Kälte und die ewige Dunkelheit eine abschreckende Wirkung haben.
Das Nordlicht zu sehen, ist bereits mein zweiter Lebenstraum. Der erste, Japan zu bereisen, ging nach dem Fall der Mauer in Erfüllung.
Das hatte ich seit dem Tod von Jens nicht mehr: Ich freue mich, nein, ich träume regelrecht von dem nordischen Ereignis, das in drei Monaten stattfinden wird. In meiner Fantasie male ich es mir in den schönsten Farben aus. Ich sehne mich nach ursprünglicher Natur und Ruhe, die die kalte Winterzeit in Norwegen garantiert. Vor meinem inneren Auge tauchen rote, grüne sowie violette Bögen und Bänder an einem dunklen Himmel auf. Wohltuende Dunkelheit! Allmählich wird mir bewusst, dass ich nach ihr verlange, was mich wiederum verwirrt. Seit Jens sterben musste, hadere ich vermehrt, wenn die Sonne nicht scheint und eine dichte Wolkendecke noch mehr Trübnis in meiner Trauer verspricht. Am schlimmsten ist der Spätherbst, insbesondere der Monat November, den man treffend mit der Farbe Grau belegt.
Ich äußere oft: »Je älter ich werde, desto stärker liebe ich das Licht.«
Und jetzt auf einmal die Dunkelheit? Möchte ich einer menschlichen Gesellschaft entrinnen, die oft herrschsüchtig und grausam ist? Jedenfalls freue ich mich, dem grellen Dasein zu entfliehen, das gnadenlos weiterläuft und keine Rücksicht auf die 149 Opfer nimmt, die durch den Flugzeugabsturz sterben mussten. Nicht nur das, sie wurden in kleinste Stücke gerissen. Massenmord!
Jens ist tot, dem Leben ist das egal.
Ich sehne mich nach der Abgeschiedenheit, die ich in der einsamen Natur Finnlands finden konnte. Das Meer, als auch die Inseln der Nordsee, vermitteln mir den Eindruck einer erlösenden Weite, bei gleichzeitigem Abgeschnittensein. Insbesondere außerhalb der Saison. Werden aufgrund der Witterung die Fähren zum Festland eingestellt, beschert es mir ein behagliches Gefühl.
Momentan gesellt sich die Dunkelheit dazu.
Mir ist bewusst, dass diese Sehnsüchte trügerisch sind, doch sind sie angenehm. Deren Erfüllung ist Wellness für meine gebeutelte Psyche.
Im Augenblick bin ich neugierig, wie mir die Polarnacht bekommen wird. Werde ich die Helligkeit herbeisehnen?
Ein dritter Lebenstraum existiert. Er begleitet mich ständig. Es ist die Vorstellung, wie sich plötzlich die Tür öffnet und Jens vor mir steht. Wie ich ihn umarme und seinen warmen Körper spüre. Besser ist allerdings, diese Wunschvorstellung in die hinterste Ecke des Gehirns zu verbannen, weil sie zu nichts führt.
Zurück zu meinem derzeitigen größten Wunsch. Er ist realisierbar. Die Weichen hierfür sind gestellt. Wenigstens einmal im Leben möchte ich das Polarlicht sehen.
Ich freue mich auf den Moment, wenn es die Dunkelheit mit leuchtenden Farben verziert.

PS: Da ich die »Seelenrisse« aus der Rückschau schreibe, bin ich in der komfortablen Lage, auf die Zukunft zu verweisen. Wer mag, kann in meinem Norwegenblog erfahren, ob mir das Nordlicht gnädig war.
© Brigitte Voß


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Ein Gedanke zu “16.10.2019, Mittwoch – Lebensträume”

  1. Liebe Brigitte, dein dritter Lebenstraum geht in Erfüllung…. Aber erst in 20 oder 30 Jahren. Du weißt sicher wie ich das meine !

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