21.03.2019, Donnerstag – der Fake-Pathologe (viertes Jahresgedenken der Katastrophe in Le Vernet 1)

Wir schweben entlang der französischen Mittelmeerküste, der Côte d’Azur.Ich sitze auf der richtigen Flugzeugseite, sodass ich sie sehen kann. Der Himmel ist stechend blau, die Sonne erzeugt funkelnde Sternchen in den sich kräuselnden Wellen, und die Schiffe schaukeln in Miniaturausgabe dahin. Der bildschöne Anblick verwirrt. Obwohl ich tieftraurig bin, hebt das strahlende Meer meine Stimmung.Ich bin gleichzeitig traurig und freudig. Mit den widersprüchlichen Gefühlen, die mich in letzter Zeit häufig aufsuchen, kann ich nichts anfangen. Entweder ist man traurig, oder man freut sich und hat gute Laune. Das eine schließt doch das andere aus?
Eine Frau sitzt in der Pilotenkanzel und bringt uns dem vierten Jahresgedenken an den furchtbaren Flugzeugabsturz entgegen. Vor vier Jahren mussten die Crew und die Passagiere, darunter Jens, sterben, weil der Copilot nicht mehr leben wollte. Wäre eine Frau am Steuerknüppel in der Lage, solch ein grausames Verbrechen zu begehen?
Könnte sie die ihr anvertrauten Menschen, so auch Kinder, Babys und Schwangere, an einen Berg schmettern, wie es während Flug 4U 9525 geschehen ist? Ich kann es mir nicht vorstellen, doch alles ist möglich.
Da kann ich nachdenken, wie ich will, unseren Jens bringt es nicht zurück.
Am Schalter der Autovermietung auf dem Flugplatz Marseille Provence konzentriere ich mich auf die Übergabe des Schlüssels für den Mietwagen, denn wie fast immer spricht keiner der Angestellten deutsch. Mein Mann stört und redet dazwischen: »Schau doch mal, da oben?« Das ist überhaupt nicht seine Art, also muss es wichtig sein. Ich folge seinem Blick zum Bildschirm an der Wand und lese »Fake pathologist« und irgendetwas mit »Germanwings«, bevor die Dame hinter dem Tresen meine Aufmerksamkeit einfordert.
Danach warten wir vor dem Monitor, der in der unteren Zeile die Schlagzeilen des Tages in einem Laufband wiedergibt. Mir wird kälter, als mir schon vorher war.Ich sitze auf dem Beifahrersitz des Mietwagens und suche im Internet fieberhaft nach ausführlichen Informationen. In den deutschen Medien finde ich nichts. Nur im Guardian und in der BBC in englischer Sprache.
Zusammengefasst liegt Folgendes vor:
Ein 58-jähriger Mann, der als Peter B. bezeichnet wird, hat vor einem Gericht in Utrecht zugegeben, einen Doktortitel und andere Qualifikationen gefälscht zu haben, damit er seine betrügerische Karriere als forensischer Pathologe aufbauen konnte. Er arbeitete als Gastdozent bei der niederländischen Polizeiakademie, war im öffentlichen Gesundheitswesen tätig und stieg sogar zum Vorsitzenden der Nationalen Berufsvereinigung der Autopsieassistenten auf. Mir ist das unbegreiflich. Das Schlimme ist, dass er jahrelang bei der Firma Kenyon – International Emergency Services arbeitete, die ihren europäischen Sitz in Großbritannien hat. Wir standen über längere Zeit mit ihr in Verbindung, da sie von Lufthansa für den Germanwings-Absturz beauftragt wurde. Sie ist auf die Rückführung und Identifizierung von Opfern großer Katastrophen spezialisiert.
Peter, B. wurde erwischt, da er nicht in der Lage war, bei jemanden den Blutdruck zu messen. Ich bin erstaunt, was alles möglich ist, wie schlampig diese Firma, die Vereinigung, das Gesundheitsamt und sogar (!) die Polizei gearbeitet hatten, sodass diese Person zu Amt und Würden kam.
Mit Interesse lese ich, dass eine niederländische Mutter, deren Tochter bei dem Flugzeugabsturz ums Leben kam, vor Gericht aussagte, der Angeklagte habe ihr eine Haarlocke der toten Tochter gegeben, als er offenbar an dem Fall arbeitete.
Ich kenne die niederländischen Eltern persönlich. Wir sind uns mehrfach in Le Vernet begegnet.
Ein Sprecher von Kenyon bestreitet, dass der Betrüger weder an der Absturzstelle noch an der Identifizierung der Opfer beteiligt war.
Die Staatsanwaltschaft strebt eine Gefängnisstrafe von vier Jahren an, davon sechs Monate auf Bewährung.
Wir düsen die Autobahn dahin. Ich lege das Handy aus der Hand. Meine Gefühle tanzen einen schwindelerregenden Tango. Das Jahresgedenken ist schwer genug. Jens ist tot. Das Gelesene erschüttert mich. Außerdem ist dieser Vorgang so typisch, für all das, was dazu führte, dass Copilot Lubitz Passagierflugzeuge steuern durfte. Wem kann man noch trauen? Seit der Katastrophe beobachte ich, dass mein Misstrauen seltsame Wege geht. Stehe ich einer fremden oder weniger bekannten Person gegenüber, hinterfrage ich, ob es ein Mörder sein könnte. Oft sind es die Menschen, die nach der Tat, als freundlich, zurückhaltend oder unauffällig geschildert werden. Ich ertappe mich häufig dabei. Und nun das! Kann ich denn Vertrauen haben, in all die Umstände, die man mir über den Tod von Jens erzählt hat?
Ich versuche, später darüber nachzudenken.
Es wäre besser, sich voll auf das Jahresgedenken zu konzentrieren.
© Brigitte Voß


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