26.03.2019, Dienstag – Ausklang (viertes Jahresgedenken der Katastrophe in Le Vernet 5)

°ZWEIHUNDERTUNDNEUN WOCHEN NACH DER KATASTROPHE°
Die Räumarbeiten, die sich dem Jahrestag anschließen, sind nahezu vollendet. Nur die Plattform, über die sich das große Aufenthaltszelt für die Angehörigen spannte, wird heute abgebaut. Danach erinnert nichts mehr an das vierte Jahresgedenken, so belebt dieser Platz auch war. Das Bergdorf fällt erneut in seinen Dornröschenschlaf.
Der Weg zum Friedhof führt von unserer Unterkunft, die sich nahe der Stele befindet, 1½ km durch den Ort. Wir sind ihn schon oft gelaufen.
Einheimische kommen uns entgegen und grüßen. Manchmal denke ich, dass sie uns mit der Zeit kennen, denn wir besuchen Le Vernet oft.Vor unserer Abreise wurde auf SRF 1 eine 45-minütige Dokumentation aus der Schweiz über das Germanwings-Drama mit dem Titel »Germanwings-Absturz – Vier Jahre danach« ausgestrahlt. Darin standen nicht, wie bisher üblich, die Angehörigen im Vordergrund, sondern die Bewohner der Region, die das furchtbare Geschehen aus ihrer Sicht schilderten. Sie wurden aufgrund der Grausamkeit des Verbrechens mit einer Trauer konfrontiert, auf die sie niemals vorbereitet waren. Einige der gezeigten Personen hatten versucht, mich zu trösten, sei es durch ihre anteilnehmende Stimme oder durch eine lange Umarmung. Ich erinnere mich nur zu gut an solcherart Situationen, die ich nie vergessen werde. Gegen Ende des Films wird von einem Paar gesprochen, dass oft »Hand in Hand« durch Le Vernet läuft, so »als suche es etwas«. Kurz wird erklärt, dass es seinen Sohn Jens verloren hat. Uns ist unklar, wie wir in diese feinfühlige Dokumentation geraten sind, aber es freut uns.
Wir betreten den Friedhof. Das Quietschen des Tors reißt mich aus den Gedanken. Vor den vier Tafeln mit den Namen der Opfer liegen die Kränze der Offiziellen. Die weißen Rosen stammen von uns, den Hinterbliebenen.
Wir stehen vor dem Grab, dass die nicht identifizierbaren menschlichen Überreste der Flugzeuginsassen enthält. Manchmal flammen zwiespältige Gefühle in mir auf (siehe Blogbeitrag »01.07.2018 – Gedankenwelten«). Momentan treten sie in ungeahnter Heftigkeit hervor. Die Nachricht über den Fake-Pathologen (siehe Blogbeitrag  »21.03.2019, Donnerstag – der Fake-Pathologe (viertes Jahresgedenken der Katastrophe in Le Vernet 1)«, der in den Niederlanden vor Gericht steht, schürt mein Misstrauen gegen alles und jeden, das mich seit dem Flugzeugabsturz begleitet, stärker denn je.Auf dem Rückweg betreten wir das Bürgermeisteramt, um unsere Unterkunft bei der Sekretärin zu bezahlen, da wir morgen die Heimreise antreten. Maryse freut sich, uns zu sehen, hat aber, wie stets, viel zu tun.
Bereits aus der Ferne entdecke ich vor der Stele das Steinfoto von Jens, dass wir anlässlich des Jahresgedenkens neu anfertigen ließen. Jedes Mal begrüßt es uns, wenn wir uns nähern. Mir wird warm ums Herz.Für die Medien bildet die Stele mit der Bergkette im Hintergrund ein wichtiges Fotomotiv. Sollten wir zukünftig von zu Hause aus entsprechende Bilder in den Printmedien, in Fernsehberichten oder wo auch immer sehen, wird uns das Foto mit Jens in Le Vernet verbinden. Das war bei der Planung  nicht bewusst vorgesehen, wird aber ein angenehmer Nebeneffekt sein.
Ich schaue auf die Berge, die den Ort der Katastrophe verstecken. Gestern waren wir noch einmal mit unseren Angehörigen-Freunden oben. Im Gegensatz zum Jahrestag konnten wir viel Zeit miteinander verbringen und uns fern allen Trubels voll aufeinander konzentrieren. Lange verweilten wir am Aussichtspunkt, an der Absturzstelle und auf der Bank mit Blick auf den Fels, in den das Flugzeug rammte. Wir hatten uns eine gefühlte Ewigkeit nicht mehr gesehen. Es gab jede Menge Gesprächsbedarf.Zum Abschluss suchen wir den Gedenkraum auf, um uns ein letztes Mal von Jens zu verabschieden, bevor wir morgen abreisen.
Es fällt mir nach wie vor schwer, Le Vernet zu verlassen.
© Brigitte Voß


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2 Gedanken zu “26.03.2019, Dienstag – Ausklang (viertes Jahresgedenken der Katastrophe in Le Vernet 5)”

    1. Liebe Christa, danke für deine innige Anteilnahme. Doch musst du wissen, dass ich wieder lachen kann und mir die Enkel viel Freude und Kraft geben. Der Schmerz wird wohl immer bleiben. Sei lieb umarmt.

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