»Was? Zwei Beerdigungen? Gleich zwei?«, erwidert die Floristin.
»Ja, für den 8.3. und den 11.3.«, antworte ich.
»Oje, die liegen ja dicht beieinander. Mein Beileid.«
Sie ist nett, sodass ich hinzufüge: »Innerhalb kurzer Zeit sind zwei Tanten verstorben.«
»Ich wünsche Ihnen viel Kraft.«
Wir gehen zum geschäftlichen über und kaufen einen zusätzlichen Strauß für unser Grab, denn meine Mutti hätte heute Geburtstag. Sie starb vor fünf Jahren.
Der Fortschritt in der Medizin bewirkt, dass die Menschen immer älter werden, ohne das die Alterungsprozesse mit ihren negativen Folgen aufgehalten werden können. Die drei Verstorbenen sind recht alt geworden und haben die Jahre, die auf ihnen lasteten, in ihrer letzten Lebenszeit leidvoll zu spüren bekommen. Jetzt sind sie erlöst.
Ist der Tod das absolute Ende? Oder ist er ein Neuanfang?
Werden und Vergehen sind die bestimmenden Triebkräfte in der Natur. Altes Leben vergeht, neues entsteht. Nach dem Tod zerfällt der Leichnam. Sein Kohlenstoff und andere Atome werden für den Aufbau zukünftiger Lebewesen gebraucht. Diese Art des Fortbestehens ist realistisch, doch was macht diese Bausteine lebendig? Wenn es eine Seele gibt, bezweifele ich, ob sie sich auf chemische Prozesse reduzieren lässt. Was geschieht nach dem Tod mit ihr? Und schon bewege ich mich in einem Raum, in dem die Wissenschaft versagt.
Ursprünglich wollte ich an dieser Stelle keine grüblerischen Betrachtungen festhalten, sondern berichten, wie wir das Grab von unserer Familie aufsuchen:
Wir gehen also mit dem frisch gekauften Blumenstrauß durch die Gräberreihen, um Jens zu besuchen. (Richtigerweise müsste es das Geburtstagskind, meine Mutti, sein, aber in Gedanken sehe ich immer nur ihn.)
Bereits aus der Ferne entdecken wir, dass die Steinmetze den Grabstein wieder an seinen ursprünglichen Ort aufgestellt haben. Sie haben die Namen meiner Eltern um den der Schwiegermutti, die im August verstarb, ergänzt. Die gesamte Schrift wurde in Bronze ausgeführt, sodass das Gesamtbild jetzt besser zu dem liegenden Stein von Jens passt. Die vorhergehende Steinmetz-Firma hatten wir gewechselt, da sie uns falsch beriet. Sie führte seinen Namenszug mit zugehörigem Geburts- und Sterbedatum in Lack aus. In der Folge verblassten durch die Witterung die Angaben. Wir ließen sie als Reklamation erneuern. Bedauerlicherweise wusch sie der Regen erneut aus. Mich grämte das damals furchtbar, da sich die Schriftzüge nicht auf irgendeinen Menschen bezogen, sondern auf unser totes Kind. Das durfte nicht sein, war unmöglich!
Mit der jetzigen Firma, die von einem jüngeren Paar geleitet wird, sind wir sehr zufrieden. Mittlerweile wissen beide, wie Jens ums Leben kam. Wir vertrauen ihnen, und sie geben ihr Bestes. Hinzu kommt, dass man in ihrem Büro offene Gespräche über Trauer und Tod führen kann, sofern sie Zeit haben. Wer hört bei solch einem Thema noch zu.
All das ließ uns einen weiteren Auftrag erteilen, der sich in der Vollendung befindet. Es handelt sich um eine Fotogravur auf Stein mit dem Abbild vom Jens. Wir möchten die kleine Steinplatte zum vierten Jahresgedenken mit nach Le Vernet nehmen. Bald ist es soweit.
Die Schrift auf dem großen Grabstein wurde zusätzlich derart verändert, dass der entstandene Platz für zwei weitere Namen reicht, denn das Grab fasst noch zwei Urnen.
Wenn man schon sterben muss, würde ich gern die Nächste sein. Mich treibt der pure Egoismus. Sohn, Schwiegertochter, Enkelkinder und mein Mann sollen lange leben. Vorher gehe ich! Ihren Tod würde ich nicht mehr verkraften.
Wer hätte jemals gedacht, dass Jens vor uns, ja sogar vor seiner uralten Oma und den betagten Tanten stirbt. An seinem Tod ist nichts, aber auch gar nichts in Ordnung. Weder Krankheit noch irgendein technischer Defekt haben dafür gesorgt, dass wir jetzt seinen Namen auf dem Grabstein lesen müssen. Sein Lebenslicht wurde durch die Hand eines Einzelnen ausgelöscht. Das wird mich bis ans Lebensende verfolgen.
© Brigitte Voß
Entdecke mehr von SEELENRISSE
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
