09.06.2019, Sonntag – Rammstein

Mittlerweile sind wir in München angekommen. Es ist Pfingstsonntag, aber unchristlich, wie wir sind, gehen wir am Abend zum langersehnten Rammsteinkonzert. Trotzdem sich drei Personen aus der Familie für uns gleichzeitig bemüht hatten, für die Aufführung in Leipzig online Karten  zu ergattern, hat es leider nicht geklappt. So sind wir in der bayrischen Metropole gelandet.
Für mich ist es das zweite große Konzert außerhalb der klassischen Musik, das wir seit dem Tod von Jens besuchen. Früher, das heißt, in der besseren Zeitrechnung, sind wir bedeutend öfters gegangen. Nach dem Fall der Mauer hatten wir einen riesigen Nachholebedarf, all die bekannten Gruppen wie ACDC, The Rolling Stones, Eric Clapton, The Police, Joe Cocker, usw. live auf der Bühne zu sehen. Wir hatten daran gefallen gefunden. Doch mit dem Flugzeugabsturz war jegliches Interesse erloschen. Sogar die Klassik war lange Zeit tabu, zumindest für mich. Selbst in den eigenen vier Wänden konnte ich keinerlei Musik mehr hören. Diese spezielle Welt der Fantasie und Entspannung mied ich, genau wie das Schreiben von Kurzgeschichten, was mich vor der Katastrophe in einen regelrechten Rausch versetzen konnte. Die Motivation, Fremdsprachen zu lernen war dahin.
Mit der diesjährigen Möglichkeit, ein Konzert von Rammstein in Leipzig aufzusuchen, begann das Interesse neu aufzuflammen.
Der Sound der Gruppe sowie ihr Auftreten auf der Bühne haben mir schon immer zugesagt. Ging es mir aus irgendwelchen lapidaren Gründen in der besseren Zeitrechnung schlecht, schob ich eine CD ein und hörte die für die Band charakteristischen Rhythmen und den Gesang. Danach fühlte ich mich wohler. Niemand im Freundeskreis konnte beziehungsweise kann das verstehen. Meine beste Freundin war regelrecht entsetzt, als sie zufällig davon erfuhr. Bereits damals fand ich Gefallen an den provokanten Texten, dem typischen Rammstein-Sound und an ihrer Show, die man in Konzertmitschnitten verfolgen konnte. Heute werden wir die Band endlich live erleben.
Die Mitglieder der Gruppe sind Kinder der DDR (auch ich bin im Ostteil der Republik aufgewachsen), wo sie ihre ersten musikalischen Erfahrungen sammeln konnten. Sie entstammen der Punk- und Gruftiszene und halten bis jetzt die Gesellschaft mit ihren maßlosen grotesken Übertreibungen, ihrem Gebaren auf der Bühne sowie den herausfordernden Texten in Atem, obwohl oder gerade weil sich das politische System, in dem sie einst lebten, geändert hat. In der DDR haben sie gelernt, Dinge anzusprechen, ohne sie direkt zu benennen.
Bis in die heutige Zeit hinein irritieren sie die nunmehr westliche Gesellschaft mit einer mehrdeutigen Symbolik, die der Fantasie des Zuhörers freien Raum lässt.
Egal, ob ich ein Buch lese, mir Spielfilme anschaue oder Musik (mit Gesang) anhöre, fesselnd war schon immer, was aus der Sicht eines Täters verfasst wurde. Ich fand den Versuch spannend, in die Köpfe von Verbrechern vorzudringen, um zu ergründen, was sie antreibt. Nach dem Mord an Jens, verschärfte sich das Interesse am Bösen. Es hat sich überwiegend auf Mörder, Amokläufer, Attentäter, auch auf Vergewaltiger konzentriert. Die Opfer von Flug 4U9525 wurden in gewissem Sinne vergewaltigt, der Copilot hat sich an ihrem Leben vergriffen. Ich möchte wissen, wie das Böse tickt. Rammstein versteht es mit Titeln wie Weißes Fleisch, Du riechst so gut, Ich tu dir weh, Zeig dich, Hallelulja usw., mich dem Teuflischen extrem nahe zu bringen. Insbesondere die Texte in Kombination mit Bühnenbild, dem Auftreten der Band, ihrem Aussehen sowie der für sie typischen Musik, erzeugen eine düstere Stimmung, die in meinen Kopf Bilder erstehen lässt. Sie entführen mich in die Welt des Bösen. Im Nachhinein fühle ich mich vollkommen entspannt.
Trotzdem werde ich es nicht begreifen, es bleibt bei einer Annäherung. Das Böse hat mir Jens genommen.
Endlich ist es so weit. Wir lassen uns von den Menschenmassen zum Münchner Olympiastadion leiten. Der Weg ist breit.
Ich erinnere mich an den furchtbaren Anschlag einer palästinensischen Terrorgruppe namens Schwarzer September bei den Olympischen Spielen 1972. Nachdem die israelische Mannschaft in Geiselhaft geriet, wurden sämtliche Geiseln erschossen. Elf junge Sportler wurden grausam ermordet …
Mein Mann zieht mich zu einem Bierstand.
Frauen und Männer, egal, ob alt oder jung, sie sind gut gelaunt, wie wir schwarz gekleidet, mit allen per Du und in hoffnungsvoller Erwartung auf das Konzert. Uns ergeht es nicht anders. Alsbald tauschen wir unsere Shirts gegen die schwer erstandenen Rammstein-Pullis aus.
Wir haben die Plätze eingenommen. Ich bin froh, dass vor mir keine großen Personen die Sicht nehmen. Neben mir sitzt ein junger Mann, der in München wohnt. Er spricht mich einfach an. Eine nette Plauderei beginnt. Mein Mann genießt das Ambiente. Ich bin aufgeregt. Endlich Rammstein!
Auf der Bühne tut sich was, Zeit vergeht. Mit einem Knall wabern Nebelschwaden auf. Die Band erscheint, Till Lindemanns sonorer Sprechgesang, sein rollendes R, der Sound reißt uns mit, er geht unter die Haut, Schreie aus dem Publikum, die Menschen springen auf, nichts hält uns mehr auf den Sitzen, eine Wahnsinns- Lichtshow und jede Menge Pyrotechnik. Die Woge trägt uns davon …
Nach reichlich zwei Stunden ist das Konzert leider vorbei. Wir bummeln zur U-Bahn-Station Olympiazentrum. Am Hauptbahnhof steigen wir um. Das Menschengedränge ist ungewöhnlich. Die Uhr zeigt Mitternacht. Durchsagen und Schriftbänder teilen mit, dass wir wegen eines Feueralarms den Bahnhof unverzüglich verlassen sollen.
So sind wir gezwungen, ein Taxi zu nehmen. Während der Fahrt sinniere ich über den eben erlebten Feueralarm. Erst vorgestern haben wir in Le Vernet dem öffentlichen Gießen der neuen Kirchenglocken beigewohnt. Feuer spielte dabei eine wichtige Rolle. Und Rammstein hat uns soeben mit einer fulminanten Feuershow beeindruckt. Drei ungewöhnliche Erlebnisse in kurzer Zeit, die mit dem heißen Element zusammenhängen.
Irgendwo habe ich gelesen: »Um Rammstein richtig zu verstehen, muss man sie sehen.«
»Am besten live«, füge ich noch hinzu.
Wie wahr sind diese Worte.
© Brigitte Voß


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Ein Gedanke zu “09.06.2019, Sonntag – Rammstein”

  1. Liebe Brigitte, ich empfinde bei Rammstein nur „Sodom und Gomorra“, so ein Unterschied zu Dir. Ich hab sie allerdings nie Life gesehen. Nur Videos. Die Texte mögen ja noch gehen, aber sonst…..????
    Liebe Grüße

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