Am Wochenende wurde unsere Enkelin eingeschult. Sie war aufgeregt und und strahlte glücklich mit der riesigen Zuckertüte in den Armen. Für sie beginnt ein neuer Lebensabschnitt.
Wie so oft, wenn ich mich freue, ist Jens in Gedanken besonders innig bei mir und Wehmut macht sich breit. Freude und Traurigkeit liegen enger zusammen, als man zunächst annimmt. Mittlerweile habe ich gelernt, zugleich beides zu empfinden, ohne dass die Gegensätzlichkeit der Gefühle Schwierigkeiten bereitet.
Hätte er doch nur das große Ereignis seiner Nichte miterleben können. Sie ist ein kluges und redegewandtes Mädchen, das gern herumalbert und lacht. Genau diese Mischung mochte er. Er wäre stolz auf sie. Sie wird ihren Weg gehen. Ich hoffe, die Schmetterlinge werden sie begleiten und ihr Wege weisen.
Wie ich liebt sie Kleidung mit Schmetterlingsmotiven. Sicher denkt sie dabei auch an Onkel Jens. Trotz ihres bescheidenen Alters hatte sie damals intuitiv erfasst, dass mit dem Flugzeugabsturz etwas Schreckliches passiert ist, was nicht hätte passieren dürfen. Schmetterlinge sind ein Trost, und die Oma mag sie. Schnell hat sie verstanden, wie man diese Flattertiere faltet, ich hatte es ihr beigebracht. Offensichtlich glänzte sie im Kindergarten mit dieser Fähigkeit, und die Kinder wollten von ihr einen gefaltet bekommen. Ihr Kommentar dazu: »Das war aber ganz schön viel Arbeit.«
Man sagt, wird man von einem Schmetterling berührt, ist das ein Zeichen für eine anstehende persönliche Veränderung, für einen Wandel von Zuständen, für einen Übergang von einem alten Leben zu einem neuen Leben, usw..
Wie sehr wünsche ich mir, dass die Verantwortlichen für die Katastrophe regelrecht von Schmetterlingen traktiert würden, damit sie eine Verwandlung durchmachen, und die Schuld für die Geschehnisse rund um den mörderischen Tod von 149 Menschen auf sich nehmen. Das Davor (vor dem Flugzeugabsturz), ist gehörig schief gelaufen und führte zu dem furchtbaren Massenmord. Keiner übernimmt die Verantwortung und anstatt, daraus zu lernen, wird sogar das Danach nur halbherzig abgehandelt. Es müsste doch alles getan werden, die Wiederholung solch einer Katastrophe zu verhindern. Zumindest nach meinem Verständnis. Leider geschieht das nicht.
Die Schweigepflicht ist in unserem Land nach wie vor eine heilige Kuh, die sich niemand getraut zu melken. Zwar hatten die Ermittler der französischen Untersuchungsbehörde BEA diese als ein wesentliches Sicherheitsrisiko, das zum Absturz der Germanwingsmaschine führte, ausgemacht, doch absolut nichts hat sich in der deutschen Gesetzeslage geändert. Warum funktioniert in Deutschland nicht, was in anderen Ländern wie beispielsweise in den USA oder in Australien klappt?
Überdies war von einer elektronischen Datenbank die Rede, in der sämtliche Untersuchungsberichte bei einer festgestellten Untauglichkeit von Piloten enthalten sein sollten, und zwar nicht anonymisiert, sondern mit personengebundenen Angaben. Zugriff sollten nur die flugmedizinischen Ärzte des Luftfahrtbundesamtes haben. Bei einem Zweifel an der Tauglichkeit eines Piloten, hätten sie die Möglichkeit bekommen, die Fluglizenz zurückzuziehen. (Siehe dazu: 29.02.2016, Montag – Schalttag.) Offensichtlich scheiterte der Vorschlag des damaligen Verkehrsministers Dobrindt an den furchtbar strengen deutschen Datenschutzbestimmungen und damit an der ärztlichen Schweigepflicht.
Jedenfalls verschwand die Idee in einer unergründlichen Schublade.
Das Vieraugenprinzip im Cockpit wurde eingeführt, war umstritten und wurde wieder abgeschafft.
Es bleiben die unangekündigten Überprüfungen der Piloten auf Alkohol, Drogen und Medikamente.
Bei einem Gespräch mit einer Fachärztin, die von meinem Schicksal wusste, erfuhr ich, dass sie für die Lufthansa solcherart Kontrollen durchführt. Sie beklagte, dass nur in Frachtmaschinen kontrolliert würde. Und das auch nur halbherzig, da die betreffenden Gewerkschaften blockieren. Sie behaupten, dass durch die Überprüfungen die Piloten unter Generalverdacht gestellt würden.
»Eigentlich dürfte ich Ihnen das gar nicht erzählen«, sagte die Medizinerin.
Ich kann es kaum glauben. Warum keine Passagiermaschinen?
Und wieso musste ich mir durch die Polizei eine Alkoholkontrolle gefallen lassen, nur weil ich mit dem Auto nachts 2.00 Uhr noch unterwegs war?
Sie berichtete weiter, dass für die Flüge die Piloten wahllos zusammengewürfelt würden. Die Folge sei, dass sie sich normalerweise nicht kennen, wenn sie im Cockpit gemeinsam eine Maschine steuern. Sie verglich das mit chirurgischen Eingriffen, bei denen sich eine derartige Vorgehensweise nachteilig auf das Zusammenspiel des Teams auswirken könnte.
Nach dem Flugzeugabsturz entstand in mir der Eindruck, dass Politiker und Verantwortliche alles unternehmen würden, um solch eine Katastrophe zukünftig zu verhindern. Diese Annahme war falsch.
Eigentlich dürfte es mir egal sein, weil unser Sohn unter grauenvollen Bedingungen bereits sein Leben lassen musste. Doch eine Aussage, die ein Lufthansamitarbeiter zu einem Betroffenen im Jahr des Absturzes äußerte, geht mir nicht aus dem Sinn: »Wir wollen den Toten ihre Würde wiedergeben.«
Wäre man ihnen gegenüber nicht verpflichtet, Lehren aus der Tragödie zu ziehen, um wirksame Änderungen einzubringen? Damit so etwas nie wieder geschehen kann?
Die 149 Menschen hätten nicht sterben müssen.
Was mir bleibt, sind Erinnerungen und Schmetterlinge, in denen ich Trost finden kann und die mich erfreuen. Auf dem Weg zur Absturzstelle der Germanwings-Maschine in den südfranzösischen Alpen flattern sie massenweise herum.
© Brigitte Voß
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