07.06.2019, Freitag – die Glocken von Le Vernet

Wir packen die Koffer. Zwischenzeitlich erscheint Maryse, um den verbrauchten Strom abzulesen und das Geld für die Ferienwohnung abzukassieren. Sie sieht auf dem Tisch das Foto von Jens stehen. Da sie sich für ihn interessiert, berichte ich. Ich mag es, von ihm und seinem Leben zu erzählen, jedoch rede ich weniger gern über den Flugzeugabsturz. Es wühlt nach wie vor auf.
Kaum haben wir uns verabschiedet, erscheinen Arthur und sein Freund vor der geöffneten Tür. Sie sammeln Geld, das für diverse Events in der Schule verwendet werden soll. Die Sponsoren nutznießen später von einer Tombola. Wir sollen nur 1 Euro geben. Sie freuen sich mächtig, weil wir den Betrag erhöhen. Ich sehe Jens als Schulkind vor mir. Seit der Katastrophe nehme ich Kinder bewusster als etwas Kostbares wahr. Ich mag es, wenn sie lachen und toben, wenn sie laut sind. Es sind Zeichen der Lebenslust. Sie zu ermahnen, leiser zu sein, fällt schwer. Wir leben nur einmal. Lieber lasse ich mich von gewissen Mitmenschen schief anschauen. Was solls!
Merkwürdig, was der verhängnisvolle Flugzeugabsturz in Angehörigen bewirken kann.Auf dem freien Platz zwischen dem Bürgermeisteramt und dem Bistro wurde gestern der Rasen gemäht und eine Grube ausgehoben. Die Kirche neben den Friedhof wird im Rahmen der Renovierungsarbeiten mit neuen Glocken ausgestattet. Die Vorbereitungen sind im vollen Gange. Wir können sie sowie das Gießen hautnah verfolgen. Sieben Glocken werden das Licht der Welt erblicken, fünf kleine und zwei große. Die Letzteren werden nach den auffallendsten Bergen der Umgebung benannt, nämlich Ubac und Bayeul. Wir werden bei ihrer Geburt dabei sein. Für Le Vernet ist es ein historischer Tag.
Die Sonne sengt unsere Haut. In der Grube, die sich vor uns ausbreitet, befinden sich die Innenformen für den Gussvorgang. Sie werden mit einer Flamme bearbeitet. Das Gras neben der Grube fängt kleinflächig an zu brennen. In Deutschland würde in solch einem Fall ein Feuerwehrfahrzeug in Habachtstellung bereitstehen.Die Außenformen der beiden großen Glocken, bestehend aus Lehm oder Sand, befinden sich außerhalb und werden ebenfalls behandelt (verschmiert). Ein Bagger befördert sie in die Grube, wo sie zusammengefügt werden. Der Boden wird um die Gussformen herum tüchtig verdichtet. Sie haben oben eine Öffnung, damit die Kupfer-Zinn-Legierung in das Innere gelangen kann. Das Gießen wird erst am Abend erfolgen, sodass wir Zeit haben.

 

 

21 Uhr ist es so weit. Wir entdecken Maryse, die mit ihrer Familie auf der Abgrenzung zur Straße sitzt. Sie winkt uns herbei, denn neben ihr ist Platz. Viele Menschen sind gekommen, um dem Schauspiel beizuwohnen.
Die Grube wird zugeschüttet.
Das öffentliche Ereignis wird vom Chef-Glockengießer moderiert. Er erklärt die Vorgänge, verständlicherweise auf Französisch. Die Zuschauer hören aufmerksam zu. Wir können nur die Bilder wirken lassen, die sich vor unseren Augen abspielen. Ich verstehe nur Bruchstücke.
Er weist seine Mitarbeiter an, in die Spezialkleidung zu schlüpfen.Aus dem offenen Schmelzofen stechen grüne Flammenbündel nach oben – Kupfer. Metallblöcke werden im Ofen geschmolzen.

Das Gießen erfolgt in zwei Stufen. Zuerst werden die fünf kleinen Glocken und eine der Großen gegossen. Es wird eine Pause folgen, bevor die letzte an die Reihe kommt.Endlich ist es soweit. Während die Flammen gedrosselt werden, bittet der Chef-Glockengießer das Publikum, leise zu sein, denn die Mitarbeiter müssen sich konzentrieren. Schlagartig hört das Gemurmel auf. Ruhe und Dunkelheit verleihen dem Feuer sowie der glühenden Schmelze eine geheimnisvolle Aura. Sie wird verstärkt durch das Bewusstsein, dass so viele Menschen das Schauspiel mucksmäuschenstill verfolgen. Mit verschiedenen Kellen, die vorher erhitzt worden sind, wird die geschmolzene Legierung aus dem Ofen geschöpft und durch die aus dem Boden herausschauenden Öffnungen in die Glockenformen gegossen. Es darf nichts schief gehen.Der Vorgang ist beendet. Wir klatschen Beifall.
Für den Guss der zweiten Glocke muss der Ofen erneut mit Metall bestückt werden, es dauert, bis es flüssig ist und der Gussvorgang erfolgen kann. Am Ende der Vorführung wird die Uhr für uns eine zu späte Stunde anzeigen. Schweren Herzens verabschieden wir uns. Leider müssen wir früh am Morgen aufstehen, da wir die Heimfahrt antreten.
Ein letztes Mal besuchen wir in diesem Sommer den Friedhof. Ein letztes Mal stehen wir vor der Stele und schauen auf die Bergkette, hinter der das Schreckliche geschah. Der Mond versucht, sie zu versilbern. Abschied von Jens. Doch stets kommen wir wieder. Retour au Vernet.
© Brigitte Voß


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