16.02.2019, Sonnabend – unsere Tanten sterben

Das Jahr startet mit zwei Todesfällen.
Ende des vergangenen Monats erhielten wir die Nachricht, dass die Tante meines Mannes gestorben ist.
Sie hatte in ihrem Leben schmerzhafte Verluste zu verzeichnen. Ihr Ehepartner verstarb relativ früh. Auf dem Heimweg von einer Geburtstagsfeier kippte er in ihrem Beisein auf der Straße um und war sofort tot, einfach so. Er musste nicht leiden, doch für seine Frau war der urplötzliche Tod ein riesiger Schock. Niemand aus der Familie hatte damit gerechnet.
Mit ihrem Sohn erging es ihr ähnlich. Er stürzte in den Alpen auf einer Wanderung unglücklich ab, was nicht zu erwarten war, da er diese Region gut kannte. Sie hatte sehr gelitten.
Vielleicht trifft sie beide in der uns unbekannten Welt wieder! Wenn man das nur wüsste. Seit dem Flugzeugabsturz möchte ich an solche Bilder glauben, weil ein Wiedersehen mit Jens einfach zu schön wäre. Letztendlich verfangen sie sich in der Fantasie und bleiben beim Versuch.
Es ist, als hätten sich die greisen Damen verabredet, denn heute Vormittag ist meine Tante für immer eingeschlafen.
Vor drei Tagen hatte ich versucht, ihr telefonisch zum 89. Geburtstag zu gratulieren. Leider konnte ich sie nicht erreichen. Von ihrer Tochter, meiner Cousine Christine, erfuhr ich, dass sie sich nach einer Hirnblutung mit einem schweren Schlaganfall in der Uniklinik befand, wo sie nach eigenem Wunsch palliativ behandelt wurde. Bereits die Gehirnblutung verursachte eine halbseitige Lähmung und eine Störung des Sprachzentrums. Sie konnte nicht mehr kommunizieren. Inwieweit sie diesen Zustand mitbekam, war unklar. Ich hoffe nur, dass es so wenig wie nur möglich war.
Ich fragte Christine, ob man sie im Krankenhaus besuchen könne. Sie meinte ja, doch ob sie es registrieren würde, sei fraglich.
Ich besuchte sie.
Seit Jens sterben musste, lässt die Immunabwehr meines Mannes zu wünschen übrig. Er lag mit einem erneuten Infekt flach. Daher begleitete mich unser Sohn Thomas und stand mir bei.
Nach einigem Suchen betraten wir das Krankenzimmer. Ich erkannte sie nicht sofort. Sie sah extrem eingefallen aus, es war traurig. Ich dachte an meinen längst verstorbenen Vati, was er dazu sagen würde. Sie würde ihrem Bruder bald in das Jenseits folgen.
Sie atmete schwer und schaute abwesend auf die gegenüberliegende Wand, die sie vermutlich nicht einmal wahrnahm. Hin und wieder wurden die Atemzüge von langen Pausen unterbrochen, die mich beunruhigten, obwohl oder weil ich Ähnliches beim Sterben meiner Mutti erleben musste. Jedes Mal nahm ich an, es wäre ihre allerletzte Ausatmung gewesen.
Wir sprachen mit ihr. Ich streichelte ihre Hand und beugte mich über ihr Gesicht, um ihr zu erklären, wie ich heiße. Für einige Sekunden blitzte so etwas wie Erkennen in ihren Augen auf. Sie hatte mich durch die Kindheit begleitet.
Was wird aus einem Menschen, wenn er alt ist und der ewige Abschied unmittelbar bevorsteht? Er ist hilflos dem eigenen Verfall preisgegeben, und falls er Pech hat, bekommt er es bei vollem Bewusstsein mit. Ich sehe keinen Sinn dahinter.
Christine war bei ihr, als sie starb. Sie hielt ihre Hand, während sie für immer einschlief.
Meine Tante war die Letzte ihrer Generation. Mit ihrem Tod sind wir Cousinen auf die oberste Stufe der Generationsleiter gerutscht, das heißt, wir sind die Ältesten der Familie. Ein höchst merkwürdiger Umstand.
Beide Tanten erreichten ein hohes Alter. Sie waren zäh, mussten den Krieg und die Zeit danach mit all ihren Einschränkungen durchleben. Bis zum Lebensende versuchten sie, ihre Selbstständigkeit zu wahren. Ihre Uhr durfte gemächlich austicken, niemand stoppte sie vor dem vorgesehenen Stillstand. Sie haben ihr Leben gelebt und sind wieder in den ewigen Kreislauf der Natur eingegangen.
Alles fließt. Panta Rhei.
© Brigitte Voß


Entdecke mehr von SEELENRISSE

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Hinterlasse einen Kommentar