Das neue Jahr startet mit depressiver Stimmung, die mich untätig herumsitzen lässt. Ich rufe den Arzt nicht an, um einen Befund zu erfahren, sage einen medizinischen Termin im Fitnessstudio ab, da er lästig ist, lasse die schmutzige Wäsche liegen, weil … Ich hasse derartige Zustände, aus denen man sich schwer befreien kann. Nichts lockt, nicht einmal das Schreiben. Alles nervt.
Dementsprechend nehmen die Albträume zu. Oft träume ich, dass ich vor den Bergen von Le Vernet stehe, furchtbar schreie und weine. Jedes Mal legt man mir eine Zwangsjacke an.
Wir wollten den Jahreswechsel in Le Vernet zu verbringen. Leider blieb das nur ein Plan, da mein Mann in der Nacht vor dem Abreisetag von einem bösen Infekt befallen wurde. Obwohl die Koffer gepackt auf dem Flur warteten, fühlte er sich dermaßen außer Gefecht gesetzt, dass nicht das Geringste mehr ging. Anstatt zum Airport zu fahren, rief ich Lufthansa an, um Flug und Unterkunft zu annullieren, was mir schwerfiel. Ihn jedoch krank und ohne Hilfe zurückzulassen, lehnte ich ab.
Silvester verbrachten wir an unserem Patenbaum, den wir Jens gewidmet hatten. Wir standen allein in der Dunkelheit, während Menschen Vergnügen daran fanden, riesige Raketenbatterien in den Himmel zu böllern. Ich sehnte mich nach der Stille in Le Vernet, wo solcherart Treiben unbekannt war. Wir stießen mit Sekt an und stellten für Jens ein Glas vor den Baumstamm.
Aber auch in anderer Hinsicht beginnt das Jahr 2020 mit einem Vorkommnis, das ich so nicht hinnehmen kann.
Ich arbeite an zwei Blogs. Neben den »Seelenrissen« berichte ich über die Reise in den Iran. Es ist ein entspannender Ausgleich. Das Schreiben versetzt mich in eine angenehmere Welt, die ich als Touristin selbst erfahren durfte. Die Erlebnisse laufen wie ein Film vor meinem inneren Auge ab.
Damals postete ich beide Bloglinks in Facebook. Eines Tages bemerkte ich, dass sie von dem Netzwerk gesperrt worden sind. Es poppte ein Fester auf, ich würde gegen Gemeinschaftsregeln verstoßen
Für die »Seelenrisse« war mir das ganz und gar nicht egal, weil mir der Blog ans Herz gewachsen ist. Vielleicht hat mich jemand denunziert, denn durch das Tagebuch habe ich nicht nur Freunde.
Ebenso könnte es sein, dass ein von Facebook erschaffener Crawler/Algorithmus existiert (oder wie auch immer das funktioniert), dem etwas »Angebliches« aufgefallen ist.
Daraufhin bombardierte ich die Plattform mit zahlreichen Beschwerden und Anfragen. Ich wollte die genaueren Gründe für die Sperrung in Erfahrung bringen, aber der Datenkrake hielt es nicht einmal nötig, zu reagieren, was den Adrenalinspiegel in mir hochjagte. Der Blog ist mir wichtig.
Erst nach fünf Wochen haben sie reagiert, und den Link zu den »Seelenrissen« für die Öffentlichkeit erneut freigegeben. Der Iranblog bleibt von Facebook weiterhin gesperrt, was mich nicht mehr stört. Vielleicht reichen die Worte Trump, Iran und Terrorismus aus, die in den Beiträgen vorkommen, um den Weblink zu blockieren.
Jetzt sorgt Laptop Elvis III für Aufregung, den ich heute hoffnungsvoll aus der Werkstatt zurückerhalten habe. Ich musste ihn infolge eines Systemabsturzes zur Reparatur geben.
Zusätzlich entschärfte es die Tastatur des Ersatzcomputers, was neue Wege erforderlich machte. Irgendwie war der Wurm drin.
Elvis III hatte einen Softwarefehler. Die Computerfritzen konnten nur noch das nackte System aufspielen. Sie waren nicht in der Lage, die Daten zu retten. Ein schrecklicher Verlust. Meine Texte, meine Recherchen, meine Strukturen – alles weg! Die letzte Datensicherung liegt bereits drei Monate zurück. Leider bin ich zu säumig. Ach hätte ich doch nur …
Diese Mini-Pannen erzeugen in mir unruhige Gefühle. Wer weiß, was in der Folgezeit passieren wird … In den vergangenen sechs Jahren sind zu viele Menschen, die uns nahe standen, gestorben.
© Brigitte Voß
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