Kurz nach dem Flugzeugabsturz unterhielten sich zwei Angehörige.
»Wen hast du verloren?«
»Meine Lebensgefährtin. Und du?«
»Meine Tochter saß in dem Flugzeug … Es ist viel schlimmer, sein Kind zu verlieren …«
Wie der Dialog fortgesetzt wurde, lasse ich an dieser Stelle offen.
Er fand etwa drei Wochen nach dem Flugzeugabsturz bei einem ersten Treffen der Hinterbliebenen statt.
Jeder kennt sicher Sprüche und Ansichten wie beispielsweise:
»Ein Mann geht dir von der Seite, aber ein Kind geht dir aus dem Herzen.«
Oder:
»Es ist normal, wenn die Großeltern sterben, doch viel schlimmer ist es, wenn die Eltern vor dem Grab ihres Kindes stehen müssen.«
Sogar der alte Grieche Sophokles ließ vor rund 2500 Jahren Antigone in seiner Tragödie gleichen Namens sinngemäß behaupten, ein verstorbener Ehemann sei austauschbar und Kinder könnten erneut gezeugt werden. Ihr Bruder aber sei unersetzlich und daher gehöre diese Trauer zu den schwersten.
Aus Antigones Rede:
Natürlich hat Antigone recht, denn irgendwann sind den Eltern biologische Grenzen gesetzt, ein neues Geschwisterkind zu zeugen, vor allen Dingen, wenn sie bereits im Totenreich sind.
Sie hat unrecht, weil sie von Ersatz spricht. Jede Person ist in ihren physischen und psychischen Merkmalen einzigartig. Man kann zwar einen neuen Partner heiraten, trotzdem ist er nicht derselbe, der vorher existierte.
Man kann ein weiteres Kind zeugen, aber es wird ein anderes sein. Man hüte sich einer jungen Mutter, die ihr Kind verloren hat, zu sagen: »Ihr habt doch noch mehr«, oder, »Ihr könnt euch doch noch eins anschaffen.« Für sie wird jedes Kind einmalig sein, auch wenn es bereits im Mutterleib gestorben ist.
Menschen kann man nicht ersetzen.
Wiegt ein Verlust wirklich schwerer als ein anderer? Niemand kann in die tiefste Gefühlswelt seines Gegenübers eindringen, um darauf eine objektive Antwort finden zu können. Es gibt Trauernde, die nach außen hin niemals ihre Reaktionen zeigen, sodass ihnen Herzlosigkeit vorgeworfen werden könnte, während andere ihrer Trauer einen lautstarken Ausdruck geben. Wie will man da die wahre Intensität ermitteln?
Jeder trauert unterschiedlich. Das hängt von den psychischen Merkmalen ab. War die Person vorher schon labil, wird sie Verluste nur schwer aushalten. Des Weiteren sind die Erziehung, Alter und Geschlecht, der Kulturkreis, die Beziehung zu dem Verstorbenen von Einfluss.
Jens starb eines gewaltsamen Todes. Niemand übernimmt die Verantwortung für den Mord an 149 Menschen. Die Todesursache und die Folgen, die sie nach sich zieht, beeinflussen meinen Schmerz erheblich. Wäre die Maschine wegen eines technischen Defektes abgestürzt, würde ich ein wenig besser klarkommen.
Jede Trauer ist eine andere. Sie ist individuell und daher unvergleichbar, egal, ob Kinder, Geschwister, Großeltern, usw. von uns gegangen sind.
Was in mir nach einem Todesfall vorgeht, das kann ich beurteilen und vergleichen. In der Familie und im Freundeskreis habe ich viel zu viele liebe Menschen verlieren müssen. Ich kam besser damit klar, wenn die Betroffenen ihr Leben gelebt hatten und nicht zu jung an einer todbringenden Krankheit gestorben sind.
Beim Sterben meines Vatis war ich dabei, was sogar besänftigend auf den Trauerprozess wirkte. Als jedoch Jens starb, stand alles Kopf. Es ist das Furchtbarste, das ich erlebt habe. Ich liebe ihn immer noch, bedingungslos und über den Tod hinaus.
Von Menschen, die ich kaum kannte, bekam ich zu hören, dass sie besonders mitfühlen würden, weil sie selbst Kinder haben. Man denkt in solchen Situationen wohl stets an das eigene Kind. Die innige Liebe zu ihm ist naturgegeben.
Sterben Kinder, horcht die Gesellschaft auf. Doch haben wir kein Recht, das Leid der anderen in Hierarchien zu zwängen. Niemand kann wissen, welche Trauer um welchen Verlust schlimmer ist.
© Brigitte Voß
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