° ZWEIHUNDERTUNDACHT WOCHEN NACH DER KATASTROPHE°
Anfang des Monats ist ein Flugzeug abgestürzt. Bereits das Wort Flugzeugabsturz, einfach so dahingeworfen, erweckt ein dumpfes Gefühl in der Bauchgegend, das ich verdrängen kann. Fällt es aber in den Nachrichten, kriecht es bis zur Kehle.
So geschah es vor ungefähr zehn Tagen, als die Medien berichteten, dass eine Boeing 737 Max 8 abstürzte, das zweite Mal innerhalb von fünf Monaten. Die vorhergehende Boeing stürze vor der Küste Indonesiens mit der Nase nach vorn kopfüber ins Meer. Die jetzige fast fabrikneue bohrte sich mit der Nase 50 km südlich der äthiopischen Hauptstadt in die Erde. Insgesamt verloren 346 Menschen ihr Leben. Die Piloten hatten mehrfach versucht, einen automatisch eingeleiteten Sinkflug, der keinen Sinn ergab, zu beeinflussen, um die Maschine erneut nach oben zu ziehen, doch der Computer war stärker. Beide Flugzeuge stürzten unmittelbar nach dem Start ab.
Bereits vorher gab es immer wieder Hinweise von Experten, dass dieser Boeing-Typ wegen technischer Mängel nicht hätte fliegen dürfen. Die Beschwerden wurden großzügig missachtet.
Als Folge der Abstürze wurde der Flugbetrieb weltweit eingestellt und die Produktion wurde gestoppt, denn der Flugzeughersteller räumte endlich Softwarefehler ein.
Profitdenken und Konkurrenzkampf werden die unsichere Maschine auf die Menschheit zu früh losgelassen haben. Das Geld stand wieder einmal im Vordergrund und bewirkte, dass zahlreiche Menschen sterben mussten. Die USA haben als letzte die Starterlaubnis für die Boeing entzogen.
Die Identifizierung der Leichen könne bis zu sechs Monate dauern, wurde von offizieller Seite verkündet. Die Wucht des Aufpralls erschwert den Experten die Zuordnung der sterblichen Überreste. Diese Information ist für die Hinterbliebenen im doppelten Sinne nur schwer zu ertragen. Zum einen ist es die Vorstellung, dass ihr geliebter Verwandter in Stücke gerissen wurde, und zum anderen wirkt sich eine verspätete Beerdigung nicht gut auf die Trauernden aus. Hinzu kommt, dass Muslime aus Glaubensgründen ihre Lieben innerhalb eines Tages bestatten.
Ich kenne das alles nur zu gut und denke mit Grausen daran zurück.
Allerdings ist es ein Trugschluss zu glauben, dass die Trauer nicht mehr so drückend auf der Brust lastet, wenn das Begräbnis vorbei ist. Zumindest ist das meine Erfahrung.
Die Hinterbliebenen der Boeing-Katastrophe erhielten vorerst einen Sack verbrannter Erde von der Absturzstelle.
Stellvertretend für die 157 Opfer des Flugzeugabsturzes in Äthiopien (darunter befinden sich auch fünf Deutsche) wurde vor wenigen Tagen eine Trauerfeier abgehalten, wobei 17 leere Särge beigesetzt worden sind …
Ich habe im Blog bereits erwähnt, dass innerhalb kurzer Zeit meine Tante und die meines Mannes gestorben sind. Letztere Beerdigung fand am 11. März statt.
Leider sind Bestattungen eine teure Angelegenheit, sodass sie je nach finanzieller Lage der Angehörigen recht unterschiedlich ausfallen können.
Die engeren Verwandten der Toten waren aus Bayern angereist.
Zum Gedenken saßen wir in einem winzigen Raum. In der Ecke stand, etwas erhöht, die Urne, die mit herabhängenden Blütenranken kunstvoll dekoriert war. Für mich ist es bei Beerdigungen immer wieder krass, den Menschen, den man einst kannte, der mit einem sprach und der bis zum Schluss allen Lebenswidrigkeiten mehr oder weniger trotzen konnte, in dem kleinen Gefäß zu wissen, das allein schon durch seine typische Form traurige Gedanken aufkommen lässt. Und doch steht es vor einem und fordert Aufmerksamkeit ein.
Im Hintergrund ertönte eine tragende Melodie. Eine letzte Ehrung zur Erinnerung an das Leben der Tante durch das gesprochene, feierliche Wort entfiel, was ich befremdlich fand. Letztendlich entscheiden der Wille, den der Verstorbene zu Lebzeiten verkündete oder die engsten Angehörigen und das zur Verfügung stehende Geld, ob ein Trauerredner engagiert wird.
Leider war kaum Zeit innezuhalten, denn schon ging die Tür auf und das Gefäß mit der Asche wurde von einer Mitarbeiterin zum Grab getragen. Wir sechs Trauergäste liefen neben ihr her. Die Urne der Tante kommt in ein größeres Gemeinschaftsgrab, in dem sich bereits die ihres Mannes befindet. Sie hatte zwanzig Jahre für die Reservierung bezahlt.
Anschließend fuhren wir in ein Restaurant, wo wir uns erst einmal genauer kennenlernten. Die Schwiegertochter der Tante hatte wir zuletzt in den 1970er Jahren gesehen. Ihre Tochter nebst Partner und Kind begegneten wir das erste Mal. Beerdigungen können Familien zusammenbringen.
Ich sah mich in der Gaststätte um. Nichts hat sich hier seit meiner Jugendzeit verändert. Oft trafen sich mein Mann und ich mit Freunden hier bei Bier und leckerem Essen, sofern wir etwas Geld besaßen. Gern denke ich an die unbedarfte Zeit zurück. Das ganze Leben lag vor mir. Ich schaute voller Neugierde in die Zukunft. Und was hat sie gebracht?
© Brigitte Voß
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