08.03.2019, Freitag – Beerdigung und Trauerfeier

Meine Tante wird auf einem Friedhof am Rande der Stadt beerdigt. Die ganze Familie ist anwesend. Leider kenne ich sie nicht bis ins letzte Detail. Zu selten sieht man sich. Neue Partner tauchen auf, die ehemals Kinder haben selbst Kinder, usw.
Meine Cousine Christine ist gefasst. Sie wird vorher viel geweint haben, da der nahende Tod ihrer Mutti nicht zu übersehen war. Ihr Körper baute ab, seine Schwachstellen traten erbarmungslos hervor. Ihr Geist legte einen langsameren Gang ein, bis er nicht Schritt halten konnte und sich vernebelte. Für die Nahestehenden, insbesondere für Christine, war es schwer, hilflos zusehen zu müssen, wie die Mutti stirbt. Das Einzige, was ihr verblieb, war, sich an das Krankenhausbett zu setzen, sie zu streicheln und mit ihr zu sprechen.
Vielleicht nimmt der Sterbende mehr wahr, als wir aufgrund seiner physischen und psychischen Verfassung geneigt sind, anzunehmen. Zumindest bin ich aus eigenem Erleben überzeugt davon:
Meine Freundin Gitti verstarb an einem Gehirntumor. Wenige Tage vorher saß ich an ihrem Bett. Ihr Aussehen erschreckte mich immer wieder. Sie war nur noch die Hülle ihrer selbst. Sie starrte mit glasigem Blick aus dem Fenster. Ich rief ihren Namen. Sie reagierte nicht. Ich nahm ihre Hand und redete zunächst alles Mögliche, doch sie blieb in ihrer Welt. Schließlich versuchte ich es mit gemeinsamen glücklichen Erlebnissen, an die wir uns früher gern erinnert hatten. Ein kaum wahrnehmbares Strahlen trat in ihre Augen. Die Hand bewegte sich in meiner, bis sie einzuschlafen schien.
Der Abschied nahte. Ich umfasste ihre Finger fester und sagte: »Tschüss Gitti« (sie heißt genauso wie ich). Wider Erwarten drückte sie deutlich zurück, bis sie losließ und ihr Bewusstsein erneut in fremde Gefilde abtauchte.
Wenige Tage später wurde sie von ihrem qualvollen Leiden erlöst.
Nie werde ich ihren letzten Gruß vergessen. Er hat bis jetzt etwas ungemein Tröstliches für mich. Vielleicht bin ich deswegen mit ihrem Tod versöhnt, obwohl sie viel zu jung von uns gehen musste.
Jeder Tod, auch wenn er sich durch Krankheit ankündigt, kommt auf seine Weise überraschend. Man mag ihn nicht wahrhaben. Er ist ein ungebetener Gast, vor dem man am liebsten seine Tür verbarrikadieren würde. Wir schieben die Vorstellung, dass eine geliebte Person sterben könnte, oft weit hinaus. Gar der Gedanke an die eigene Endlichkeit wird im Keim unterdrückt, vorausgesetzt, man erfreut sich seines Daseins …
Doch zurück zur Trauerfeier. Die Rednerin steht am Pult und trägt das Gedenken an meine Tante mit einfühlsamer Betonung vor. Die Worte jedoch entstammen Christines Feder. Sie hat die Rede selbst geschrieben, was ich beachtenswert finde. Damit erweist sie ihrer Mutti einen letzten Liebesdienst.
Wenn man 89 Jahre erreicht hat, hat man sein Leben gelebt. Lassen es die Gene zu, weilt man länger auf der Erde. Wünschenswert ist das nur bei Gesundheit, die sich allerdings mit zunehmenden Alter zurückzieht. Der Alterungsprozess ist unaufhaltsam. Genau aus diesem Grund sollten wir unser Dasein bewusst verbringen, um die schönen Momente genießen zu können.
Meine Tante war die Schwester meines Vatis und die Letzte ihrer Altersgruppe der Verwandtschaft, die mich von klein auf gut kannte. Sie wird jetzt manches Geheimnis mit ins Grab nehmen. Die Generation, unter der ich aufwuchs und die mich prägte, existiert nicht mehr.
Bäume und viel Grün verschönern den Friedhof, auf dem die Beerdigung stattfindet. Das Schicksal bestimmt, dass ihre Urne eine andere Grabstätte erhält, als die ihres Mannes.
Die Familie findet sich in einem Restaurant wieder, das mir in bester Erinnerung ist, weil wir darin die Hochzeit unseres Sohnes feierten. Damals war die Welt in Ordnung. Bruder Jens war Trauzeuge und kümmerte sich um Organisatorisches. Sehnsüchtig schaue ich auf die Stelle, auf der er hinter einem Tisch saß und in einem Spiel als Eherichter mitwirkte. Er trug eine Perücke mit lockigen, langen und ergrauten Haaren. Ich weiß noch, wie erstaunt ich über seine schauspielerischen Fähigkeiten war, die die zahlreichen Gäste begeisterten.
Traurig wende ich mich der Runde zu. Es gibt viel Gesprächsstoff, denn neben Hochzeiten dürften Trauerfeierlichkeiten die einzigen Ereignisse sein, an denen sich die Familien vollständig treffen.
Christine holt einen Karton hervor, in dem sich Miniaturen befinden. Ich wusste bisher nicht, dass meine Tante so etwas liebte und sammelte. Schwäne aus Porzellan hatten es ihr besonders angetan. Die offene Schachtel wird weitergegeben, und wer mag, kann sich einen Mini-Vogel herausnehmen und behalten. Ich wähle einen, von dem ich denke, dass er ihr mit am besten gefallen hatte. Der Schnabel, die Flügel und der Schwanz sind golden abgesetzt. Seine Unterseite zeigt Abnutzungsspuren, sodass ich vermute, dass er älteren Datums ist. Ich werde ihn als Andenken bewahren.
Später reicht sie Fotos herum, auf denen meine Tante über die Jahrzehnte ihres Lebens hinweg, abgebildet war. Einst war sie eine junge, schöne Frau. Es sind wertvolle Erinnerungen. Außerdem konnte sie gut schreiben. Und so schenkt mir die Cousine einige poetische Ergüsse ihrer Mutti, die sie anlässlich der Hochzeit meiner Eltern geschrieben hatte. Die Reime hatte sie bekannten Liedmelodien angepasst.
Mir gefällt, wie Christine während der Zusammenkunft immer wieder an die Verstorbene erinnert.
Bevor die Familie auseinandergeht, begutachten wir gemeinsam das inzwischen geschlossene Grab.
Es ist kalt und windig. Die Sonne scheint. Das wird sie mögen.
© Brigitte Voß


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