Wir fahren mit den Mietwagen bis zum Parkplatz, um wie üblich über den Col de Mariaud zur Absturzstelle zu wandern. Zum wievielten Mal? Ich habe es nicht gezählt.
Wir steigen hinauf. Es strengt nach wie vor an, doch mit den Jahren haben wir uns daran gewöhnt.
Die Folgen der Unwetterkatastrophe von Juni 2018 hat die Lufthansa beseitigt. Am Drahtzaun, der den Zutritt zum Gebiet der Katastrophe verhindern soll, wurden Veränderungen vorgenommen, damit sich das Geröll bei Unwetter nicht wieder anstauen kann, der Zaun stehen bleibt und der Bach sein Bett nicht verlässt.
Oben angelangt setzen wir uns unter das Denkmal. Leider gelingt es mir nicht, mich an das goldene Kunstwerk zu gewöhnen.
Ich blicke in das Tal hinab, durch das die Germanwings-Maschine mit höchster Geschwindigkeit gejagt wurde. Jedes Mal überfällt mich eine tiefe Traurigkeit, und jedes Mal bin ich froh, nah bei Jens zu sein.
In der Ferne sehen wir in Miniaturausführung die Aussichtsplattform, darauf befinden sich Menschen. Es müssen die Spanier sein, die unser französischer Freund angekündigt hat. Der Wind weht ihren Gesang zu uns hinauf. Die Stimmen sind geübt. Es ist ein Chor. Das bemerken wir trotz der Entfernung. Sie singen für ein spanisches Opfer.
Die Zeit verrinnt. Meist schweigen wir, bis wir irgendwann den Rückweg antreten. Wir queren den Metallzaun und laufen bergab. Nichts treibt uns.
Unvermittelt tauchen sie auf – die orange-bräunlichen Schmetterlinge. Sie umtänzeln uns. Ein blauer kommt hinzu. Er setzt sich auf einen Ast. Bewegungslos bleibt er mit zusammengefalteten Flügeln sitzen, bis er wegfliegt.
Wir wandern weiter. Kurz darauf umflattert er uns erneut und lässt sich vor uns auf den Weg nieder.
Er breitet die Flügel aus, sodass er sich uns in vollkommener Schönheit präsentiert. Wir schleichen heran und hocken uns neben ihn mitten auf dem Wanderweg. Ich denke an Jens und staune den Schmetterling an. Meine Augen werden feucht. ›Kind, gibt es dich noch?‹
Wie lange wir den Weg blockieren, weiß ich nicht, denn ich habe jegliches Zeitgefühl verloren. Schließlich fliegt er weg.
Zeichen oder Zufall? Das Gefühl sagt mir: ›Jens ist nah.‹
Bei unserer Ankunft vor wenigen Tagen im Hotel, trafen wir einen deutschen Hinterbliebenen. Ein Freund begleitete ihn. Die Freude über das Wiedersehen war groß. Beide berichteten von einer seltsamen Begebenheit, die ihnen kürzlich widerfahren ist. Der Vater hatte seinen verstorbenen Sohn gebeten, er sollte sich doch endlich einmal melden. Kaum hatte er die Bitte ausgesprochen, tauchte am Himmel ein doppelter Regenbogen auf. Er war deutlich auf dem Foto, zu sehen, das er uns zeigte. Dabei erzählte er unter Tränen, dass er und sein Begleiter geweint und gebetet hatten.
Leider sind die zwei schon abgereist.
Seitdem ich den blauen Schmetterling gesehen habe, ist mir leicht und beschwingt zumute.
Hervé hat uns mitgeteilt, dass am Abend Christelle und Teddy im L’inattendu als Chefs de Cuisine kochen werden. Ich freue mich auf das Wiedersehen, denn für uns sind es keine Unbekannten. Sie war zur Zeit der Flugzeugkatastrophe verantwortlich für Hotel und Gaststätte. Sie und ihr Mann Teddy hatten uns anlässlich des zweiten Besuches in Le Vernet bekocht. Sie versuchte damals, uns mit ihrer charmanten, lieben Art ein wenig aufzumuntern. Sie ist in guter Erinnerung geblieben. Später zog sie in den Luberon.
Wir betreten das Restaurant. Ich erkenne sie sofort. Sie hebt den Blick. Augenblicklich ist eine hocherfreute Begrüßungszeremonie im Gange. Sie nimmt mich in den Arm, Küsschen links, rechts und wieder links und strahlt uns an. Wir müssen erzählen, wie es uns ergangen ist und jetzt ergeht. Es sind die Fragen nach unserem Wohlbefinden, für die ich stets keine Antworten weiß.
Sie bedient. Leider hat sie viel zu tun, flitzt flink hin und her und findet kaum Zeit, mit uns zu sprechen. Einmal sagt sie, sie würde sich an die Gesichter der Angehörigen, die damals bei ihr gegessen hatten, noch gut erinnern. Und schon ist sie erneut zwischen den Tischen unterwegs.
Der Bürgermeister, Monsieur Balique, und seine Frau befinden sich ebenfalls unter den Gästen. Auch wir reden miteinander. Er lacht uns in einer Art an wie sonst nie. Hat er erfahren, dass wir für das Ausbüchsen der Kühe verantwortlich gemacht werden? (Siehe vorhergehenden Beitrag.) Egal. Er ist uns freundlich gesinnt.
Das Essen schmeckt, macht allerdings satt. Das Dessert lasse ich mir von Christelle aufschwatzen, obwohl ich Süßes nicht mag. Ich kann ihrer dezent einnehmenden, netten Art einfach nicht widerstehen.
Der Digestif hat es in sich. Zum Schluss lässt sie uns wissen, dass sie hier übernachten und zum Frühstück mehr Zeit hätten, mit uns zu plaudern.
Das passt, denn wir reisen erst gegen Mittag ab.
© Brigitte Voß
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