° ZWEIHUNDERTUNDFÜNFUNDZWANZIG WOCHEN NACH DER KATASTROPHE °
Der Urlaub in Südschweden neigt sich dem Ende zu.
Die Ferienwohnung von Thomas und seiner Familie befindet sich wenige Kilometer von unserer entfernt. Nahezu täglich unternehmen wir etwas zusammen. Die Enkel geben uns Energie. Abends sind wir wieder für uns und haben alle Ruhe der Welt.
Vor einigen Jahren erkundeten beide Söhne mit ihren Fahrrädern die Umgebung vom Vätternsee in Südschweden. Es war ihr letzter gemeinsamer Urlaub.
Ich stehe mit Sören vor dem rostrot angestrichenen Holzhaus, in dem der andere Teil der Familie die Ferien verbringt. Er und seine Frau vermieten die Unterkunft. Sie sind wie wir zum Grillen eingeladen.
Wir befinden uns in der Phase des Small Talks. Unvermittelt fragt er, wie viele Kinder wir haben. Ich fühle mich eiskalt erwischt und komme seelisch ins Trudeln. Innerlich bin ich gut auf diese Situation vorbereitet, da diese Frage ins Herz geht. Anstatt nur zu sagen: »Wir haben zwei Kinder«, um weiteres Nachforschen zu unterbinden, antworte ich mit leiser Stimme unüberlegt, aber wahrheitsgemäß: »Wir haben zwei Söhne, einer von ihnen ist tot.« Ich bereue es sofort, denn damit ist das Interesse beim Gesprächspartner geweckt, und das Thema leider nicht vom Tisch.
Er stutzt, setzt die Bierflasche ab, die er zum Mund führen wollte, und fragt: »Wieso?«
Ich erkläre den Grund, was ich besser vermieden hätte. Er hat mich vollkommen aus dem Konzept gebracht.
Meine gute Stimmung ist mit einem Schlag dahin, doch lasse ich mir nichts anmerken. Nach reichlich vier Jahren würden das die meisten Mitmenschen nicht mehr verstehen.
Es ist ja nicht nur die Frage nach der Anzahl der Kinder, die ein mulmiges Gefühl in der Magengegend verursacht. Kürzlich fand ich beim Camping im Wohnwagen eine Mappe und wollte nachschauen, was sich darin befindet. Ich entdeckte Schmierpapier. Ein Blatt war hineingeraten, auf dem mit eiliger Hand geschrieben stand: »Lieber Jens, wir sind in den Heidelbeeren.« Diese Mitteilung an ihn wühlte mich auf. Sie war so unmittelbar aus einem Leben gegriffen, wie es vor einer gefühlten Ewigkeit war …
Sören erinnert sich und weiß, dass der Copilot sämtliche Insassen mit sich in den geplanten Tod riss. (Von Skandinavien hat nur Dänemark ein Opfer der Germanwings-Katastrophe zu verzeichnen.)
Ich hülle mich in Schweigen und trinke mit tiefen Schlucken die Flasche leer. Jedoch Sören hat sofort einen weiterführenden Gesprächsstoff parat. Ich erfahre, dass vor drei Tagen im nördlichen Teil Schwedens ein Kleinflugzeug abgestürzt ist. Die neun Passagiere, es waren Fallschirmspringer, kamen dabei ums Leben.
Das ist furchtbar. Wie kann das nur passieren?
Er wisse die Einzelheiten noch nicht. Es sei schwierig, weil es keine Blackbox gebe wie in den großen Maschinen.
Immer wieder ereignen sich derartige Vorkommnisse in der Luft. Warum erleben wir sie seit dem Absturz von Jens in Anbetracht ihrer Unwahrscheinlichkeit so oft, glücklicherweise in passiver Form? Während unserer Kur stürzte der Geschäftsführer des Kurheims mit seinem Kleinflugzeug ab und starb, das ereignete sich im Jahr der Katastrophe. Unmittelbar vor dem zweiten Jahresgedenken krachte in Le Vernet nur wenige Meter von unserer Ferienwohnung ein motorisiertes Segelflugzeug zu Boden. Von den beiden Deutschen kam eine Person ums Leben. Das Absturzgeräusch hängt mir jetzt noch in den Ohren. Freund Norbert stürzte in Australien mit einer Kleinmaschine ab und war sofort tot. Ferner erfuhren wir von Paragleitern, die während eines Aufenthaltes in Le Vernet in den Bergen abstürzten. Diese Ereignisse hängen stets mit Jens zusammen. Entweder erzählen wir von ihm oder wir weilen an den Gedenkorten an die Katastrophe. Merkwürdig ist das schon.
Genau wie Folgendes:
Bevor wir mit der Fähre nach Schweden schipperten, hielten wir uns in Stralsund auf. Sohn Thomas nahm am Sundschwimmen teil.
Es war wie vor neun Jahren, als die beiden Brüder beim Wettkampf von Altefähr/Insel Rügen zum Festland nach Stralsund schwammen. Anschließend reisten sie samt Fahrrad und und Fähre nach Südschweden.
Jens war ein fanatischer Sundschwimmer. Er begeisterte Freunde und die Familie dafür, sogar mein Mann und ich trainierten regelmäßig für die Teilnahme. Es waren wunderbare Zeiten …
Das erste Mal nach dem Flugzeugabsturz haben wir erneut das Schwimmen live verfolgt und Thomas angefeuert. Zum Mitschwimmen fehlte uns die Kraft. Wir haben in einer Ferienwohnung übernachtet, die sich in derselben Anlage befindet, die wir damals stets genutzt hatten. Der Vermieter hat uns erkannt.
In der Küche unseres Domizils hing an der Wand eine Uhr, die nicht funktionierte. Als sich Thomas der Sache annahm, begann der Sekundenzeiger zu rucken, bewegte sich allerdings nicht vorwärts. Er wackelte vor dem großen Zeiger und schaffte es nicht, ihn zu überwinden. Wir bemerkten erst am Tag des Wettkampfes, dass die Uhr 10.42 Uhr stehen geblieben ist. Die Katastrophe hatte sich 10:41:06 Uhr ereignet.
Jens hatte das Sundschwimmen geliebt.
© Brigitte Voß
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