Seit dem Flugzeugabsturz hat sich mein menschliches Umfeld verändert. Einige, von denen ich annahm, dass sie Freunde sind, ließen sich nicht mehr blicken, wollten plötzlich nichts mit uns zu tun haben.
Ich bekam Dinge zu hören, wie: »Du kannst dich ja wieder melden, wenn es dir besser geht«, oder sie hüllten sich in Schweigen.
Glücklicherweise verloren wir nur wenige sogenannte Freunde. Es war wie ein Regen, der die Luft klärt. Jetzt weiß ich, wer uns in der Not nicht im Stich lassen wird. Es mag sein, dass nicht jeder all meine Gefühle und Verhaltensweisen seit der Katastrophe nachvollziehen kann, was aber nebensächlich ist. Hauptsache, ihr Herz sitzt am rechten Fleck.
Fremden Mitmenschen gegenüber bin ich misstrauischer denn je, und nicht selten ertappe ich mich bei der Überlegung, ob sie zu einem Mord fähig wären oder diesen schon begangen haben. Sicher ist das abartig, und ich versuche, derartige Vorstellungen zu verdrängen.
Vor der Katastrophe war ich offener und toleranter. Sobald die Chemie zwischen mir und meinem Gegenüber bereits nur zu einem Hauch nicht stimmt, gehe ich auf Distanz. Das, was mir gut tut ist wichtiger denn je, der Rest wird gnadenlos aussortiert.
Trotzdem bin ich in der Lage, Kontakte zu schließen.
Andererseits habe ich durch den Flugzeugabsturz Menschen kennengelernt, von denen ich vorher keine Ahnung hatte. Dazu gehören natürlich die Angehörigen der Opfer im In- und Ausland sowie fremde Personen, die bewusst die Verbindung mit mir gesucht haben. Sie wurden von ihrer Empathie getrieben, haben selbst Böses erlebt oder wollten ihre Trauer um einen geliebten Verstorbenen mit mir teilen. Einige begleiten mich bis heute.
Den Hinterbliebenen der Toten kommt ein besonderer Platz zu. Trotz der vergangenen Jahre, die nicht immer harmonisch verliefen, spüre ich Verbundenheit, wenn man sich, was derzeit nur noch selten geschieht, persönlich begegnet. Wir sind durch dieselbe Hölle gegangen und haben mit den physischen und psychischen Folgen zu kämpfen. Erklären braucht man dem anderen nichts, er weiß Bescheid. Das Schicksal eint, unsere Lieben mussten durch eine grausame Tat sterben.
Die Beziehungen untereinander sind lockerer geworden. Je nach Interessenlage und Charakter haben sich Grüppchen gebildet oder Freundschaften entwickelt.
Einige Angehörige leben zurückgezogen, manche haben viele Kontakte und machen häufiger von sich reden. Begegnungen führen zu intensiven Gesprächen, sogar mit denjenigen, die man bisher nicht kannte. In Le Vernet kann das schon mal vorkommen. Wir lachen und weinen zusammen. Wir bringen uns auf den neuesten Stand über Dinge, die mit der Katastrophe zusammenhängen. Wir sprechen über uns, die Trauer, die Seele, über gestörte körperliche Befindlichkeiten oder, wie wir den Alltag bewältigen. Die Schicksale der anderen Opfer interessieren, was waren sie für Menschen, wie alt waren sie beim Absturz, was hat sie in das Flugzeug geführt, usw.
Der Flugzeugabsturz hat unser aller Leben verändert. Paare haben sich scheiden lassen, weil sie mit der Trauer des Partners nicht klar gekommen sind. Man sagt, dass innerhalb von fünf Jahren fünfzig Prozent der Ehen auseinanderbrechen, wenn ein Kind gestorben ist.
Es sind nicht nur die Erwachsenen, die unter den Folgen des Verlustes leiden. Ich kenne einen zwölfjährigen Jungen, der seinen Bruder verloren hat. Obwohl die Eltern nicht an Trennung denken, ist sein vormals großer Freundeskreis nahezu auf null geschrumpft, weil er sich seit dem Flugzeugabsturz zurückzieht, niemanden mehr sehen will.
Jugendliche kommen nicht immer mit der Trauer ihrer Eltern klar und glänzen ihnen gegenüber mit verletzenden Bemerkungen.
Ich habe eine junge Frau kennengelernt, die ihre Schwester verloren hat. Sie weint seitdem oft und hat angefangen zu rauchen. Als ich das entdeckte, bat sie, ihren Eltern nichts zu sagen, die wir am Abend treffen sollten. Sie drückte die Zigarette aus, nebelte sich mit Parfüm ein und warf sich Lutschtabletten in den Mund, um den verräterischen Geruch auszumerzen.
Geld- und Erbstreitigkeiten haben zum Bruch von Familien und Freundschaften geführt, gar zu Gerichtsprozessen, auch über die Landesgrenze hinaus.
Da unsere Toten einem Verbrechen zum Opfer gefallen sind, ist es nicht verwunderlich, das Rechtsanwälte engagiert wurden, nicht immer zur Zufriedenheit ihrer Klienten. Doch woher nur sollte man wissen, wer sich eignet und wer nicht? Die Erfahrung fehlte, und neue Wunden wurden aufgerissen.
Angehörige habe sich von der Lufthansa abfinden lassen, mussten aber eine erpresserische Verzichtserklärung auf weitere Ansprüche unterschreiben. Ich kenne eine Familie, die gar nicht wusste, was sie unterschrieben hat, weil sie der deutschen Sprache nicht mächtig ist. Ihr wurde nur die halbe Wahrheit aus dem Schriftstück zur Kenntnis gebracht. Mit dem Absturz haben sie ihre Tochter verloren, die sie im Alltag finanziell unterstützt hatte. Neben dem Schmerz um den Verlust ihres Kindes begleiten sie fortan erhebliche Geldsorgen.
Verschwörungstheorien verunsichern, das Misstrauen gegenüber Fluglinie und Staatsmacht ist groß. Der Staatsanwalt sah unerwartet keinen weiteren Ermittlungsbedarf und stellte das Verfahren kurzerhand ein. Wird etwas vertuscht? Vielleicht ein technischer Defekt? Es gab Angehörige, die eigene Recherchen anstellten, ebenso in Frankreich. Ein letztes Video aus dem Todesflugzeug sollte existieren. Doch alle privaten Nachforschungen führten offenbar zu nichts.
Nicht nur ich klage nach all der vergangenen Zeit immer noch über Erschöpfungszustände/Antriebslosigkeit und Schlaflosigkeit. Eine Mutter hört nachts die Hilfeschreie ihrer Tochter, die im abstürzenden Flugzeug saß. Psyche und Körper sind geschwächt, sodass gesundheitliche Beschwerden wie Herzbeschwerden oder Allergien (um nur einige zu nennen) mit den Hinterbliebenen ein leichtes Spiel haben.
Eine ältere, alleinstehende Frau, deren erwachsenes Kind in der höllischen Maschine sterben musste, verlor selber beinah ihr Leben. Sie gab ein Fernsehinterview und besuchte anschließend, wie geplant, Angehörigen–Freunde. Beim Kaffeetrinken brach sie zusammen. Der Puls war nicht mehr zu spüren. Wiederbelebungsversuche setzten ein, der Rettungswagen kam. Im Krankenhaus wurde sie gründlich untersucht. Organisch konnte nichts festgestellt werden. Sie überlebte.
Unsere Leben haben sich durch das Flugzeugdrama gewaltig verändert. Sie wurden erschüttert und verletzt.
Vielleicht gelingt es, wenigstens einige Seiten im Buch der Katastrophe umzuschlagen, weil wir sie ausgelesen und verstanden haben. Werden wir jemals bis zum letzten Blatt vordringen und das Buch für immer schließen?
Nachbemerkung:
Ich habe in dem Beitrag hin und wieder Geschlecht, die Beziehung zum Opfer sowie das menschliche Umfeld bewusst »verwechselt«, um Spuren zu verwischen. Die geschilderten Geschehnisse entsprechen allerdings der Wahrheit.
© Brigitte Voß
Entdecke mehr von SEELENRISSE
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
