18.07.2019, Donnerstag – Spurensuche in Schweden

Wir warten auf einem Parkplatz auf Thomas und seine Familie. Er möchte uns einige Orte zeigen, an denen er und Bruder Jens ihre Zweisamkeit per Rennrad genossen.
Mich interessiert, wo es den beiden gefallen hat und sie glücklich miteinander waren, auch wenn die Traurigkeit vorprogrammiert ist.
Sie treffen ein, ihr Fahrzeug nähert sich. Die Sonne schaut aus einem wolkenlosen Himmel auf uns herab.
Da der Platz zugleich eine Raststätte ist, der ein Restaurant angeschlossen ist, wuseln jede Menge Menschen herum. Die Europastraße liegt direkt neben der Ruine. Außerdem ist er Ausgangspunkt für unser erstes Ziel. Nur wenige Meter entfernt finden wir eine Schlossruine vor, die als Brahehus bekannt ist. Die Informationstafel lässt wissen, dass das große Gebäude im 17. Jahrhundert erbaut wurde und nach ungefähr siebzig Jahren abbrannte. Kein Alter für solch ein Schloss, das es einst gewesen sein muss. Seine Errichtung zog sich zwei Jahrzehnte hin, sodass die Frau, für die es gebaut wurde, vor seiner Fertigstellung verstarb.
Wir steigen und laufen durch die breitflächige Ruine, die sich auf den Klippen des Vätternsees befindet. Ihre Grundmauern ragen hoch über der Landschaft empor. Sie sind von der Straße aus zu sehen.
Enkel Timo fühlt sich zwischen dem Gemäuer mit seinen drei Jahren als großer Ritter und stellt diesbezügliche Fragen. Ich hingegen, bestaune die atemberaubende Aussicht auf den See. Jens wird sie genossen haben.Wir fahren weiter nach Vadstena. Die mittelalterlich geprägte Stadt hat ein schön anzusehendes Wasserschloss. Es ist von einem breiten, wassergefüllten Graben umgeben, und steht auf Schwedens Liste als wertvolles Kulturgut.Auf einer Wiese neben einem Spielplatz vertilgen wir die Grillreste von gestern. Wir schauen auf die Türme und die wehrhaften Mauern der Burg. Vor meinem inneren Auge sehe ich Jens. Er läuft am Schloss vorbei und schaut zu uns. Ich kann das Bild nie lange festhalten, stets verschwindet es, oft taucht es erneut auf.
Die Enkelkinder sind begeistert von den schwedischen Spielplätzen, die interessantere Spielelemente aufweisen als bei uns in Deutschland.
Die nächste Station ist ein Badestrand am Vätternsee in der Umgebung von Motala. Vom Parkplatz aus können wir das Gebäude entdecken, in dem unsere Söhne zwei Nächte verbracht hatten.
Wir liegen im Sand, der die Kinder und mich zum Buddeln einlädt. Die Sonne prasselt intensiv, so dass wir baden. Man muss schon eine gewisse Zeit laufen, um schwimmen zu können.… Jens stiefelt in den See hinein, bleibt mit hochgezogenen Schultern im flachen Wasser stehen, geht weiter, immer weiter. Er überbrückt seine Ungeduld, endlich durch das kühlende Nass fegen zu können, mit humorvollen Bemerkungen. Ich kann sie regelrecht hören …
Leider entspringt die Vorstellung der Fantasie.
Die Enkel lenken ab und bringen mich auf andere Gedanken. Für sie ist das niedrige Wasser vorteilhaft. Sassi zeigt einige Schwimmzüge, und ich bin mächtig stolz auf sie.
Ich lege mich auf die Decke und genieße die wärmenden Sonnenstrahlen. Wenn ich wie jetzt Ruhe habe, taucht sofort Jens auf. Da ich die Traurigkeit vertreiben möchte, bedecke ich spontan die Augen mit dem Shirt. Logischerweise nützt das nichts. Dennoch ist es gut, all die Orte zu erleben, an denen Jens in einer besseren, leichteren Zeit, glücklich war. Die Brüder erkämpften sie sich über weitreichende Strecken mit dem Rennrad, was beide liebten.
Unser letzter Stopp ist Övralid unweit von Motala, ein friedliches Plätzchen in der Natur. Es ist bekannt durch das Herrenhaus, das der schwedische Literaturnobelpreisträger Verner von Heidenstamm (1859–1940) erbaute, und in dem er lebte. Jetzt ist es ein Museum. Nur wenige Schritte von dem Gebäude entfernt befindet sich ein Aussichtspunkt mit einem tollen Blick auf den Vätternsee. Er ist terrassenförmig angelegt.Die Sonne steht schon tief und gleißt im Wasser. Sie blendet die Augen.
Eine Sitzgruppe, bestehend aus zwei Stühlen und einer Bank, lädt zum Verweilen ein. Sie sind weiß lackiert und um einen Tisch angeordnet, von dem es verboten ist, zu speisen. Ein Hinweisschild ordnet das an. Er gehört wohl zum Inventar des Museums. Vermutlich hat hier der Nobelpreisträger die Aussicht genossen.
Daneben wächst ein uralter Kirschbaum. Sein Stamm ist knorrig, dick verzweigt und die Rinde rissig.
Die Bank – auf ihr hat Jens gesessen, die Unterarme auf den Tisch gelegt und blinzelnd in die Ferne schaut. Wir sind in Besitz eines Fotos, das sein Bruder aufgenommen hat. Ich entdecke den Stein, an dem ihre Räder lehnten.
Das entsprechende Bild befindet sich auf Granit gelasert seit dem diesjährigen Jahresgedenken vor der Stele in Le Vernet.
Das ist wieder so ein Augenblick.
Die Kinder rufen, sie wollen etwas zeigen, doch ich mag nicht reagieren.
Auf der Heimfahrt trennen wir uns, da der Rest der Familie auf direktem Wege zurückfährt.
Nachdem mein Mann und ich in einem Restaurant zu Abend gespeist haben, beginnt die Sonne unterzugehen. Auf dem Rückweg haben wir Glück und können von einem Rastplatz auf einer kleinen Anhöhe den Sonnenuntergang über den Vätternsee verfolgen. Glutrot taucht der Feuerball in den See und hinterlässt ein harmonisches Farbenspiel am Himmel.Es wird dunkel. Die totale Finsternis gibt es hier derzeit nicht.
Was für die Nacht bleibt, ist ein eigentümliches Zwielicht.
© Brigitte Voß

 

 

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