Seit wir vom vierten Jahresgedenken aus Le Vernet wieder zurück sind, habe ich so etwas wie einen Energieschub bekommen. Der Ort, so schrecklich er auch anderen erscheinen mag, tut mir gut. Er gibt mir Kraft und Motivation. Eifrig lerne ich in einem Online-Kurs Französisch und kämpfe mit dem verstehenden Hören. Schließlich möchte ich mit den Bewohnern besser kommunizieren können.
Ich bemühe mich bewusst um ausreichende Bewegung. Mein Mann und ich besuchen das Fitnessstudio, um die schlaffen Muskeln zu stärken. Wir wollen gesund bleiben.
Nichts war, wie sonst so oft, zu viel. Obwohl wir gegen Mitternacht aus Frankreich zu Hause ankamen, stand am Folgetag eine Familienfeier an. Unsere Enkelin feierte ihren Geburtstag.
Ein Tag später besuchten wir mit den Enkeln den Zoo. Dieser übt schon immer eine beruhigende Wirkung auf uns aus. Leider war das Elefantenbaby nicht draußen, dafür aber warf sich Enkel Timo mitten auf den Weg und hat ausgiebig gebockt. Gleichzeitig quengelte seine Schwester, weil sie endlich auf den Spielplatz wollte. Ich fühlte mich erneut gebraucht, was ein angenehmes Gefühl ist.
Oft stelle ich mir vor, Jens wäre in derartigen Situationen anwesend und würde seine treffenden Kommentare dazu geben. Seine Stimme schwingt noch immer in meinem Ohr, wenngleich ich spüre, dass sie schwächer wird. Ich habe Angst, ihren Klang zu vergessen.
Auf dem Campingplatz richteten wir die Schäden am Wohnwagen, die die Stürme der vergangenen Zeit angerichtet hatten. Das Wohnwagenüberdach samt Halterung wurden auf den Boden geweht. Es hätte schlimmer kommen können. Die Unwetter nehmen hinsichtlich Stärke und Häufigkeit zu, genauso wie die Gewaltbereitschaft zwischen den Menschen. Terroristen versuchen, Horror und Tod in der Gesellschaft zu verbreiten, die Achtung vor dem Leben sinkt, und wer weiß, was noch kommt. Natürlich stellen sich Befürchtungen ein, was die Enkel zukünftig durchzustehen haben. Sie wachsen in eine denkwürdige Welt hinein. Das macht Angst. Führe ich die Gedanken weiter, lande ich bei Jens und überlege, was er erleiden müsste, weilte er noch unter uns. Vielleicht bleiben ihm jetzt quälende Krankheiten, Kriege, Naturkatastrophen, … erspart. Manchmal mutmaße ich, das Leben hätte mit jedem Einzelnen von uns einen Plan. Wäre das der Fall, hätte der frühzeitige, gewaltsame Tod von Jens einen Sinn, so auch der Schmerz, den er in den Menschen auslöste, die ihn kannten. Allerdings kann ich diesen beim besten Willen nicht finden.
Fragt man mich, wie es mir geht, antworte ich oft: »Ich lebe.« Was wünscht man mehr. Unser Dasein hat glückliche als auch traurige oder gar furchtbare Momente, von denen man vorher nichts weiß. Das Leben ereignet sich, rollt einfach so ab und vergeht. Die Zeit ist sein Metronom, sein Taktgeber … Und plötzlich ist Schluss, was die Mehrheit gern ignoriert.
»Das Leben ist das, was passiert, während du beschäftigt bist, andere Pläne zu machen«.
Das denkwürdige Zitat stammt von John Lennon. Er wurde ermordet.
Normalerweise hängen die Menschen an ihrem Leben. Egal, in welch böser Situation sie sich befinden, sofort stellt sich die Hoffnung auf Besserung ein – alles wird gut, ich schaffe das, ich werde es überleben … Das wollten mit Sicherheit die 149 Insassen an Bord der Germanwings-Maschine.
Das, was sich um die Katastrophe herum ereignet, zwängt mir das Leben auf. Die Vorkommnisse können Groll und Unfrieden hervorrufen wie beispielsweise im Fall des Fake-Pathologen, den ich im Blog mehrfach erwähnt habe. Das Gerichtsurteil über ihn ist in Holland gefallen. Er bekam zwei Jahre aufgebrummt, ein Teil davon auf Bewährung. Der Staatsanwalt hatte vier Jahre gefordert, wohingegen der Verteidiger des Betrügers meinte, das sei zu hoch. Durch die Tat sei niemand zu Schaden gekommen.
Stimmt das?
Das Leben spielt mit unseren Seelen. Allerdings fällt es ihm zunehmend schwerer, mich aus dem Gleichgewicht zu bringen, weil das Schlimmste bereits geschehen ist.
© Brigitte Voß
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