28.02.2019, Donnerstag – Zuhören können ist eine Kunst

Ich treffe mich mit Sabine in einem Café. Wir kennen uns seit der ersten Klasse. Das Leben hat sie in einen entfernten Winkel von Deutschland verschlagen. Daher haben wir viel zu selten Gelegenheit, uns zu sehen.
Die Freundin ist anlässlich der Beerdigung ihrer Schwester gekommen, die an dem Krebs verstorben ist, den sie selbst erfolgreich bekämpft hat.
Die Freude über unser Wiedersehen ist groß, sodass es nicht lange dauert, bis wir mit einem Glas Sekt anstoßen. Jede sondiert die derzeitige Situation der anderen.
Sabine erzählt, was sie bedrückt. Sie konnte zu Lebzeiten der Schwester nicht in Frieden mit ihr auseinandergehen, da das Verhältnis zwischen den beiden nicht zum Besten stand. Sie konnten sich vor ihrem Tod nicht aussprechen. Hätte sie von der unheilbaren Krankheit ihrer Schwester gewusst, hätte sie mit allen Kräften eine Aussprache angestrebt.
Trotz der gesundheitlichen Beschwerden suchte diese niemals einen Arzt auf. Sie verheimlichte den Krebs sogar vor der Familie und damit auch vor Sabine, die ihr gern geholfen hätte, nicht nur mit Ratschlägen, sondern ebenso mit ihrer Anteilnahme. Hätte meine Freundin davon erfahren, wäre ein Abschied möglich gewesen. So blieb er aus. Das grämt sie stark, was ihre Trauer belastet. Die Frage nach dem »Warum« steht im Vordergrund. Sie kann die Handlungsweise nicht verstehen.
Die Schwester sei verbittert gewesen und wollte offensichtlich aus dem Leben scheiden. Aber trotzdem … ihren Tod zu begreifen, fällt Sabine ungemein schwer. Sie kann ihn nicht verarbeiten, geschweige denn in die richtigen Bahnen lenken. Teilweise ist sie zornig, macht sich Vorwürfe und ist voller Zweifel. Sie hätte so viele Fragen an die Verstorbene, doch die Antworten bleiben für immer aus. Das vergiftet und belastet die Trauer. Ob die Schwester im Sterben ihren inneren Frieden gefunden hat? Meine Freundin mit Sicherheit nicht.
Natürlich bleibt es nicht bei einem Glas Sekt. Lachende und ernst dreinblickende Gesichter wechseln sich ständig ab.
Unvermittelt fragt sie: »Wie haltet ihr das alles aus?« Sei weiß von Jens sowie den zahlreichen Todesfällen in der Familie und im Freundeskreis.
Was soll ich da bloß antworten?
Ich sage: »Irgendwie geht das Leben weiter, man kann sich das nicht aussuchen. So schlimm es ist, der Tod von Jens relativierte bisher jedes betrübliche Ereignis.«
Und für mich denke ich: ›Die Wahrheit ist, dass ich innerlich abgestumpft bin, was wohl eine Schutzmaßnahme ist, die ich nur wenig beeinflussen kann. Die Seele baut Mauern, sonst würde jeglicher Schmerz zu tief eindringen und mich untergehen lassen. Ich habe mit dem Tod unseres Sohnes genug zu tun.‹
Trotzdem ist es nicht so, dass ich empathielos geworden bin. Für das Leid anderer habe ich stets ein offenes Ohr, ich versuche zu trösten oder höre nur zu. Ich habe durch den Verlust von Jens erfahren, wie wichtig das Zuhören in schweren Situationen ist. Dadurch kann sich der Betroffene aussprechen, vielleicht seinen Kummer loswerden oder sich bestätigt fühlen. Zumindest spürt er, dass ihm Wertschätzung entgegenschlägt, sogar wenn sein Gegenüber schweigt. Man muss nicht immer was erwidern, falls man verunsichert ist, etwas Falsches zu sagen.
Zuhören ist leider eine Gabe, mit der nicht jeder gesegnet ist. Nur zu gern wird unterbrochen, um auf eigene Probleme zu lenken, und der Betroffene kann seine Last nicht loswerden. Er wird im Gegenteil zusätzlich belastet.
Sabine erzählte mir von einem Traum, den sie kürzlich hatte. Ihre Schwester erschien ihr in einem hellen Licht und teilte ihr mit, dass jetzt alles gut sei. Sie solle sich keine Sorgen machen und bat um Verzeihung.
Es war eine jener Visionen, die man gern in die Realität überführt, um deren positive Aussagen anzunehmen. Für die Freundin ist sie ein großer Trost.
Es war ein schönes Beisammensein. Wir konnten uns gegenseitig austauschen und zuhören. Trotz des traurigen Anlasses haben wir viel gelacht. Es tut gut, sich mit Freunden zu treffen, was in den vergangenen Jahren zu selten geschah.
Nach der Verabschiedung beschließe ich, zum Friseur zu gehen, vorrangig um auszunüchtern. Wir haben einige Gläser Sekt getrunken, sodass ich aus der Not eine Tugend mache. Es ist besser, die Haare schneiden zu lassen, als mit Promille Auto zu fahren. Es kann auf dem Parkplatz warten. Das Färben von Strähnchen wird Zeit beanspruchen.
Ich betrete den Laden und ziehe eine Nummer. Es wird dauern, bis ich an die Reihe komme. Mir ist es recht.
© Brigitte Voß


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