03.04.2019, Mittwoch – Zittern wie Espenlaub (2)

Im vorhergehenden Beitrag habe ich meine erste Teilnahme an einer so bezeichneten TRE-Session geschildert, sowie die Eindrücke und Gefühle, die sich dabei einstellten. Sie liegt bereits mehrere Monate zurück.
(TRE = Tension Release Exercises, was man mit Spannungsabbau–Übungen übersetzen kann.) Zu gut Deutsch wird die Therapie Neurogenes Zittern genannt.
Das Verfahren stammt von Dr. David Berceli, einem US-amerikanischen Traumatherapeuten, Sozialarbeiter, Theologen und Wissenschaftler. Er lebte in verschiedenen Krisengebieten. Aus seiner Arbeit mit traumatisierten Menschen heraus entwickelte er die TRE-Methode.
Als mir meine Psychologin vorschlug, ich solle an ihrem Kurs für neurogenes Zittern teilnehmen, lehnte ich spontan ab. Zu fremd kam mir das Gehörte vor.
Sie meinte, ich sei der Typ, der viele Regungen unterdrückt und dadurch die Trauer nicht aus sich herauslässt. Damit hat sie recht. Ich kontrolliere mich stark, so nach dem Motto: Ein Indianer kennt keinen Schmerz. (Als Kind liebte ich Indianerbücher über alles.)
Durch das Zittern des Körpers würde diese Regulierung geschwächt. Ich solle die Technik, mich zum Beben zu bringen, ruhig einmal ausprobieren. Wenn ich dadurch besser schlafen könne, sei doch viel gewonnen. Sie selbst habe Patienten und wisse von Schauspielern, die es zu diesem Zweck erfolgreich anwenden. Es wäre ein wunderbares Mittel zur Entspannung und Stressabbau.
Wir zittern in unterschiedlichen Lebenslagen, wenn wir Angst haben oder Stress, wenn wir frieren, schreckliche Ereignisse erleiden müssen, furchtbare Erinnerungen auftauchen oder unsere Muskeln bei sportlichen Übungen stark beanspruchen. Sogar in der Matthäus-Passion von Johann-Sebastian Bach taucht es auf: »O Schmerz! Hier zittert das gequälte Herz.“
Es ist eine natürliche Körperreaktion, die versucht, die entstandene Spannung durch Zittern zu lösen. Wir können den Vorgang willentlich stoppen, was nur allzu oft geschieht, weil es uns aus den verschiedensten Gründen peinlich ist. Das ist offensichtlich falsch. Tiere hingegen beben bei Angst, oder wenn sie eine lebensbedrohliche Situation überstanden haben, hemmungslos.
Bei Dauerstress im normalen Alltag, bei traumatischen Schocksituationen, u. Ä., können sich unsere Muskeln auf ewig verkrampfen. Genannt wird der Psoas. Er ist ein Beugemuskel der Hüfte, der tief im Körperinneren liegt, und für viele Bewegungsabläufe verantwortlich ist. Er stabilisiert die Wirbelsäule, das Becken und wirkt bis zum Kiefer und den Schläfen. Der Muskel ist über das Rückgrat mit dem Stammhirn, dem ältesten Teil des menschlichen Gehirns verbunden. Bei großer Gefahr versucht er uns zu schützen, indem er sich anspannt, sich beugt und in uns den Drang nach Flucht erweckt. Nur rennt heutzutage bei Stress und Angst niemand mehr weg. Auftretendes Zittern wird unterdrückt. Es könnte als Zeichen von Schwäche gedeutet werden. Wird diese Anspannung chronisch, kann sie beispielsweise zu einer erhöhten Atemfrequenz, gestörten Verdauung oder zu Rückenschmerzen führen, aber auch negative Auswirkungen auf die Psyche haben.
Letztendlich willigte ich ein, das künstlich herbeigeführte Beben zu erlernen, denn die Verlockung nach besserem Schlaf war stark.
Es blieb nicht nur bei einer Therapie.
Von Sitzung zu Sitzung fallen meine Reaktionen auf das neurogene Zittern unterschiedlich aus. Es zeigt sich mit leichtem Vibrieren, ein anderes Mal mit einem heftigen Rütteln. Manchmal passiert auch gar nichts. Das trifft ebenso für die Emotionen wie Traurigkeit, Wut, aggressive Gefühle …, zu, die zuweilen so stark sind, dass ich sie nicht bremsen kann. Bleiben solcherart Regungen aus, beobachte ich, wie sich das Zucken seine Wege durch den Körper sucht, als wäre ich ein Zuschauer.
Es gibt Teilnehmer, die das neurogene Zittern im Sitzen ausüben oder bevorzugen, an der Wand zu stehen.
Sollte es zu heftig werden, kann ich es jederzeit beenden. Das zu wissen, ist beruhigend.
Fakt ist, dass mit der Zeit die Albträume seltener auftreten und die Gedanken an die Katastrophe weniger aggressiv sind. Schlafstörungen habe ich leider nach wie vor.
Es wird empfohlen, die Methode ebenso zu Hause anzuwenden, fühlt man sich gestresst oder möchte man sich einfach nur entspannen.
© Brigitte Voß


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