22.03.2019, Freitag – Aufstieg zur Absturzstelle (viertes Jahresgedenken der Katastrophe in Le Vernet 2)

Es ist kalt, die Sonne sticht. Der Himmel strahlt blau auf die Berglandschaft herab, die uns klar und deutlich in die Augen leuchtet. Die hohen Gipfel sind locker mit Schnee überpudert. Wir steigen zur Absturzstelle und wollen gern in voller Ruhe und mit konzentrierter Besinnung auf Jens allein sein. Zum Gedenktag wird die Einsamkeit um uns einen weiten Bogen schlagen. Die Angehörigen aus aller Welt werden aus den Hotels in Aix-en-Provence vor Ort eintreffen, da natürlich auch sie ihren toten Lieben nahe sein möchten.
Kaum haben wir den Zaun vor dem unmittelbaren Katastrophengebiet erreicht, nähert sich ein Fahrzeug der Lufthansa. Ihre Mitarbeiter bereiten vor Ort das Jahresgedenken vor.
»Lass uns schnell die Absperrung überwinden«, sage ich zu meinem Mann.
Ich habe kein Interesse, zu diskutieren, nur weil wir zum Ort des schrecklichen Geschehens wollen. Der Zugang ist verboten. Zwei Schriftstücke mit Stempel und Unterschriften, die an der Einzäunung angebracht sind, sowie eine Hinweistafel in mehreren Sprachen verdeutlichen das.
Allerdings mag er nicht. Außerdem ist es zu spät. Drei Personen, darunter eine Frau, steigen aus und kommen auf uns zu. Sie begrüßen uns freundlich. Einer von ihnen fragt, ob er uns aufschließen darf.
Ich traue meinen Ohren nicht. ›Das ist aber eine anständige Geste‹, denke ich. Normalerweise sind wir gezwungen, einen sportlicheren Weg zu wählen. Doch jetzt wird das Tor aufgeschlossen, und wir laufen einfach so hindurch. Wir überwinden den Gitterzaun auf simple Weise.
Die drei steigen vor uns durch das Geröll bergauf und kümmern sich nicht weiter um uns, was mir recht ist. Wir gehen an unsere Stelle, die wir Jens gewidmet haben.
Die anderen halten sich auf der gegenüberliegenden Seite des verhängnisvollen Bergrückens auf, der die Absturzstelle teilt, und auf dem das goldene Denkmal, die Sonnenkugel, errichtet wurde. Der Airbus streifte ihn, unmittelbar bevor er in die Felswand flog, und zerfiel in kleinste Stücke. Den Menschen, die darin gefangen waren, erging es nicht anders. Das Wort »pulverisiert«, das damals durch die Medien geisterte, mutierte für mich zu einem Ausdruck des Horrors …
Mein Mann legt Schokolade für Jens ab. Ich habe es aufgegeben, ihn davon abzuhalten. Ich ritze erneut seinen Namen in das Schiefergestein, das wir stets daneben legen. Die Witterung liebt es, ihn im Laufe der Zeit zu entfernen. Es ist ein ständiger Kampf gegen sie.
Wenn wir das nächste Mal aus Deutschland an diesen Ort kommen, wird die Süßigkeit verschwunden sein – wie immer. Irgendwelchen Insekten oder Tieren bereiten wir damit eine Freude. Doch in unserer Gedankenwelt erfreut sich natürlich Jens an seiner Lieblingsschokolade. Die Logik ist an diesem Ort ausgehebelt.
Soweit es für mich einsichtig ist, schreiten die Lufthansa-Mitarbeiter langsam und mit gesenktem Kopf die Gegend ab. Sie suchen den Boden ab, wahrscheinlich nach Flugzeugteilen und gar Schlimmeren.
Ich weiß von Angehörigen, die sich zur Absturzzeit des Flugzeuges unmittelbar an der Absturzstelle aufhalten möchten. Amtliche Verbote sind gegen derartige Gefühle machtlos.
Die Angestellten der Fluglinie kommen auf unsere Seite, um ihre Tätigkeit fortzusetzen. Einer von ihnen bleibt vor uns stehen. Wir unterhalten uns. Er teilt uns mit, wie sehr ihm das Denkmal gefalle. Sogar die Piloten, die darüber hinwegfliegen, würden die Sonnenkugel aus der Höhe funkeln sehen.
Für mich hingegen passt sie nicht in die Natur.
Er behauptet, dass der Aufprallfelsen, der aus Schiefer besteht, infolge Erosion jährlich um 20 cm sinken würde.
»Da verschwindet doch das Denkmal«, entfährt es mir.
Er: »Ja, irgendwann wird das passieren«, fügt aber rasch hinzu, dass wir das nicht mehr erleben würden, auch unsere Kinder, Kindeskinder, usw. nicht.
Er entfernt sich.
Die provenzalische Sonne schmilzt die Schokolade an und bringt sie zum Glänzen.
An einer Bergwand entdecken wir zwei Gämsen, die nahezu senkrecht aufwärts sprinten, bis sie verschwinden. Sie bewältigen das mit einer Leichtigkeit, die erstaunt.
Wir sitzen und schweigen. Ich sehe das Flugzeug vor mir und Jens. Der Gedanke schmerzt …
© Brigitte Voß


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