23.03. 2019, Sonnabend – Besinnung (viertes Jahresgedenken der Katastrophe in Le Vernet 3)

Nur einmal, zum ersten Jahresgedenken, hatten wir gemeinsam mit anderen Opfer-Angehörigen in einem Hotel in Aix-en-Provence verbracht. Wir wurden auf Busse aufgeteilt, die uns zum Trauergedenken in die Kathedrale von Digne-les-Bains, anschließend nach Le Vernet und am selben Tag wieder zurück nach Aix, brachten. Das war stressig, denn eine Fahrt nahm reichlich zwei Stunden in Anspruch. Ruhe und Besinnung fanden wir auf diese Weise nicht im ausreichenden Maße.
Ab dem zweiten Jahrestag schlugen mein Mann und ich einen individuelleren Weg ein und suchten uns auf eigene Kosten Ferienwohnungen. Anlässlich des vorjährigen Gedenkens wohnten wir in einer Unterkunft in Digne, etwa zwanzig Autominuten von dem Ort Le Vernet entfernt.
Dieses Jahr halten wir uns um den traurigen Tag herum erneut in Le Vernet auf. Und so soll es bleiben. Einziges Risiko könnte massenhafter Schnee sein, der jegliches Vorankommen mit dem Auto verhindern und uns festsetzen würde. Die Region war bisher ein beliebtes Ziel für Skifahrer, aber die Klimaerwärmung schwingt auch hier ihr Zepter, was sich für uns positiv auswirken könnte.
Wir haben eine kleine Ferienwohnung organisiert, die unseren Bedürfnissen genügt. Damit sparen wir enorme Zeit, weil wir den langen Shuttle-Fahrten entgehen. Ein weiterer Vorteil liegt darin, dass wir uns jederzeit zurückziehen können.
Die Vorbereitungen des Jahrestages durch die Mitarbeiter der Lufthansa sind in Le Vernet im vollen Gange. In ihrem Büro nahe der Stele herrscht reges Treiben. Sie wohnen im benachbarten L’Inattendu, das daher komplett für die Öffentlichkeit gesperrt ist. Selbst Angehörige haben keine Chance, sich für diese aufwühlende Zeit ein Zimmer zu buchen. Beispielsweise wurden unsere Freunde, die sich freuten, über eine seriöse und bekannte Buchungsplattform in dem kleinen Hotel eine Unterkunft ergattert zu haben, von der Lufthansa kurzerhand wieder ausgeladen …
Täglich suchen wir den Friedhof, den Gedenkraum und die Stele auf. Letztere begleitet uns seit dem ersten Besuch nur wenige Tage nach dem Flugzeugabsturz. Ich möchte sie nicht missen. Das kalte Gestein war damals ein gewisser Ruhepunkt, als sich die klaren Gedanken angesichts des Schrecklichen, das hinter den Bergen geschah, in mentale Wortfetzen auflösten, die keinen Sinn ergaben. Schweigen hüllte uns ein.
Heute, vier Jahre danach, stehe ich innerlich gefasster davor und kann mich sogar an dem neuen Erinnerungsstück erfreuen, das wir in Deutschland haben anfertigen lassen. Es handelt sich um eine Fotogravur. Sie zeigt Jens mit seinem Fahrrad im Hintergrund. Er war mit Thomas in Schweden unterwegs. Als sein Bruder für die Aufnahme den Auslöser drückte, hat niemand gedacht, aus welch traurigem Anlass sie einmal verwendet werden würde. So ergeht es einigen Fotografien. Man fertigt sie spontan an und lacht dabei, hat Spaß, sie aufzunehmen. Womöglich empfindet man Freude über ein ansprechendes Motiv, das sich in dem Moment bietet. Den Gedanken, dass man das Bild eines Tages an das Grab des soeben Fotografierten stellen oder es für eine der Gedenkseiten im Internet hochladen würde, lässt man normalerweise nicht aufkommen, so unwirklich ist er. Er passt nicht zum Leben. Umgekehrt denkt man umso intensiver daran, wie diese Aufnahme entstand, wenn der Betreffende nicht mehr unter uns weilt. Jedes Foto hat seine kleine Geschichte.
Auf dem Weg zu unserer Unterkunft treffen wir auf einen Bekannten, dem wir vor zwei Jahren das erste Mal an der Absturzstelle begegnet sind. [Siehe Blogbeitrag: 20.03.2017, Montag – interessante Begegnung (zweites Jahresgedenken der Katastrophe in Le Vernet 3)] Erkennen flackert in seinen Augen auf. Wir begrüßen uns freudig. Sein Strohhut mit breiter Krempe schützt ihn hoffentlich gut vor der heftigen Sonneneinstrahlung. Nach dem Flugzeugabsturz war er für das deutsche Bergungsteam verantwortlich. Die Menschen, die sich an Bord befanden, ihr Reisegepäck und der Airbus selbst wurden durch die Wucht des Aufpralls in kleinste Teile auseinandergerissen. An deren Bergung waren Franzosen sowie Deutsche gleichermaßen beteiligt. Sie vollbrachten eine Aufgabe, vor der sich jede normale Person drücken würde, denn wer möchte in einem Horror mitwirken, der nicht der Fantasie entspringt, sondern einer grauenhaften Realität. Ob den Bergungskräften bewusst war, dass sie durch den Einsatz an der Absturzstelle ein Trauma erleiden könnten?
Wir drei geraten nach dem üblichen Wortgeplänkel rasch zu dem Thema, dass uns tief bewegt. Möglicherweise drängt es ihn, darüber zu reden. Wir, jedenfalls, möchten alles wissen, was mit dem Tod von Jens zusammenhängt.
Er erzählt, dass es seitdem ebenso für ihn ein Leben davor und eins danach gibt. Es zieht ihn jährlich zurück nach Le Vernet. Jedes Mal steigt er zum Ort der Katastrophe empor, er fühlt sich mit ihm verbunden. Erinnerungen wiegen schwer. Wir erfahren von der Schweigsamkeit der Bergungskräfte nach verrichteter Arbeit beim Abendessen im L’Inattendu, dennoch habe Christelle, die damalige Betreiberin des Restaurants, versucht, die Männer und Frauen aufzumuntern. Vergebens …
Zum Abschied sagt er: »Wir treffen uns hier mit Sicherheit wieder.«
Lange schauen wir ihm nach.
© Brigitte Voß

(Fortsetzung folgt)

 


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