28.09.2019, Sonnabend – die anonyme Bestattung

Wir trauern um einen Freund. Daher sind wir gestern zu seiner Trauerfeier quer durch die Republik gefahren.
Er war krank. Deswegen wollte er sein Leben genießen und gestaltete es ungesund. Sein Tod war abzusehen, sodass er seiner Ehepartnerin mitteilte, was er für das eigene Begräbnis wünschte. Er bevorzugte ein anonymes Grab und lehnte eine Gedenkfeier sowie einen Redner schlichtweg ab. Seine Frau, meine Freundin, stimmte, ohne darüber nachzudenken, zu.
Als sie den Bestatter aufsuchte, fragte sie, an welcher Stelle des Friedhofes die Beerdigung erfolgen würde. Er klärte sie erst einmal auf, dass bei der Bestattungsvariante auf einen namentlichen Grabstein verzichtet wird. Den Angehörigen sowie den eventuellen Trauergästen ist nicht erlaubt, der Beisetzung, die zu einem unbekannten Zeitpunkt auf einem Gemeinschaftsgrabfeld stattfinden wird, beizuwohnen. Meine Freundin schluckte, als sie das hörte. Es war der Wunsch des Ehemannes, daher fand sie sich rasch damit ab. Vielleicht hätten beide zu seinen Lebzeiten offener darüber diskutieren sollen.
Abweichend von seinem Willen, organisierte sie jedoch eine Trauerfeier und einen Redner. Sie wollte der Beerdigung ihres Mannes einen würdigen Anstrich geben. Die Trauergäste erschienen zahlreich.
Der Verstorbene lächelte uns aus dem Foto entgegen, dass neben der Urne Platz gefunden hat. Mit einfühlsamen Worten wurde dem Leben des Freundes gedacht. Bunte Blumen schmückten vor uns das Ensemble und versuchten, unsere Traurigkeit zu mildern. Kerzen flackerten. So wurde auch uns die Möglichkeit gegeben, Abschied zu nehmen.
Ich bin überzeugt, dass meiner Freundin die aktive Beteiligung an der Durchführung der Trauerfeier gutgetan hat. Daher ist möglicherweise nicht immer positiv, wenn Angehörige die eigene Beerdigung bis ins letzte Detail planen. Manch einem mag das zwar ganz recht sein, doch es gibt Menschen, die in den Vorbereitungen des Begräbnisses Kraft und Trost finden.
Laut Internet nimmt die Zahl der anonymen Bestattungen deutschlandweit zu, vor allen Dingen im Ostteil der Republik. Die Gründe können vielfältig sein. Im Falle des toten Freundes nehme ich an, dass er seine Frau mit der Grabpflege nicht belasten wollte. Hinzu wird ihm der pragmatische Gedanke gekommen sein: ›Wenn ich weg bin, bin ich weg, was sollen da noch große Reden!‹
Leider ist der Tod ein teures Geschäft (die Betonung liegt auf Geschäft). Manch Bestatter hat seinen Beruf aufgegeben, weil es ihm nicht lag, den trauernden Hinterbliebenen das Geld aus der Tasche zu ziehen. Zumindest kenne ich jemanden, dem es so erging.
Der Tod ist ein Tabu-Thema in unserer Gesellschaft. Er erinnert an die eigene Endlichkeit. Am liebsten möchte man nichts mit ihm zu tun haben. Nur schnell weg mit dem Toten, ohne dass man etwas davon mitbekommt. Da ist die anonyme Bestattung gerade recht.
Vielleicht möchten Angehörige nur im privaten Rahmen trauern, allein sein und wählen daher die anonyme Variante. Sie nehmen sich damit einen Ort, der nach meinem Empfinden für die Trauer und deren Bewältigung von Bedeutung ist. Mir tut es gut, das Grab zu besuchen, zu bepflanzen, zu schmücken, Kerzen darauf zu stellen und der Erinnerung freien Lauf zu lassen.
Gründe, die für eine anonyme Beerdigung sprechen, könnten ebenfalls sein: keine innere Verbundenheit zu den Verstorbenen oder die Entfernung zwischen Grab und Wohnort. Heutzutage werden die Familien oft auseinandergerissen, sodass es mühsam ist, den weit entfernten Friedhof zur Grabpflege aufzusuchen.
Früher waren mir Gräber nicht wichtig. Ich nahm an, es würde reichen, den Toten in guter Erinnerung zu behalten.
Allerdings wurde mir mit der Katastrophe klar, dass ich froh bin, Jens am Grab besuchen zu können. Die Maschine wurde durch den Aufprall in kleinste Teile zersplittert, von den Körpern der Opfer blieb nicht viel übrig. Hätte man nach dem Flugzeugabsturz keine menschlichen Überreste von Jens gefunden, gäbe es kein Grab. Leere Gräber sind auf deutschen Friedhöfen nicht erlaubt.

Das folgende Trauergedicht hat mir der Trauerredner auf meine Bitte hin gegeben:

© Brigitte Voß


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4 Gedanken zu “28.09.2019, Sonnabend – die anonyme Bestattung”

    1. Das Gedicht hatte der Trauerredner vorgetragen. Es hatte mich beeindruckt, sodass er mir es zugeschickt hat. Lieben Dank fürs Kommentieren.

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