Wir fahren durch eine unwirklich reizvolle Natur nach Nizza. Berge, Wasserläufe, Täler und Schluchten huschen am Fahrzeugfenster vorbei. Das Land weist Naturschönheiten auf, die mich immer wieder verblüffen. Das erste Mal kam ich durch Claude damit in Berührung. Wir lernten uns virtuell über das Sprachenlernen kennen. Er wollte Deutsch lernen und ich Französisch. Es kam, wie es kommen musste, zu persönlichen Begegnungen in Frankreich und Deutschland. Seine sowie unsere Kinder waren dabei. Er wohnte in Avignon. Leider verstarb er an einem Herzinfarkt.
Niemals hätte ich gedacht, dass wir für den Rest des Lebens mit einer bleischweren Kette an das Nachbarland gebunden sind.
Obwohl ich seit ewiger Zeit den Wunsch habe, Nizza kennenzulernen, und ich mich freue, dass er in wenigen Stunden erfüllt sein wird, kann ich die Gedanken an Jens und den Tod nicht abschütteln. Claude sowie der Terroranschlag, der sich vor drei Jahren in der Hafenstadt auf der Strandpromenade ereignete, haben sich dazugesellt.
Ich sollte mich selbst ans Steuer setzen. Verkehr und Bergkurven würden Konzentration erfordern und mich ablenken. Jedoch seit dem Flugzeugabsturz habe ich genau mit diesem Fahrzeug meine Probleme.
Die Verkehrsdichte nimmt rapide zu, wir fahren in Nizza ein. Das Navi führt uns auf die eben genannte Promenade. Luxusvillen und Hotels, die jede Menge Reichtum ausstrahlen, säumen eine Seite der Straße, auf der anderen ist viel Platz für die Fußgänger. Sie haben freie Sicht auf das Meer.
Der Attentäter fuhr auf ebendieser Strandstraße und scherte in die Menschenmassen hinein, die auf der Flaniermeile das Feuerwerk zu Ehren des französischen Nationalfeiertages sehen wollten. Sterben und Tod … Vor meinem inneren Auge spielen sich panische Szenen ab …
In dem Touristengewühle finden wir für unser Fahrzeug einen Parkplatz. Wir atmen auf. Zunächst müssen wir etwas essen. Der Hunger wird in einem indischen Restaurant am Hafen gestillt. Wir sind froh, freie Plätze entdeckt zu haben.
Auf dem Aussichtsberg Colline du Château genießen wir die zahlreichen Aussichten auf die Dächer von Nizza, den Hafen, auf die gebogene, von Palmen begrenzte, Promenade, auf das Meer, das in der gleißenden Sonne Sternchen versprüht, und auf die Berge, die im Hintergrund die Stadt begrenzen. Der Park, der sich um den 100 m hohen Hügel erstreckt, ist erholsam und bietet schattige Stellen. Pinien und fremdartige Gewächse entspannen mich. Uns drängt nichts, das ist ein angenehmes Gefühl.
Wir schlendern durch die engen Gassen der Altstadt. Wäsche hängt zum Trocknen aus Fenstern.
Die Cathédrale Sainte-Réparate fällt durch eine Kuppel auf. Ihr Glockenturm steht daneben.
Die Heilige Repérate ist eine frühchristliche Märtyrin, die vor ihrer Hinrichtung gefoltert wurde.
In der Kirche laufen wir an mehreren Seitenkapellen vorbei, die Altäre und Reliquien zeigen. Ich zähle drei Orgeln.
Gleich neben dem Eingang bleiben wir vor der Kapelle der Madonna der sieben Schmerzen (damit ist Maria, die Mutter von Jesu gemeint) stehen. An der Wand hängt ein Gebet, das an den verheerenden, späten Abend in Nizza erinnert. Es wendet sich laut Überschrift an »die Lebenden und die Toten«. Die Zeilen daraus, die ich sinngemäß wie folgt übersetze, lassen mein Herz schwer werden:
»… Herr, in der tragischen Nacht,
wo Hoffnung unmöglich scheint,
wo das Leben zerstört scheint,
wo die Menschlichkeit ermordet zu sein scheint,
…
Für die Opfer, die zu Unrecht in den Tod getrieben wurden, wie dein eigener Sohn,
für diejenigen, die an Seele, Herz und Körper verwundet sind,
für diejenigen, die einen geliebten Menschen verloren haben, der einfach unersetzlich ist,
für diejenigen, die die Last des Leidens auf ihre Schultern gelegt haben,
für diejenigen, die selbstlos ihre Kraft, ihre Zeit und ihre Hilfe gegeben haben,
für die Namenlosen, die ihre Brüder und Schwestern bis zum Ende geliebt haben …«
(Père Sylvain Brison)
Ich fühle mich angesprochen und bin auf einen Schlag unendlich traurig. Jeder von uns zündet ein Teelicht für Jens an und stellt es zu den anderen.
Draußen glüht die Sonne auf Hochtouren.
Wir bummeln die Promenade entlang und setzen uns an den steinigen Strand. Zu viele Urlauber sind auf die gleiche Idee gekommen. Es ist ungemütlich, sodass wir unseren Spaziergang auf der Flaniermeile fortsetzen.
Am 14. Juli 2016, zum Nationalfeiertag, walzte der Attentäter mit seinem LKW zwei lange Kilometer über die Menschen hinweg, die sich auf der Promenade verteilt hatten, um das Feuerwerk zu sehen.
Der IS bekannte sich zu der Tat, bei der sechsundachtzig Leben ausgelöscht und mehr als vierhundert Personen aus verschiedenen Nationen verletzt wurden. Unter den Todesopfern befinden sich eine Lehrerin und zwei Schülerinnen aus Berlin. Der Massenmörder wurde von der Polizei erschossen …
Spät abends sind wir wieder in Le Vernet. Die kühle Luft sowie die Ruhe, die die Berge ausstrahlen, beruhigen und sind angenehm.
Den Tag beenden wir an der Stele, wo wir unsere Kerzen für Jens anzünden.
© Brigitte Voß
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