Was es doch für seltsame Dinge gibt! In der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BfU) fand am 27. September 2018 eine Thrillerlesung statt. Sie stand unter dem Motto »Flugangst?« Ihr Veranstalter war eine Buchhandlung Graff aus Braunschweig. Ich war kein persönlicher Besucher, allerdings habe ich im Internet (boersenblatt.net unter der Überschrift „Ein Thriller und zerfetzte Flugzeugteile“) davon erfahren.
Die BfU untersucht Unfälle sowie schwere Störungen in der Luftfahrt und versucht, deren Ursachen zu ermitteln. An den Recherchen über den Germanwings-Absturz war sie ebenfalls beteiligt.
Nach der Lesung aus dem Buch, dessen Autorin eine Flugbegleiterin ist, wurden die Zuhörer durch die Asservatenkammer der Bundesstelle geführt, die das offensichtlich genehmigt hatte. Zerborstene Flugzeugteile spektakulärer Flugzeugkatastrophen, wie beispielsweise die des Zusammenstoßes eines Passagierflugzeuges mit einer Frachtmaschine über dem Bodensee, konnten besichtigt werden. Sie stürzten 2002 bei Überlingen ab. Unter den 71 Opfern befanden sich 49 Kinder. In der Folge ermordete ein Vater, dessen Frau und zwei Kinder bei der Kollision verstarben, den dafür verantwortlichen Fluglotsen.
Welches Leid für die Angehörigen!
Ich finde es geschmacklos, zerschmetterte Flugzeugreste von Katastrophen zu präsentieren, an denen das Blut zu Tode gekommener Insassen haftet (mehr symbolisch gesehen). Für die zurückgebliebenen Familien sind die Teile aus Metall oder Plastik für immer mit qualvoller Trauer verbunden. Ungeachtet dessen wurden sie im Rahmen der Lesung zur Schau gestellt, um die Zuhörerschaft zum Kauf des vorgestellten Buches zu animieren – zur Freude der Buchhandlung, zur Freude des Verlages, zur Freude der Autorin, denn jeder einzelne verdient daran. Finanzieller Gewinn ist hier das Schlüsselwort.
Ich mag mir gar nicht vorstellen, dass Trümmerteile des Germanwings-Airbusses auf einen Tisch liegen und von neugierigen Unbeteiligten angestarrt werden – mit dem Ziel, Gruselschauer in ihren Körpern zu erzeugen und die Verkaufszahlen eines Romans in die Höhe zu treiben.
Für mich ist zweitrangig, welche Literatur in der BfU herhalten musste. Doch wider Erwarten handelte es sich nicht um Sebastian Fitzek’s »Flugangst 7A«. Den Thriller hatte ich mir bewusst gekauft. Zum einen mag ich das Genre und zum anderen erweckte der Titel Interesse. Jens hatte Angst vorm Fliegen. Merkwürdigerweise verschwand mit dem Flugzeugabsturz die heftige Flugangst meines Mannes.
Schon als ich das Buch vor der Auslage des Geschäftes durchblätterte, wurde ich skeptisch, ob ich es mir kaufen sollte. Denn bereits in der Titelei wird auf die Germanwings-Katastrophe vom März 2015 verwiesen: »Die EU empfiehlt psychologische Tests für Piloten. Drogentests und psychologische Begleitung: Eine EU-Arbeitsgruppe fordert nach dem Absturz der Germanwings-Maschine stärkere Kontrollen für Piloten – Die Zeit vom 17.07.2015.«
Was für ein reißerischer Anmacher!
Trotzdem legte ich das Geld auf den Tisch, nahm es mit und las es bis zum Schluss durch. Obwohl ich die Psychothriller des Autors bisher mochte, bin ich enttäuscht von ihm und seinem Roman.
In einem Interview vom 23.10.2017 äußerte er auf die Frage von
BILD: In Deinem Buch geht es um eine psychisch labile Person an Bord, die das Flugzeug abstürzen lassen will. Spielte der Germanwings-Absturz für den Plot eine Rolle?
FITZEK: Das letzte was ich will, ist, aus realen Katastrophen Kapital zu schlagen. Ich ziehe eher die Essenz aus solchen Tragödien, und das ist hier schon der Fall: Wir haben angesichts der Terrorgefahr immer bessere Abwehrmechanismen, aber die Psyche können wir nicht kontrollieren, in die Köpfe nicht hineinschauen – und das ist ein Problem.
Den ersten Satz der Antwort des Autors glaube, wer will. Wahrscheinlicher ist, dass er wegen der Katastrophe an sich das Buch geschrieben hat, weil unermessliches Leid aufrüttelt und den Otto Normalverbrauer aufhorchen lässt. Der Verdacht ist zwingend, denn an mehreren Stellen des Textes nimmt er einen direkten Bezug auf den Germanwings-Absturz, indem er ihn unglaublicherweise namentlich benennt. Das Ärgerliche daran ist, dass dies für den Fortgang der Handlung keine Rolle spielt, das heißt, er hätte die entsprechenden Verweise durchaus weglassen können. Den Inhalt würde der Leser auch so verstehen.
Warum macht er das?
Möchte er mit dem Hinweis auf die Realität dem Thriller eine gruselige Würze geben? Ihm einen magischen Schimmer verleihen? So nach dem Motto: Kauft, Leute kauft!? Der Absturz des A 320 lag bei seinem Erscheinen gerade mal 1½ Jahre zurück.
Diese Zeit ist für Fitzek mehr als ausreichend, ein ganzes Buch fertigzustellen. Er weist im Kapitel »Anmerkungen und Danksagung« am Ende der Geschichte darauf hin, dass er in knapp zwei Jahren vier Romane veröffentlicht hat.
Vielleicht hätte es gar ohne den grauenvollen Tod von 149 Menschen, darunter unser Jens, die »Flugangst 7A« nicht gegeben?
Eine Bemerkung zum Verständnis des Buchtitels: Fitzek bezeichnet in seinem Thriller den Platz 07 A als den gefährlichsten im Flugzeug. Er beruft sich dabei auf Crashtests in der Wüste New Mexicos. Für mich hat das einen realen Bezug: Jens saß in der Maschine auf Platz 08 A, vor ihm saß auf Platz 07 A eine junge Frau, deren Schwester ich durch den Tod unserer Lieben kennengelernt habe.
Die Handlung selbst wirkt auf mich zusammengeschustert, irgendwie konstruiert. Es werden zu viele Unwahrscheinlichkeiten und unglaubwürdige Zufälle aufgetischt, die den Ablauf plötzlich in eine andere Richtung lenken, als das ich bis zum Schluss mit den Figuren mitfiebern konnte.
Weniger wäre mehr gewesen. Die Verweise auf die Germanwings-Katastrophe hätte er schon aus Ehrfurcht vor den Opfern und dem Schmerz der Hinterbliebenen, nicht nötig gehabt. Denn der Autor versteht es, in gutem Stil und bildhaft zu schreiben …
Vielleicht bin ich auch nur aus meiner Situation heraus den hier genannten Dingen gegenüber negativ eingestellt?
Bücher, die Außenstehende zum Thema verfassen, betrachte ich eh mit Skepsis, außer, sie sind fundiert, klären sachlich auf und dienen nicht nur der profanen Unterhaltung und dem eigenen Gewinn.
Letzteres ist leider nicht zu vermeiden. Ich muss wohl oder übel damit leben.
© Brigitte Voß
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