Wir verbringen die vierte Vorweihnachtszeit in dem Bewusstsein, dass unser Jens tot ist. Es fällt nach wie vor schwer. Ich bin unausgeglichen, traurig, habe miese Laune, usw. Ergeht es dem Partner ebenso, schaukelt sich die trübe Stimmung hoch.
Ich betrachte das Foto von Jens, das auf dem Regal steht. Ich verschiebe die Kerze etwas weiter nach links. Den Tannenzapfen, den ich für ihn vom Zeltplatz mitgebracht habe, rücke ich in den Vordergrund. Dafür erhält der Stein aus Le Vernet einen hinteren Platz. Frische Blumen muss ich kaufen. Plötzlich schneide ich Zweige vom Tannengrün ab, mit dem wir die Balkonkästen abdecken wollten und stecke sie in die leere Vase. Letztendlich krame ich den Adventsschmuck hervor und schmücke das gesamte Regal weihnachtlich. Jens würde das gefallen. Zu seinen Lebzeiten liebte er den Geruch der Räucherkerzchen, den Kerzenschein, das Drehen der Pyramiden, Glühwein, Stolle, Plätzchen, Schneeflocken vor dem Fenster, kurzum alles, was mit dem wichtigen Fest für den Deutschen zusammenhängt.
Seit dem Flugzeugabsturz haben wir kein Interesse mehr an solchen Dingen.
Umso erstaunter bin ich über mich. Wenigstens Jens soll es jetzt schön haben. Während ich dekoriere, dringt die Trauer geballt in mein Bewusstsein. Verdrängen lässt sie sich nicht. Trotzdem erfreue ich mich an dem unerwarteten weihnachtlichen Flair, das vom Regal in den Rest der Wohnung strömt.
Ich knipse Tannennadeln ab, zerstückele sie und halte sie vor die Nase. Sie duften ätherisch angenehm.
Pünktlich mit der Adventszeit trudeln entsprechenden Grüße ein. Früher gab es Telefonate, vielleicht eine Karte oder wenigstens eine E-Mail mit persönlichen Worten. Doch heutzutage, so habe ich den Eindruck, werden fast nur Bildchen und GIFs weitergeleitet – schnell mal ein Klick, ohne sich viel Gedanken über den Adressaten zu machen.
›Eigentlich sollte ich froh sein, wenn jemand an mich denkt. Egal auf welche Weise er es zum Ausdruck bringt‹, hadere ich mit mir.
Ich mag mich nicht, denn schließlich ist Weihnachten ein Fest der Liebe, der Milde, der Besinnlichkeit, der Menschlichkeit, des Verzeihens …
Das letzte Wort erinnert mich an eine Diskussion, in die ich vor wenigen Wochen verwickelt wurde:
Wir, das sind Freundin Nancy und unser persischer Freund und Chauffeur, saßen in einem Terrassenrestaurant mit toller Aussicht auf das abendliche Yazd, einer der ältesten Städte im Iran. Er ist mit dem Bruder meiner Freundin näher bekannt und weiß daher über den Flugzeugabsturz Bescheid.
Der ungefähr 30-jährige ist aufgeweckt und macht sich über viele Dinge Gedanken. Wie wir auf das Thema Verzeihen zu sprechen kamen, kann ich nicht mehr nachvollziehen, denn wir befanden uns in ausgelassener Stimmung. Doch plötzlich ging es los: Er sagte, eine Mutter solle dem Mörder ihres Sohnes vergeben.
Dabei schaute er mich an.
Ich war perplex und fragte knapp: »Warum?«
Er antwortete etwas mit »Seelenfrieden« sowie »Harmonie finden«, die Worte »positives Denken« und »besser Schlafen« erwähnte er ebenfalls.
Ich kenne derartige Meinungen, die besagen, man solle dem Mörder eines nahestehenden Menschen vergeben, nur dann könne man ein ruhigeres Leben ohne Rachegefühle führen. Man solle sich nicht in die Opferrolle drängen lassen.
Gut, ich gebe zu, nach dem Flugzeugabsturz verspürte ich eine fürchterliche Wut, die mit den grausamsten Rachegelüsten verbunden war. Ich stellte mir sogar vor, einen Schießkurs zu belegen. Nur wen hätte die Kugel treffen sollen? Da klaffte nur Leere. Der Copilot hat sich durch den eigenen Tod der Verantwortung entzogen.
Jene im Nachhinein erschreckenden Vorstellungen schliffen sich im Laufe der Zeit ab, zum einen, da er vor meinem inneren Auge tausend qualvolle Tode erleiden musste, und da zum anderen die therapeutischen Maßnahmen der Psychologin wirkten.
All das liegt hinter mir. Diese Gefühle dominieren nicht mehr. In der Beziehung lebe ich ruhiger. Allerdings auch, weil ich dem Mörder so vieler Menschen eben nicht verzeihe. Es käme einem Verrat an Jens gleich. Ich müsste mich doch ständig bei ihm entschuldigen! Das schlechte Gewissen würde mich peinigen.
Dem Copiloten ist egal, ob ich ihm vergebe oder nicht, denn er ist tot. Meine Fragen nach dem Warum kann er nicht mehr beantworten. Er hatte niemals vor, sich zu rechtfertigen. Er plante den Weg des Todes. Aber niemand hat das Recht, über das Leben anderer zu entscheiden …
Zurück in das persische Terrassen-Restaurant in der Wüstenstadt Yazd:
Wir saßen zu ebener Erde auf einem mit Teppichen belegten Podest und diskutierten über das Vergeben und die Auswirkungen auf die Psyche. Jeder hörte dem Gegenüber aufmerksam zu und legte seinen Standpunkt dar. Nancy unterstützte mich. Trotzdem es ruhig und sachlich zuging, kamen wir zu keiner Übereinstimmung.
Schließlich fragte ich ihn: »Nehmen wir mal an, du würdest ermordet. … Es ist nur eine Annahme …« Ich zögerte.
Er nickte.
»Könnte deine Mutter dem Mörder verzeihen?«
Er druckste herum. Nach einer kleinen Pause meinte er: »Nein.«
(Ich wusste, dass sie ihn abgöttisch lieben musste. Denn er erzählte uns während einer der langen Autofahrten, er hätte die Möglichkeit gehabt, ein gefördertes Studium in Marseille zu beginnen. Obwohl er sich total gefreut hatte, wäre sie in Tränen ausgebrochen. Sie hatte Angst, ihn zu verlieren, und dabei so fürchterlich geweint, dass er wegen ihr im Iran geblieben ist. Er hatte auf seine Karriere verzichtet.)
Am folgenden Tag sprach er mich noch vor dem Frühstück an: »Bitte entschuldige, wenn ich gestern etwas Falsches gesagt habe, das wollte ich …«
Ich ließ ihn nicht ausreden. Er brauchte nicht um Verzeihung bitten, weil er anderer Meinung war! Ich war überrascht.
Die Sache mit dem Verzeihen hat es in sich.
Über diese Diskussion habe ich lange nachgedacht.
Das Thema beschränkt sich ja nicht nur auf den Mörder der Flugzeuginsassen von Flug 4U9525, sondern ebenso auf diejenigen, die es zu dem Verbrechen haben kommen lassen.
Die Lufthansa, beteiligte Ärzte, Personen, die dem Copiloten wirklich nahe standen, – niemand übernimmt die Verantwortung oder wenigstens eine Mitverantwortung für das Zustandekommen der abscheulichen Tat.
Würde dies geschehen, wäre ich milder gestimmt und würde ihnen vergeben?
Ich habe es aufgegeben, auf derartige Reaktionen von Betreffenden zu warten. Es wäre zwar schön und würde mir eine gewisse Befriedigung verschaffen, allerdings sehe ich Jens vor mir, er genoss das Leben. So viele Menschen mussten sterben.
Die klare Antwort ist: »Nein.«
Die Schuldigen müssen benannt werden, im günstigsten Fall zur Rechenschaft gezogen werden, das steht außer Frage. Wir sehnen den Augenblick für Jens herbei. Wir sind als seine Eltern verpflichtet, uns dafür einzusetzen. Es ist eine Sache der Gerechtigkeit. Die Wut- und Rachegefühle sind verpufft. Zuviel Zeit ist bereits vergangen.
Was bleibt, ist die abgrundtiefe Trauer, die gerade zur Weihnachtszeit brutal zuschlägt.
Jens, wir vermissen dich so sehr.
© Brigitte Voß
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