30.05.2019, Donnerstag – Himmelfahrt

Der Himmel ist blauklar, sodass die Sonne uns wärmen könnte. Trotzdem fühlt sich die Luft durch den permanenten Wind eisig an. Es ist der Mistral, der aus dem Rhonetal herauf weht. Uns nervt er. Auf dem Friedhof und vor der Stele wirft er liebend gern die Grabkerzen von uns Angehörigen um. Stets stellen wir sie erneut auf. Die Vase mit den Blumen für Jens kippt er mit wahrer Boshaftigkeit um, obwohl wir sie teilweise mit Steinen gefüllt haben. Er macht vor nichts halt. Mitunter ist er so stark, dass er die Außenstühle umwirft. Es ist vergebens, den Sonnenschirm aufzustellen, da er diesen ebenso entschärft. Auch »Madame«, eine betagte, sehr höfliche Frau, die in genau so einer Holzhütte wohnt, wie wir, allerdings für immer, hat ihre abgebaut. Da wir ihren Namen nicht kennen, nennen wir sie »Madame«. Hin und wieder unterhalten wir uns. Sie wohne wegen der schönen Natur hier, teilte sie mit, als ich sie einst fragte. Dabei zeigte sie auf die Berge. Das kann ich gut verstehen, obwohl diese Gebirgskette stets mit dem furchtbaren Geschehnis in Verbindung gebracht werden wird, was vorrangig auf uns Opferangehörige und die Bewohner der Umgebung zutrifft.
Ihr Hund wurde von einem Wildschwein angegriffen und ist derzeit schwer verletzt. Die Haustiere führen ein freieres Dasein als in Deutschland. Da sie frei herumlaufen, lieben sie es, auszubüxen, und streunen durch die umliegenden Wälder und Berge. Sie bleiben schon mal eins zwei Nächte weg. Das ist gefährlich, denn im Umland leben Wölfe. Sie sorgen, wie anderswo auch, für Diskussionen, insbesondere unter den Viehzüchtern.
Das Klima reizt. Je nach Sonneneinstrahlung ist der Mistral mal angenehm oder zu kalt. Da er bei Hitze erfrischt, besteht die Gefahr eines Sonnenbrandes.
Die Sekretärin des Bürgermeisters weiß zu berichten, dass sie früher nie so viel Wind gehabt hätten. Die Klimaveränderung trage die Schuld.
Wir fahren nach La Javie zum Mittagessen. Das Restaurant liegt an einer Kurve der befahrenen D 900. Die Kellner leben riskant, da sie zum Bedienen die Straße vor dem unübersichtlichen Knick queren müssen. Ich erinnere mich, dass kurz nach der Katastrophe, der Busfahrer des Shuttle-Busses, der uns Angehörige nach Le Vernet brachte, die enge Kurve nicht richtig nehmen konnte und daher mehrfach vor und zurück rangieren musste, bis er Erfolg hatte.
Die Bedienkraft ist nett, und es macht Spaß, sich zu unterhalten. So lerne ich am besten Französisch, nur strengt es bei meiner Dauererschöpfung an.
Es geht weiter nach Prads, denn wir wollen den Betreibern des dortigen Campingplatzes Guten Tag sagen. Da die Rezeption erst am Nachmittag wieder öffnet, beschließen wir, nicht zu stören und durch die Gemeinde zu laufen. Über den Ort habe ich im Blog bereits mehrfach geschrieben (zum Beispiel in: 26.09.2016, Montag – Prads-Haute-Bléone (Prads 2), oder 01.07.2018, Sonntag – Gedankenwelten)
Wir treffen unerwartet auf einen Vertreter der Lufthansa, den wir vom diesjährigen Jahresgedenken her kennen. Wir sind sehr überrascht. Er ist mit seinem Freund hier. Wir wechseln Worte. Ihm gefällt das goldene Denkmal an der Absturzstelle. Er erzählt, dass die Piloten, die auf den Linienflügen darüber hinwegfliegen, sie aus der Höhe sichten können.
Hin und wieder begegnen uns in und um Le Vernet herum Angestellte der Fluglinie. Auch sie lässt das schreckliche Ereignis nicht los, sodass sie Urlaub nehmen, um es in der betroffenen Region besser verarbeiten zu können.
Nina vom Zeltplatz, freut sich, uns zu sehen, und bietet einen schmackhaften Öko-Birnensaft aus eigenem Anbau an, den sie selbst gepresst hat.Kaum hat sie uns erzählt, dass der Schuldirektor aus Haltern, Ullrich Wessel, mit seiner Frau einige Tage in einem Châlet auf ihrem Campingplatz verbringt, tauchen beide auf. Sie setzen sich zu uns. Schnell sind wir beim Du.
Er ist ein feinfühliger Mensch und übernahm als Direktor eines Gymnasiums, von der sechzehn Schüler und zwei Lehrerinnen von einem Schüleraustausch nur noch tot zurückkehrten, eine Verantwortung, die wohl jeder gern gemieden hätte. Er stand mit den Eltern in engen Kontakt … Er musste ihnen beibringen, dass ihre Kinder bei dem Flugzeugabsturz ums Leben kamen. Sie waren erst 15 bis 16 Jahre alt. … Er kümmerte sich um die Trauerarbeit. (Siehe Blogbeitrag: 30.09.2016. Freitag – Erholung von der Wanderung zur Refuge de l’Estrop (Prads 6)) In und vor der Schule entstanden Orte des Gedenkens an die Katastrophe.
Er erzählt viel, auch dass er Hemmungen habe, an den Jahresgedenkfeiern in Le Vernet teilzunehmen, und er damit aufgehört habe. Es würde nur uns zustehen. Er nimmt sich zurück, obwohl wir glauben, dass keiner der Angehörigen etwas gegen seine Anwesenheit hätte, und so widersprechen wir ihm heftig.
Beim Abschied äußern wir die Hoffnung, dass wir uns bei einem Glas Bier in unserer Heimatstadt treffen werden. Es liegt an uns …


© Brigitte Voß


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