Wir sind allein im Hotelrestaurant des L’Inattendu und bedienen uns vom bereitgestellten Frühstück. Mittlerweile kennen wir uns hier aus. Daher ist es kein Problem, wenn Cristiana und Hervé, die Betreiber des Anwesens, aus zwingenden Gründen nicht in Le Vernet sein können.
Zwischen uns hat sich ein freundschaftliches Verhältnis entwickelt, was uns guttut und erfreut.
Hervé spricht ein immer besseres Deutsch. Er lernt offensichtlich eifrig, was die Kommunikation entspannter gestaltet. Ich hingegen versuche, meine Französischkenntnisse mit Hilfe des Internets zu verbessern. Früher habe ich fanatisch Sprachen gelernt. Manchmal war das wie ein Rausch. Mit dem Tod von Jens starb das Interesse an Fremdsprachen. Ohne die Reisen nach Frankreich würde dieser Zustand anhalten. Ich bin erneut motiviert. Mir ist die Verständigung in Le Vernet wichtig, denn hin und wieder kommt man mit den Einheimischen ins Gespräch, wobei die meisten kein Englisch oder gar Deutsch sprechen. Das gilt übrigens für das ganze Land.
Mit einer Mutter aus Spanien, die oft mit ihrer Familie nach Le Vernet reist, um ihrem toten Sohn nahe zu sein, klappt die Unterhaltung auf Französisch ebenfalls am besten. Die katalanische Sprache würde sich dem Französischen ähneln, ist ihre Erklärung. Zufällig treffen wir uns häufig, sodass sich das Lernen auch deswegen lohnt.
Hervé hat seinen Sohn in die Schule nach Seyne gebracht und nimmt uns wie geplant zum Almabtrieb mit. Es ist Vormittag. Mit seinem Auto fahren wir entlang des Gebirgsflusses Bès. Er erklärt, dass der Name dem Altprovenzalischen entspringt und übersetzt Baum bedeutet. Man lernt nie aus.
Er parkt das Fahrzeug am Gatter von Roussimal. Von dort wandern wir durch eine urwüchsige Natur zur Vielle Cabane ständig bergauf. Rechts und links türmen sich Felsengebilde.
Der Wald wächst wild und riecht gut. Wir waten durch oder springen über Wasserläufe, die den Weg kreuzen. Mal reden wir, mal schweigen wir. Stille ist ein wertvolles Gut.
Oben angelangt, werden die Kühe aus allen Ecken der Landschaft zusammengetrieben, was manchmal schwer gelingt, weil sie ausbrechen wollen.
Wir haben es uns mittlerweile an einer Quelle bequem gemacht, die in ein ehemaliges Weinfass aus Holz fließt. Hervé schöpft Wasser in seine Hand und trinkt.
Es ist kalt und regnerisch.
Mehrere Tiere rennen auf uns zu. Die Bauern strengen sich an, sie in die gewünschte Bahn zu lenken. Es misslingt. Einige preschen erneut davon und verschwinden hinter den Bergen.
Mit Geländewagen fahren die Treiber querfeldein hinterher, doch offensichtlich ergebnislos, denn sie kommen ohne Kühe zurück.
Die bereits Eingefangenen warten brav am Gatter.
Wir frieren, und so wandern wir stetig bergauf zu einer Hütte. Tief unten liegt Le Vernet. Wir erkennen Hotel, Restaurant und den sie umgebenden Gebäudekomplex mit Gedenk- sowie Aufenthaltsraum. Es sieht aus wie Spielzeug.
Der Abtrieb hat begonnen. Wir hasten hinunter. Die Kühe sind zu schnell, wir können sie nicht mehr einholen.
Unten werden sie in einem geräumigen Gehege aufgefangen. Geschickt werden Tiere abgetrennt, um sie auf entsprechende Hänger zu verteilen. Mit dem Traktor werden sie in ihre Heimatställe gebracht, die sich in Le Vernet, Seyne oder Digne befinden.
Ein älterer Herr steht mit den Bauern zusammen, als wäre er einer von ihnen. Er grüßt mich. Ich erkenne ihn. Letztes Jahr brachte er meiner Freundin und mir per Auto einen Schirm vorbei, als wir uns auf der Dorfstraße notdürftig vor dem strömenden Regen untergestellt hatten. Er ist wohl die rechte Hand des Bürgermeisters und ist bei wichtigen Ereignissen des Ortes dabei.
Wir fühlen uns in Le Vernet gut aufgehoben, da wir keine Unbekannten mehr sind.
Wir fallen schon auf, weil wir oft durch den Ort zum Friedhof laufen. Die Betonung liegt auf laufen, denn die Einheimischen erledigen ihre Wege im Dorf mit dem Auto. Selbst Fahrradfahrer sehen wir selten, höchstens J.J. von der Gaststätte »Le Moulin« oder die Niederländer Ed und Astrid, die den Zeltplatz betreiben, und natürlich Kinder.
Sogar die Dorfhunde kennen uns. Sie begleiten uns gern, wenn wir zu Fuß unterwegs sind.
Aber das Schönste ist, dass uns Hervé als seine Freunde bezeichnet. Wir sind Freunde.
Nach der mehrstündigen Tour lädt er uns zu einem rustikalen Nachmittagsimbiss ein. Es gibt Baguette mit Wurst und Käse aus der Region, dazu starken Kaffee. Wir hören Musik aus den 68-igern und diskutieren darüber. Die Songs bringen Erinnerungen aus einer anderen Zeit. Damals war ich jung und unbeschwert, hatte mit erwartungsfrohen Augen in die Zukunft gesehen … Leider ist alles vergänglich. Gern würde ich die Jahre zurückspulen und an gewissen Punkten Stopp sagen, um dort für Ewigkeiten zu verweilen.
Wie so oft gehen wir zum Friedhof, um eine neue Kerze für Jens anzuzünden. Den restlichen Nachmittag verbringen wir im Gedenkraum. Hier kann man sich vollkommen zurückziehen und für sich mit den Verstorbenen sein.
Zu Abend speisen wir erneut mit Hervé, dieses Mal ist Sohn Arthur dabei. Er ist etwa elf Jahre alt und generell wenig gesprächig. Allerdings habe ich den Eindruck, dass er uns gegenüber allmählich auftaut. Sein Vater hat Crêpes mit Käse und Schinken zubereitet. Dazu trinken wir Cidre. Wir sind allein, es kommen keine weiteren Gäste.
Hervé erzählt, dass ein Bauer einen Zwischenstopp im Restaurant einlegte, um sich ein Bier nach dem Almabtrieb zu genehmigen. Draußen mussten die Kühe im Hänger auf ihn warten. Dieser behauptete, dass letztendlich wir die Schuld daran tragen würden, dass einige Tiere nicht eingefangen werden konnten. Er hätte uns Zeichen gegeben. Wir sollten von der Quelle weggehen, weil sie sonst scheuen würden. Offensichtlich haben sie genau das getan, denn sie kehrten um und verschwanden hinter den Bergen.
Leider haben wir drei niemanden gesehen, der aus der Ferne mit uns Kontakt aufnehmen wollte. Darin sind wir uns einig. Mit Sicherheit hätten wir reagiert. Nun müssen die ausgebüxten Kühe an einem anderen Tag eingefangen werden.
Jens hätte jetzt diverse Sprüche parat und würde uns auf die Schippe nehmen. Wir als »Kuhschreck«, usw. Ich kann ihn regelrecht hören … Oder lacht er da oben, hinter den dichten Wolken?
© Brigitte Voß
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