°ZWEIHUNDERTFÜNFUNDDREIßIG WOCHEN NACH DER KATASTROPHE°
Und wieder ist es ein Dienstag. Er und die Vierundzwanzig markieren den Tod unseres Jens und der 148 Mitinsassen des A 320, der unter Germanwings flog und 2015 in den südfranzösischen Alpen abstürzte.
Wird mir bewusst, dass erneut ein Dienstag angebrochen ist, oder das Datum eine 24 anzeigt, reagiert mein Körper immer noch. Die Schwere in der Brust nimmt zu. Allerdings erschrecke ich nicht mehr wie unmittelbar nach dem Flugzeugabsturz, denn er ist stets anwesend. Er ist mit mir. Ich denke jeden Tag in dem Bewusstsein an ihn, dass er gestorben ist. Ich weiß es, egal ob ich lache, diskutiere, im Ausland durch eine fremde Kultur abgelenkt bin, mich über Mitmenschen ärgere oder ein Buch lese, usw. Er begleitet mich in den Schlaf und beim Aufwachen. Und mit ihm sein Tod. Meinem Mann ergeht es ähnlich. Er spricht schweigend mit ihm. Niemand kann es hören. Ich wäre gern in der Gesprächsrunde dabei, doch es ist SEINS, und das ist gut so.
Ich empfinde diese Zustände durchaus nicht gespenstisch. Zwar meidet uns die Leichtigkeit auf allen Ebenen des Lebens, aber dadurch existiert Jens in uns weiter. Besser so als gar nichts. Wenn ich die Fähigkeit hätte, würde ich die Uhr rückwärtsdrehen, bis er wieder lebendig vor uns steht.
Leider können wir dem Albtraum nicht entrinnen, weil er zur Realität mutierte. Wir müssen lernen, damit klar zu kommen und versuchen, uns mit ihm bestmöglich zu arrangieren. Wir schaffen das. Irgendwie.
Nach viereinhalb Jahren will nahezu niemand mehr von unserer Trauer wissen. Einige Freunde hören zwar noch zu, doch spüre ich, dass sie am liebsten in die Gedanken ihres Lebenstrotts zurückwollen, meist belanglos herumquatschen oder albern sein möchten.
Die Umwelt reagiert mit peinlichem Schweigen.
Ausnahmen gibt es, zum Beispiel, wenn wieder jemand gestorben ist. Seit Jens tot ist, haben wir neben vertrauten Familienmitgliedern, die sehr alt geworden sind, drei Freunde verloren, die durchaus noch zwanzig Jahre oder länger hätten leben können. Ihre Partnerinnen sind jetzt allein und offen für Gespräche, wie ein Weiterleben nach dem Tod des geliebten Verstorbenen möglich ist, über die Qual der Trauer, was mir dabei geholfen hat, usw. Ich höre ihrem Schmerz zu, verstehe viel und hoffe, ihn ein wenig lindern zu können.
Zwischen all die Toten schiebt sich Jens, er steht stets im Vordergrund. Offensichtlich habe ich die Fähigkeit verloren, um nahestehende Menschen zu trauern. Ich bin zwar gefühlsmäßig betroffen, weil sie nicht mehr existieren, aber Trauer sieht anders aus.
Unser Sohn wurde grausam ermordet, sein Körper zerfiel am Fels des Berges, sodass wir uns nicht von ihm verabschieden konnten.
Die Schwiegermutti sahen wir vergangenes Jahr ein letztes Mal im Sarg. Mein Mann wollte es so, ich scheute zunächst zurück. Warum eigentlich? Es war auf besondere Weise gut. Ihr Leib war ja auch vollständig.
Mir ist bekannt, dass ausländische Hinterbliebene des Flugzeugabsturzes trotz Warnungen darauf bestanden, den Verstorbenen noch einmal zu sehen. Der Sarg und die darunter befindlichen Umhüllungen mussten geöffnet werden. Was die beiden Männer erblickten, ließ sie nervlich zusammenbrechen. Sie wurden im Krankenhaus behandelt.
Für den Mord an 149 Menschen übernimmt nach wie vor niemand die Verantwortung. Wir sind damit kein Einzelfall. In einem früheren Blogbeitrag habe ich mich an einen Vergleich unterschiedlicher Katastrophen herangewagt.
Lufthansa behauptet sogar, die Passagiere hätten wegen des »unauffälligen Flugverlaufes« nichts bemerkt, der »Kabinenservice sei währenddessen angekündigt und durchgeführt worden«. Ich möchte mich an dieser Stelle nicht weiter darüber auslassen, das wird entsprechend der Chronologie des Blogs erfolgen. Nur ist es so, dass derartig bizarre Bemerkungen seitens des Managements Hinterbliebene von Flug 4U9525 zutiefst schmerzen und wütend machen. Sie kommen einer Verhöhnung der Opfer gleich …
Zum Schluss meiner durcheinandergeratenen Betrachtungen noch etwas Positives:
Leider träume ich wenig von Jens. Anfangs waren es Albträume, aus denen ich erschreckt aufwachte. Später folgten Monate des nächtlichen Nichts. Jetzt, nach viereinhalb Jahren, zeigte ihn mir ein Traum erneut. Er forderte mich auf, genau wie er mit übertriebenen Bewegungen durch die Wohnung zu tanzen. Wir verrenkten uns zu den Klängen einer Musik, die wir beide nicht mochten. Wir hatten so viel Spaß und lachten. Es gab auch kein bitteres Ende, keine Ungeheuer stürzten sich auf uns, wir gerieten in keine Schusswechsel, und sein Körper löste sich nicht auf oder verpuffte. Kein Monster entriss ihn mir. Er blieb am Leben. Das Zimmer war warm und hell. Ich fühlte mich leicht und gut.
Bereits in der Aufwachphase bemerkte ich, dass es nur ein Traum war. Jens war wieder weg. Aber eben war er noch da. Der Verstand wusste die Erklärung, doch mein Gefühl mochte sie nicht, es wollte sie wegschieben. Der Konflikt löste sich in Tränen auf. Ich war unendlich traurig, dass es vorbei war. Wider Erwarten schenkte mir das nächtliche Fantasie-Gebilde Fröhlichkeit für den ganzen Tag. Jetzt hoffe ich auf einen weiteren schönen Traum, in dem mir Jens in aller Lebendigkeit begegnet.
© Brigitte Voß
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