24.03.2019, Sonntag – der traurige Tag (viertes Jahresgedenken der Katastrophe in Le Vernet 4)

Ich bin froh, dass diese unselige Nacht vorbei ist. Die Schlaflosigkeit machte ihrem Namen alle Ehre. Mit Kopfschmerzen sitze ich am Tisch und schlucke das Frühstück nur aus Vernunft hinter.
Dieser verhängnisvolle Tag gehört seit vier Jahren zu uns und wird sich bis zu unserem Lebensende wiederholen. Es ist der Todestag von Jens, der Tag, der uns sein grausames Sterben und das sämtlicher Personen, die sich an Bord des Germanwings-Airbusses befanden, deutlichst vor Augen führt. 149 Leben wurden gleichzeitig am selben Ort ausgelöscht. Sie konnten dem Absturz nicht entfliehen und mussten tatenlos zusehen, wie sich der eigene Tod näherte. Ihr Mörder saß im Cockpit.
Niemand zeigt sich bisher verantwortlich für die Katastrophe. Gravierende Maßnahmen, die eine Neuauflage solch eines Massenmordes auf ein Minimum reduzieren würden, sucht man in Deutschland vergebens. Unsere Lieben wurden eben einfach so ermordet. Es ist für uns nach wie vor kompliziert, mit all dem klar zu kommen. Am schwersten wiegt jedoch der Gedanke an Jens, an seine Angst …
Er ist tot, ich lebe.In der Kathedrale von Digne wird für die Hinterbliebenen ein Gedenkgottesdienst abgehalten. Obwohl mir die öffentliche Namenslesung der Opfer wichtig ist, zieht es uns in die Berge, um zu seinem Todeszeitpunkt bei ihm zu sein. Auch das ist ein Grund, weshalb wir eine eigene Unterkunft in Le Vernet gesucht haben. Damit können wir uns zu jeder Zeit frei und unabhängig bewegen, um ihm und dem Schrecklichen zu gedenken. Allerdings haben wir beschlossen, zum Zeitpunkt des Flugzeugabsturzes nicht unmittelbar an der Absturzstelle zu sein. Wir würden mit Sicherheit nicht allein sein, denn auch andere Angehörige haben diesen Wunsch geäußert.
So haben wir bereits vorgestern diesen Ort aufgesucht und werden es morgen in aller Ruhe mit unseren Angehörigenfreunden wiederholen.
Die Sonne lacht aus einem wolkenlosen Himmel herab, als wäre dieser Tag einer der üblichen.
Wir parken das Fahrzeug am Ausgangspunkt des Aufstieges. Lufthansa-Mitarbeiter sind zufällig vor Ort, um irgendwelche Hinweisschilder aufzustellen. Sie sind besorgt und bieten uns Sonnenschutzcreme an. Obwohl es erst März ist, ist in dieser Gegend die Kraft der UV-Strahlung nicht zu unterschätzen.
Wir steigen bergauf. Bis zur bewussten Uhrzeit, 10.41 Uhr, haben wir ausreichend Zeit.
Am Ziel angelangt, setzen wir uns mit dem Rücken zur Aussichtsplattform auf zwei Geröllsteine mit Blick auf die Absturzstelle. Es erweist sich als schwierig, die mitgebrachte Grabkerze, auf der ein Foto von Jens klebt, anzuzünden oder gar am Brennen zu halten. Der Wind strengt sich an, das zu verhindern. Schade. Wir geben es auf.
Wir wundern uns, dass bisher keine weiteren Hinterbliebenen in den Bergen eingetroffen sind.
Wir sitzen und warten … Ich höre das Ticken einer Uhr. Sicher bilde ich mir das ein, denn das Geräusch ist befremdend laut. Trotzdem tickt sie unbarmherzig dem Inferno entgegen.
Schritte. Etwa zehn Minuten vor der Absturzzeit kommen Angehörige im Eiltempo näher. Einige rennen an uns vorbei. Sie dürften es zum unmittelbaren Ort des Geschehens nicht mehr schaffen. Zwei deutsche Familien lassen sich hinter uns auf der Aussichtsplattform nieder. Wir kennen sie, ein flüchtiger Gruß. Ich vernehme etwas wie: »Der Fahrer hat sich verfahren«. Hastig blasen sie Ballons in Herzenform auf und postieren sich damit auf den Weg.
Wir schauen auf das Tal vor uns, die Absturzstelle …Vor vier Jahren hat Jens um diese Zeit noch gelebt, er saß im Flugzeug ….
»Gleich ist es soweit«, flüstert mein Mann.
Das Ticken im Ohr wird lauter. Am liebsten möchte ich schreien.
Ein weißes Herz schwebt vor uns dahin. Ein rotes folgt.
Absolute Stille legt sich über uns. Jeder hat mit sich zu tun – wir auf den Steinen, die anderen auf dem Weg. Lange hält das Schweigen an.
Zwischenzeitlich haben sich die zwei Familien, die ihre erwachsenen Töchter verloren haben, auf die Holzplanken der Aussichtsplattform gesetzt und lehnen mit dem Rücken an der Umrandung. Sie haben nichts dagegen, wir setzen uns hinzu.
Sie unterbrechen die bleierne Ruhe, weil sie die Lieblingsmusik »ihrer Mädchen« abspielen wollen. Stört uns das? So eine Frage! Natürlich sind wir einverstanden. Klänge ertönen. Die Mutter neben mir schluchzt leise.
Weitere Herzen werden aufgeblasen. Mir drücken sie ebenfalls eines in die Hand. Wir lassen sie in den Himmel fliegen. Ich schaue ihnen nach, bis sie verschwunden sind. Es sind Grüße an unsere Kinder.
Wir sind zurück in Le Vernet. Nahe der Stele parken Busse parallel nebeneinander. Die Familien, die in Digne am Gedenkgottesdienst teilgenommen haben, sind eingetroffen. Wir mischen uns unter sie und treffen auf alte Bekannte des In- und Auslandes.
Wir erfahren, dass der Fahrer des Kleinbusses, der die Hinterbliebenen, die zur Absturzzeit in den Bergen sein wollten, die Strecke nicht kannte und kein Navi mit sich führte. Seine Fahrgäste bemerkten, dass er eine falsche Richtung einschlug. Da er auf der engen Bergstraße, auf welche er geraten war, unmöglich wenden konnte, verloren sie viel Zeit. Der zusätzliche Stress muss für die Betreffenden ätzend gewesen sein. In Le Vernet half Lufthansa aus, und brachte die trauernden Menschen mit geeigneteren Fahrzeugen hinauf zum Col de Mariaud, was normalerweise nicht angedacht war. Dadurch schafften sie es, ihren toten Verwandten zum Zeitpunkt der Katastrophe nahe der Absturzstelle zu gedenken …
Da wir unsere Leidensgenossen selten sehen, kommt es zu zahlreichen Gesprächen, einige davon sind intensiv. Natürlich berichten die niederländischen Angehörigen vom Fake-Pathologen (siehe Blogbeitrag 21.03.2019, Donnerstag – der Fake-Pathologe (viertes Jahresgedenken der Katastrophe in Le Vernet 1)). Wir erfahren, dass in zwei Wochen das Urteil gefällt werden soll. Beantragt seien vier Jahre.
Eine Hinterbliebene, deren Bruder in dem verfluchten Flugzeug saß, meint, dass es für sie von Mal zu Mal grausamer werde, in Le Vernet zu sein. Sie würde es kaum aushalten. Wir hingegen glauben, eine unbestimmte Nähe zu Jens zu spüren. Auf jeden Fall fühlen wir uns vor Ort besser, wir werden innerlich ruhiger. Die Trauer der Einzelnen geht unterschiedliche Wege.
Der Gedenkraum ist überfüllt.
Der Friedhof ist belebt. Angehörige legen Blumen ab. Auf der Bank vor der Gedenktafel weinen Oma und Enkelin. Sie flüstern sich in einer fremden Sprache etwas zu.Die benachbarte Kirche ist geöffnet. Wir zünden eine Kerze für unseren Sohn an.
Wir laufen durch den Ort.
Vor der Stele spricht uns ein älterer Herr auf Spanisch an. Ich begreife nur, dass er aus Venezuela angereist ist. Doch es spielt keine Rolle. Wir stehen uns gegenüber und verstehen uns. Irgendwie.
Wir begegnen Monsieur Bartolini, dem Bürgermeister von Prads, der sichtlich zufrieden ist, uns zu treffen, was uns natürlich erfreut.
Allmählich leert sich der Parkplatz. Die Busse bringen die Angehörigen zurück in die Hotels, wo sie bei Abendbrot und Wein den Abend gemeinsam verbringen können.
Wir hingegen sitzen in der Ferienwohnung und lassen den traurigen Tag in aller Ruhe ausklingen. Und das ist gut so.
© Brigitte Voß


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