01.06.2019, Sonnabend – Wölfe

Wir frühstücken mit Nancy im L’Inattendu. Die Angehörigen, die wir seit gestern kennen, fliegen heute zurück nach Deutschland. Sie kommen an unseren Tisch, um sich zu verabschieden. Wir Frauen umarmen uns. Sie weint, weil sie bei ihrem verstorbenen Sohn bleiben und nicht abreisen möchte. Mich übermannen die Gefühle, da es mir bei derartigen Heimfahrten ähnlich ergeht. Es ist alles so traurig. Jens ist tot, und den Schmerz um ihr Kind, verstehe ich aus tiefster Seele, da er ebenso meiner ist.
Es wird ein heißer Tag. Keine Wolke hängt am Himmel, und schon jetzt feuert die Sonne ihre Strahlen auf die Erde. Daher beschließen wir, sofort zur Absturzstelle zu wandern. Nancy begleitet uns gern. Für sie ist es nicht das erste Mal.
Am Col de Mariaud legen wir stets eine kleine Rast ein.Am Ende der Tour würde ein Außenstehender feststellen, dass nichts Außergewöhnliches passiert sei, während für uns das Auftauchen eines Schmetterlinges, insbesondere eines blauen, eine spezielle Bedeutung hat. So ist es auf dieser Wanderung geschehen. Er saß vor uns ruhig auf einem Stein und sonnte sich.Wir sind an dem traurigen Ziel angelangt. Natürlich fällt unser Blick auf die goldene Sonnenkugel, die an die Katastrophe erinnert. Einheimische sowie Angehörige reagieren recht unterschiedlich auf sie. Uns wäre lieber gewesen, wenn man die hölzernen Kugeln, die die Erinnerungsgegenstände an die Opfer enthalten, nicht in dem monströsen Denkmal platziert, sondern tief in den Absturzfelsen versenkt hätte.Wir sitzen und schauen in das Tal. Nancy möchte wissen, wie es mir an diesem Ort ergeht. Oft stellt sie Fragen, bei denen ich mich in mein Inneres begeben muss, um sie beantworten zu können. Obwohl wir bereits oft hier waren, wühlt die Absturzstelle nach wie vor auf. Nur habe ich mit der Zeit gelernt, diese Gefühle in ein gewisses Gleichgewicht zu bringen, um besser  hiermit klar zu kommen. Es bringt nichts, wenn man sich dem Chaos, das immer wieder versucht, sich im Kopf aufzubauen, hingibt.Es ist eigener Wille, hier zu sein, da wir, wie öfters im Blog beschrieben, die Nähe zu Jens empfinden. Wir können unsere Natur nicht verdrängen.
So anormal ist der Wunsch, hier oben zu sein, nicht, denn wir wissen, dass wir damit nicht allein dastehen.
Meine Freundin ist ruhig geworden und schaut nachdenklich in die Richtung, aus der das Flugzeug kam.
Wir steigen hinab ins Tal. Pferde stehen verlassen am Wegesrand. Sie sehen gepflegt aus und so hoffe ich, dass sie hier nur grasen dürfen und sie der Besitzer über Nacht zurückholt. Im Umland gibt es Wölfe. Bei einer Rundwanderung von Haut Vernet aus, haben wir Hinweisschilder gesehen, dass Hütehunde frei herumlaufen, um die Schafherden zu beschützen. Es kann dem unbedarften Wanderer durchaus passieren, einem Zähne fletschenden, großen Vierbeiner gegenüberzustehen, der ihn drohend anbellt und knurrend den Weg versperrt.
Bingo, der Hund von Cristiana und Hervé, stromert gern mit dem Hund von Madame, die an der Ecke wohnt, durch die Berge. Seit geraumer Zeit hat er ein vernarbtes Ohr, und es wird gemunkelt, dass es von einem Wolf stammen könnte.
Kurz nach dem Absturz des Germanwings-Airbusses tauchten Meldungen über ein Wolfsrudel auf, das in der Umgebung herumstreifte und sich über die Leichenteile hermachen könnte. Glücklicherweise habe ich das erst später mitbekommen. Man darf gar nicht genauer darüber nachdenken. Für Angehörige ist es eine beunruhigende Vorstellung, was mit den Überresten der Verstorbenen passiert sein könnte. Die Bergungskräfte haben sich Mühe gegeben, das, was von unseren Lieben übrig geblieben ist, rasch zu bergen. Zusätzlich sollen Sicherheitskräfte die Absturzstelle nachts bewacht haben. Hätten sie Wölfe bemerkt, wären sie mit Sicherheit gegen sie vorgegangen. Niemanden kann man einen Vorwurf machen, auch den wilden Tieren nicht.
Das Abendbrot nehmen wir in einer Gaststätte des Ortes ein, bevor sich Freundin Nancy von uns verabschiedet. Sie fährt mit dem Mietwagen nach Marseille, wo sie in einem Hotel am Flugplatz übernachten und morgen nach Deutschland zurückfliegen wird.
© Brigitte Voß


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