09.10.2018, Dienstag – »Hoffentlich. Mal sehen.«

°EINHUNDERTFÜNFUNDACHTZIG WOCHEN NACH DER KATASTROPHE°
Alles ist vertraut, alles klappt.
Stets fliege ich mit betrübten, aber gleichzeitig freudigen Gefühlen nach Le Vernet, indem ich mir vorstelle, Jens zu besuchen.
Mein Leben befindet sich seit der Katastrophe wie auf einer Achterbahn mit rasenden Gondeln. Ihre steilen Höhenunterschiede lassen mich nicht mehr wissen, wo oben und wo unten ist. Ich bin gespalten: Die eine Hälfte lacht, obwohl ich weiß, dass Jens tot ist, während die andere tieftraurig ist, weil ich genau das verstanden habe.
Der Zustand macht sich in den unterschiedlichsten Bereichen bemerkbar, die mit dem Flugzeugabsturz zusammenhängen: Die Natur an der Absturzstelle strahlt Ruhe aus, obwohl hier das Unfassbare geschah … Wir bringen ihm seine Lieblingsschokolade in die Berge, obwohl uns vollkommen bewusst ist, dass er sie nicht essen wird … Wir teilen ihm in einem Büchlein mit, wie es der Familie ergeht, oder schreiben ihm über Alltagsdinge, die ihn erfreuen könnten, obwohl uns klar ist, dass er die Zeilen niemals lesen wird …, usw. Wir haben gelernt, mit diesen Gegenpolen umzugehen, sonst würden sie uns zerreißen.
Jedes mal, wenn ich ein Flugzeug betrete, und zuweilen beim Landeanflug, geht mit mir die Fantasie durch. Fliegen wir nach Marseille, müssen wir in München oder Frankfurt umsteigen. Das hat zur Folge, dass wir Start und Landung und alles, was damit verbunden ist, doppelt erleben. Mit dem Rückflug verhält es sich ebenso.
Im Eingangsbereich der Maschine ist oft genügend Zeit, einen Blick in das Cockpit zu erhaschen, da wir in der Schlange warten, bis die Passagiere vor uns ihr Handgepäck verstaut haben. Das kann unter Umständen dauern.
Ist die gepanzerte Sicherheitstür zur Pilotenkanzel geöffnet, starre ich entweder hinein, als würden meine Augen von einem Magneten gesteuert, oder ich suche die Tastatur, über die der Zugangscode / Emergency-Code eingegeben werden muss, um in das Cockpit zu gelangen.
Ich kann das nicht verhindern.
Der Kapitän Patrick Sondenheimer sowie die Flugbegleiter hatten keine Chance, diese Tür von Außen zu öffnen. Siehe »12.03.2016, Sonnabend – BEA – Informationsveranstaltung«.
Die Codes sind der gesamten Crew bekannt. Menschen sind erpressbar, was für mich die Sicherheitsvorkehrungen rund um die Cockpittür fragwürdig erscheinen lässt.
Im Cockpit sitzen Pilot und Copilotin. Vor und zwischen ihnen breitet sich eine verwirrende Anzahl an Hebeln, Schaltern und Tasten aus. Messinstrumente überwachen Systeme, deren Zustände in rot, grün, blau leuchtenden Displays angezeigt werden.
Es ist die Welt, die ebenso die Piloten des Todesfluges umgab, als der Airbus auf seinen Start in Barcelona wartete. Wie mag es unter ihnen zugegangen sein? Haben sie gelacht, wie die beiden, die ich durch die geöffnete Tür beobachte?
Sie hatten den gleichen Ausblick auf das Rollfeld, doch mit Sicherheit unterschiedliche Erwartungen. Während sich vermutlich der eine auf die Ankunft in Deutschland freute, war der andere von seinen schwarzen Ideen besessen und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Er hatte die Steilvorlage des Absturzes auf dem Hinflug von Düsseldorf nach Barcelona erprobt, ohne den ausführenden Startknopf zu betätigen.
»Hoffentlich. Mal sehen«, soll Copilot Lubitz dem Kapitän geantwortet haben, als dieser ihm die Kontrolle über das Flugzeug übergab, weil er die Toilette aufsuchen wollte. So steht es zumindest in einer Abschrift des Flugprotokolls des Voicerecorders von Flug 4U9525 neben der Angabe 10.28 Uhr. Danach war der Copilot allein, verriegelte augenblicklich die Tür und leitete den rasanten Sinkflug ein.
Hoffentlich. Mal sehen.“ – das war kein Scherz. Es war eine bitterböse Ankündigung. Menschen können sich verstellen, vor allem, wenn sie intelligent sind.
Die Flugbegleiterin an der Tür bringt mich in die Wirklichkeit zurück, indem sie mir zur Begrüßung einen Müsli-Riegel in die Hand drückt. Im Flugzeuggang müssen wir erneut warten. Ich zähle in Gedanken die Reihen ab, die sich vor mir erstrecken, bis ich den Platz gefunden habe, auf dem Jens im abstürzenden Airbus saß. Was hat er von dort aus erblickt? Was hat er überhaupt zuletzt gesehen und gehört, bevor er die Augen für immer schloss?
Solange ich es nicht weiß, wird die Vorstellungskraft in mir ein leichtes Spiel haben.
Ich werde mich daran gewöhnen müssen, da ich es nie erfahren werde und unfähig bin, diese Bilder zu verscheuchen.Während des Fluges sehe ich, wie in paralleler Höhe die Wolken aus dem Blau hervorstechen. Später tauchen die Berge der Alpen auf, manchmal sind sie schneebedeckt. Das flammende Himmelsschauspiel bei Sonnenuntergang ist aus dem Flugzeug heraus in eigener Weise sehenswert. Die kräuselnden Wellen des Mittelmeers, auf denen die winzigen Boote schwimmen, kündigen die Landung in Marseille an. Ich erfreue mich durchaus am Fliegen und kann es genießen.
Am Flugplatz nehmen wir das Mietfahrzeug in Besitz. Es ist immer spannend, ob es mit irgendwelchen Anormalitäten ausgestattet ist, die sich uns nur langsam erschließen. Wir sind lernfähig. Der Motor wird gestartet. Wir wühlen uns durch das Straßennetz, um auf die Autobahn zu gelangen. Alles ist vertraut, alles klappt.
Jens wir kommen!
© Brigitte Voß


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