03.04.2019, Mittwoch – Zittern wie Espenlaub (1)

Die Vorübungen beginnen. Sie sind leicht, niemand ist überfordert. Sie bereiten auf das Folgende vor. Wir stehen und wippen mit den Füßen jeweils seitwärts in die gleiche Richtung. Vier weitere Übungen schließen sich an.
Schließlich lehnen wir mit dem Rücken in sitzender Stellung an der Wand, als wäre unter uns ein Stuhl und schieben die Füße vor, bis wir die Knie entlasten. Die Muskeln fangen an zu zucken. Wir sollen es zulassen. Obwohl ich mit der Zeit ein ganzes Stück aufwärts gerutscht bin, sodass ich nahezu senkrecht bin, zittere ich weiter.
Die Stimme von Frau Blume, der Psychologin, dringt an mein Ohr. Wir sollen uns zurücknehmen. Ich mag nicht, mir gefällt es. Eine Extraaufforderung bewirkt, dass ich wie die anderen die Knie durchdrücke. Das Vibrieren hört auf.
Nach einer kurzen Pause verteilen wir die Matten kreuz und quer im Raum, wo gerade Platz ist, und platzieren uns in Rückenlage darauf. Wir stellen die Füße auf und legen anschließend die Fußflächen aneinander. Die angewinkelten Knie beuge ich, soweit es geht, nach außen. Ich hebe das Gesäß ein wenig vom Boden ab. Das Zittern stellt sich bei den Teilnehmern unterschiedlich schnell ein. Bei mir entwickelt es sich rasch, jedoch nur in den Beinen. Ich richte die Knie um einige Zentimeter auf und verharre. Das Zucken verstärkt sich. Es ist erstaunlich, wie es sich im Körper ausbreitet. Es geschieht mit mir. Die Arme schließen sich an, der untere Bauchraum beginnt … In mir regt sich Widerspruch, aber auch Angst, ob ich es noch kontrollieren kann. Wie vorher gezeigt, schiebe ich die Beine vor und lasse sie gestreckt auf die Matte fallen, um den Vorgang zu unterbrechen. Ich bin erleichtert, dass ich ihn steuern kann. Nach einer kleinen Pause bringe ich mich wieder in die Ausgangsstellung und beginne erneut mit dem Zittern. Der Ablauf wiederholt sich.
Interessiert beobachte ich, was mit mir passiert. Mittlerweile sind die Knie geschlossen. Es wird heftiger. Zuckungen im Gesicht. Ich betrachte mich wie von Außen. Es ist einfach nur noch peinlich. Da stürzt ein Airbus ab, Jens sitzt darin und stirbt eines gewaltsamen Todes. Und jetzt liege ich hier und bebe, als wäre ich Espenlaub, als hätte ich Angst, als würde ich bald erfrieren. Es ist unwürdig. Wut macht sich breit. Wut auf alles, was mich hierhergebracht hat, und gleichzeitig eine extreme Traurigkeit, weil es Jens nicht mehr gibt. Er kommt nie wieder. Diese Endgültigkeit! Lautlos weine ich und wische mit zittrigen Händen die Nässe aus den Augen. Die Therapeutin reicht mir ein Taschentuch und meint, ich solle den Tränen freien Lauf lassen. Es würde mich erleichtern.
Vereinzeltes Seufzen dringt an meine Ohren. Eine Frau schreit in ihr Kissen. Ich bemerke es nur am Rande. Ich habe mit mir zu tun. Oft stoppe ich das Erdbeben in mir, weil es einfach zu viel wird. Ich weiß nicht, wie mir geschieht.
Ein Gong ertönt als Zeichen, das Zittern allmählich zu beenden und eine bequeme Stellung einzunehmen. Ich drehe mich auf die Seite und ziehe die Beine heran. Äußerlich nicht sichtbar, setzt sich das Beben im Inneren des Körpers fort, obwohl ich es mit der gezeigten Methode gestoppt habe.
Letztendlich sitzen wir wieder im Kreis auf dem Boden. Zwei Teilnehmerinnen haben rot geweinte Augen. Wahrscheinlich sehe ich nicht besser aus.
Wir werden aufgefordert, unsere Eindrücke über das soeben Erlebte mitzuteilen. Als ich an der Reihe bin, mag ich nicht reden und sage es. Ich muss zunächst das Geschehene verarbeiten. Sie lassen mich in Ruhe.
Die Gruppenteilnehmer sind zusammengewürfelt. Ich kenne sie nicht. Während die meisten schon öfters an dem Kurs teilgenommen haben, ist es für mich das erste Mal.
Wer will, spricht über sein Problem, allerdings mögen das die wenigstens. Ein Teilnehmer leidet an Platzangst, weil er nach einem Unfall im Auto eingeschlossen war. Die junge Frau, die neben mir sitzt, sagt, sie habe an ihr Kind gedacht. Eine Erinnerung sei aufgetaucht, die sie so traurig gemacht habe, dass sie ihre Schreie nicht mehr stoppen konnte. Sie entschuldigt sich dafür. Die Therapeutin weist erneut ausdrücklich darauf hin, dass wir alles rauslassen sollten, was Schreie, lautes Stöhnen und Seufzen einschließt, es würde im Raum bleiben. Eine weitere Beteiligte führt lang und breit aus, wie gut sie sich jetzt fühlen würde, und ihr Nachbar teilt mit, er sei vollkommen entspannt, weil durch das Zittern sämtlicher Arbeitsstress von ihm gefallen sei. Die Letzte spricht von einer ›interessanten Erfahrung‹.
Abschließend erklärt die Psychologin ihre Bereitschaft, allein mit Betreffenden über das Erlebte zu sprechen, wenn diese es im Rahmen der Gruppe nicht mochten.
Die Runde wird aufgelöst.
Wo bin ich nur hineingeraten?, grübele ich auf dem Weg zum Parkplatz. Glücklicherweise befindet er sich ein ganzes Stück entfernt vom Ort der Therapie. Das Laufen und die frische Luft wirken angenehm. Bevor ich am Lenkrad sitze, muss ich mich wieder einkriegen und in der realen Welt zurechtfinden.
Was ist nur seit dem Flugzeugabsturz aus mir geworden?, denke ich mit aufkommender Erbitterung. Ich bin mir fremd.
Letztendlich ist es egal, wie es mir geht, weil Jens nicht mehr lebt. Trotzdem könnte es ja mal besser werden, hoffe ich andererseits.
Im Auto beruhige ich mich total. Ich starte den Motor. Der Fluss der vertrauten Bewegungen beim Bedienen des Fahrzeuges sowie die Konzentration auf den Stadtverkehr tun mir gut.
Zu Hause verspüre ich eine arge Erschöpfung und einen ungewohnten Appetit.
Trotz abgrundtiefer Müdigkeit schlafe ich die Nacht schlecht. Für mich ein normaler Zustand.

Anmerkung:
In dem Beitrag habe ich meine erste Teilnahme an einer so bezeichneten TRE – Session geschildert. Sie liegt bereits Monate zurück. (TRE = Tension Release Exercises, was man mit Spannungsabbau–Übungen übersetzen kann.) Zu gut Deutsch wird die Therapie Neurogenes Zittern genannt.
Es sollte nicht die einzige bleiben, denn Neugierde hatte sich eingestellt. Im Laufe der Zeit haben sich meine Ansichten darüber zum Positiveren gewandelt.
Nähere Erklärungen im nächsten Beitrag.
© Brigitte Voß

(Fortsetzung folgt)


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