25.09.2019, Mittwoch– graue Realitäten

Der Monat ist nahezu vorbei. Die Zeit ist schnelllebig. Katastrophen ereignen sich, die Zahl der Gedenktage an sie nimmt mit den Jahren zu.
Der Terrorakt vom 11. September 2001 in den Vereinigten Staaten wird in den Köpfen der Menschheit noch lange verwurzelt sein. Die islamische Gruppe Al-Qaida hatte unendliches Leid über Tausende von Menschen gebracht.
Die Medien berichteten, wie der Tag die Welt veränderte. Doch für uns stürzte ebenso eine Welt zusammen, ohne dass wir es damals ahnten.
Als ich an bewusstem Tag entsetzt vor dem Fernseher saß, hätte ich niemals gedacht, dass er derartige Auswirkungen für unseren Sohn und damit auch für uns haben würde.
Jens hatte uns nach seiner Rückkehr vom Praktikum aus Japan erzählt, wie er das Ereignis erlebte. Er und sein deutscher Kumpel schalteten sich zufällig in die Live-Aufnahme, die zeigte, wie eine Passagiermaschine einen der Twin-Tower in New York in Stücke riss und dabei selbst abstürzte. Alle an Bord befindlichen Menschen kamen ums Leben. Weitere entführte Flugzeuge flogen am selben Tag samt Passagieren und der Crew in den zweiten Tower sowie in das Pentagon. Die vierte gekidnappte Maschine erreichte das von den Terroristen geplante Ziel nicht mehr und stürzte ab.
Jens und sein Kumpel glaubten, es handele sich um einen reißerischen Actionfilm, da sie die Sprache nicht gut verstanden. Es verging einige Zeit, ehe die beiden erkannten, dass ihnen eine grausame Realität vorgeführt wurde.
Dass Jens, zugespitzt gesprochen, sein Todesurteil sah, natürlich, ohne es zu wissen, ist Häme des Zufalls. Er und seine Mitinsassen zerschellten vierzehn Jahre später auf Wunsch einer zerstörerischen Person, die sich in der Pilotenkanzel verschanzt hatte, an einem Fels in Frankreich.
Der Tod der Menschen von Flug 9525 im März 2015 ist eine Folge des Terroranschlages von 2001.
Nach 9/11 wurden die Sicherheitsmerkmale der Cockpit-Türen stark verändert (siehe Blogbeitrag: 12.03.2016, Sonnabend – BEA–Informationsveranstaltung). Sie wurden nahezu gepanzert, sind seitdem schusssicher und wurden ergänzend mit einem Sicherheitscode versehen, sodass ein unerlaubtes Eindringen von Außen verhindert wurde, was Copilot Lubitz ausnutzte. Zusätzlich verriegelte er elektronisch von innen die Tür, damit ein Zugang zum Cockpit absolut unmöglich wurde. Diese Totalverriegelung führte zum grausamen Ende aller Leben an Bord des Airbusses.
Ein Sicherheitsrisiko wurde gegen ein anderes ausgetauscht. Nach der Katastrophe vom März 2015 wurde daran nichts geändert.

Mitte des Monats las ich in den Zeitungen, dass ein digitaler Krankenschein geplant ist. Das gelbe Papierformular soll abgeschafft werden. Bisher ist der Arbeitnehmer verpflichtet, seine Arbeitsstelle über die Krankschreibung zu informieren. Befolgt er das nicht, erfährt der Arbeitgeber nichts von der Erkrankung. Ab 2021 soll der Arzt die Bescheinigung digital und direkt an die Krankenkasse senden, die wiederum die Firma des Erkrankten auf elektronischem Wege über dessen Arbeitsunfähigkeit informiert.
Leider kommt diese Regelung zu spät für unseren Jens, denn Copilot und Mörder Lubitz verheimlichte dem Arbeitgeber, also der Lufthansa, seine Krankschreibung.

In Japan wurde das Gerichtsurteil über nur drei (!) TEPCO-Manager (The Tokyo Electric Power Company) verkündet, die für die Nuklearkatastrophe von Fukushima verantwortlich gemacht werden sollen. Vorher verhinderte die Staatsanwaltschaft zweimal das Gerichtsverfahren. Es kam nur auf Druck der Bürger zustande. Die Führungskräfte standen wegen beruflicher Fahrlässigkeit mit Todesfolge vor Gericht.
Die Katastrophe von Fukushima ist mir extrem gegenwärtig, da ich zweimal in Fukushima bei meinen japanischen Freunden zu Besuch weilte. Damals war für uns alle die Welt in Ordnung.
Glücklicherweise erlitten sie keinen körperlichen Schaden. Sie konnten ihr Haus behalten, aber der Schock sitzt tief.
Wir, in Deutschland, waren furchtbar entsetzt und besorgt, zeitnahe Kontaktaufnahmen waren unmöglich.
Erst kam das Erdbeben, es folgten bis zu 15 Meter hohe Tsunamiwellen, die über das Land tobten. Sie überspülten das Kernkraftwerk Fukushima Daiichi. In der Folge explodierten drei Reaktorblöcke. Insgesamt kamen 18.500 Personen ums Leben.
Das Leid, das über die Menschen kam, kann man kaum ermessen. Zusätzlich zu der Trauer um die Toten, mussten sich zahlreiche Überlebende umsiedeln lassen, fanden in dem verstrahlten Gebiet keine Arbeit mehr, wodurch Familien auseinandergerissen wurden, … sie hatten alles verloren, wurden mehrfach entwurzelt. Die Selbstmordrate stieg rapide an.
Schuldige ließen sich nicht ermitteln. Die drei angeklagten Manager der Betreiberfirma von TEPCO wurden freigesprochen. Das Urteil lässt wütende, frustrierte und verstörte Angehörige zurück.
Je weitreichender eine Katastrophe ist, desto häufiger enden die betreffenden Gerichtsverfahren mit einem Freispruch der Verantwortlichen oder der Bauernopfer, die ihren Kopf hinhalten müssen.

Was den Prozess gegen die Lufthansa und die Flugschule angeht, verläuft auch dieser recht zäh. Das ist nicht das Verschulden der Klägerpartei. Die Lufthansa versucht, das Verfahren zu verzögern, indem sie beispielsweise erreicht, dass vom Gericht verlangte Stellungnahmen, zu einem späteren Termin abgegeben werden dürfen. Neu ist, dass es ihr gelungen ist, die Angehörigen weiter zu zersplittern. Auf ihr Betreiben wurde der Gerichtsstand von den Klägern geändert, die nicht im Landgerichtsbezirk Essen wohnen. Sie hat man an das Landgericht Frankfurt/Main verwiesen.

Werden wir jemals erleben, dass die Schuldigen, die den mörderischen Flugzeugabsturz bereits im Vorfeld ermöglicht hatten, benannt werden? Oder gar jemand die Verantwortung übernimmt?
Nach all dem, was ich aus anderen Katastrophen lerne, und ich bis jetzt selbst erlebt habe, ist ein in die Länge gezogenes Gerichtsverfahren mit ungewissem Ausgang zu erwarten.

»Den Lebenden schuldet man Respekt, aber den Toten gegenüber schuldet man nichts als die Wahrheit.«

(Voltaire)

© Brigitte Voß


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