31.05.2019, Freitag – der Wettkampf

Seit fünf Uhr sind sie wach. Obwohl sie leise sind, höre ich sie. Fünfhundert bis sechshundert Feuerwehrleute (die Angaben schwanken) sind aus ganz Frankreich angereist. Die meisten von ihnen übernachten in Zelten hinter uns auf dem Campingplatz von Ed und Astrid. Dafür haben sie ihr Areal erweitern dürfen. Für beide ist es eine logistische Herausforderung.
Seit gestern sind die Vorbereitungen für den zweitägigen Wettkampf im vollen Gange. Sämtliche Rasen der näheren Umgebung wurden gemäht. Die Wiese, die sich vor uns befindet, wurde ökologischen Rasenmähern ausgesetzt. Schafe haben das saftige Gras in ihre hungrigen Mäuler gezupft. Nicht nur im Schwimmbad hat man mobile Toiletten aufgestellt. Stühle und Tische wurden in das große Aufenthaltszelt getragen, das auf der Grünfläche vor dem Hotel l’Inattendu seinen Platz gefunden hat. Darin soll gespeist und gefeiert werden. Am Abend spielte eine Band, allerdings nicht bis spät in die Nacht. Offensichtlich konzentrierten sich die Läufer auf den heute beginnenden Wettkampf und bevorzugten den Schlaf.
Die Strecke verläuft zwischen Le Vernet und Prads. Pro Tag sind 30 bis 35 km angesetzt, wobei ein täglicher Höhenunterschied von maximal 2500 m überwunden werden muss.Das große Zelt erinnert mich an die jährlichen Gedenkfeiern und vor allen Dingen an Jens. Als die Sportler darin verschwanden, um ihre Startunterlagen abzuholen, beschlich mich Traurigkeit. Ich dachte an sein freudiges Aufgeregtsein vor jedem Wettkampf, an dem er teilnahm.
Unsere Ferienunterkunft befindet sich in günstiger Lage, sodass wir einen übersichtlichen, nahezu vollständigen Rundblick auf all die Geschehnisse haben.
Wenn uns der Mistral nicht zu sehr zusetzt, sitzen wir davor und beobachten gern, was in der Umgebung geschieht. Normalerweise ist nicht viel los.
Ein älterer Herr kommt aus dem benachbarten Châlet und ohne Zögern auf uns zu. Er stellt sich vor. Er stammt aus Toulouse. Zu meinem Erstaunen drückt er sich in einem ausgezeichneten Deutsch aus, was für einen Franzosen eine absolute Rarität darstellt. Er spricht uns sein Beileid aus. Aus unbekannten Quellen weiß er, dass wir Opfer-Angehörige sind. In diesem Ort bleibt das nicht verborgen. Hier finde ich das in Ordnung. Er ist freundlich, nicht aufdringlich und muss bald wieder gehen.
Wir sitzen und schauen. Unter uns befindet sich der Zieleinlauf. Es ist Vormittag. Die ersten Läufer/innen treffen ein. Einige können nur noch schleichen, während andere hurtig dem Ziel entgegen sprinten.Wir halten es nicht mehr aus und müssen dabei sein. Wir eilen den kleinen Hang hinunter, um mit den Zuschauern die eintreffenden Athleten zu beklatschen. Ein weiblicher Fan feuert mit einer Kuhglocke an. Ich lerne nie aus.
Nur wenige Personen stehen am Ziel. Angenehm ist, dass wir nicht, wie in Deutschland bei solchen Anlässen, mit überlauter Musik berieselt werden.
Ich stelle mir vor, dass an der Straßenbiegung Jens mit seinem Bruder auftaucht und beide nebeneinanderher mit erschöpfter Freude die Zielmarkierung hinter sich lassen. So geschah es in der besseren Zeitrechnung. Oft standen wir am Streckenrand und haben sie angefeuert.Natürlich kann ich Jens nirgendwo entdecken, doch mein Gehirn versucht, eine Lösung aus dem Dilemma zu finden. Vielleicht schaut er aus seinen fernen Sphären zu. Er begleitet in unsichtbarer Form die Sportler und regt sie zu Hochleistungen an. Rasch schiebe ich diese Idee beiseite. Es ist hilfreicher im Hier und jetzt zu bleiben.
Den ankommenden Läufern ist die Anstrengung anzusehen. Respekt vor ihrer Leistung.
Wir gehen mit Freundin Nancy, die zwischenzeitlich aus Deutschland angereist ist, durch den Ort. Er erstrahlt in leuchtendem Rot. Überall sehen wir Feuerwehrautos, die Parkplätze sind brechend voll. Ein ungewohnter Anblick.Je weiter wir uns dem Friedhof nähern, desto ruhiger wird es. Nachdem wir eine Kerze für Jens angezündet haben, nehmen wir auf der Bank vor dem Grab der Opfer Platz.
Die Friedhoftür knarrt. Ich drehe mich um. Ein älteres Paar schaut zu uns herüber und zögert, den Weg fortzusetzen. Wir kennen es nicht, trotzdem bin ich überzeugt, dass es Angehörige sind.
Wir rutschen zusammen, damit auch sie sich setzen können. Wir wechseln nur wenige Worte. Es stellt sich heraus, dass es Deutsche sind. Sie haben den Sohn verloren …
© Brigitte Voß


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