Seit April ist es in Deutschland abscheulich trocken. Insbesondere im Osten des Landes hat es kaum geregnet. Die Klimaveränderung grüßt uns zunehmend mit neuen Spielarten. Dieses Jahr zeigt sie uns, was Dürre bedeutet.
Ich bin regelrecht entsetzt, als wir den Wörlitzer Park besuchen. Nahezu alle Wasserkanäle sind vertrocknet. So etwas habe ich noch nie gesehen. Sie werden von der Elbe gespeist. Den Bäumen geht es schlecht, ihre Blätter rollen sich ein oder fallen ab. Die Zweige hängen schlaff herab. Was würde wohl Jens dazu sagen? Er spielte unter ihnen als Kind. Jahre später spazierte er gern an ihren dicken Stämmen vorbei. Die Wiesen trocknen in krankhaftem Gelb dahin. Ein kleiner Junge tollt darin herum. Plötzlich rennt er zu seiner Mutter und ruft aufgeregt: »Mama, Mama, ich habe einen grünen Grashalm gefunden.« Denkt man gründlicher nach, ist das eine traurige Aussage. Trotzdem muss ich herzlich lachen, was seit dem Flugzeugabsturz seltener passiert. Es ist lösend und für den Moment gut.
Dagegen klagte neulich ein Angehörigenfreund: »Seitdem meine Frau ihren Sohn verloren hat, kann sie nicht mehr lachen.« …
Wir sind dankbar, die Enkel zu haben. Sie bringen Natürlichkeit und Freude ins Leben. Verliert man hingegen sein einziges Kind, wird die Kette unterbrochen. Die betreffenden Hinterbliebenen kommen nicht in den Genuss, jemals Großeltern zu werden.
Ich genieße bewusst, dass Zusammensein mit dem Nachwuchs.
Oft gehen wir ins Freie. Da Spielplätze beliebt sind, besuchen wir im Wildpark den neu hergerichteten Waldspielplatz. Leider macht uns die Trockenheit einen Strich durch die Rechnung. Die Kinder stehen bekümmert hinter dem Zaun und mustern mit großen Augen die Spielgeräte, die sie nicht ausprobieren können. Die Anlage bleibt geschlossen, solange der neue Rasen nicht angewachsen ist. Der Regen fehlt, die Erde ist rissig. Die Traurigkeit des Nachwuchses überträgt sich auf uns, sodass wir das Geld springen lassen, die benachbarte Tierfarm aufzusuchen. Bei all dem habe ich das Gefühl, Jens schaut uns zu.
Meine aktuelle Errungenschaft, ein Fitnesstracker, zeichnet die langsam dahingelaufenen Wege im Wildpark auf. Im Grunde genommen, soll er uns anregen, wieder mehr Sport zu treiben, um fitter, auch für die Enkel, zu sein. Unser Sohn würde das mit Sicherheit begrüßen. Leider ist mit seinem Vati zurzeit nichts anzufangen. Er spricht leise und ist erschöpft. Das Kind zu verlieren und dann die Mutti – das setzt einem zu.
Die neue Uhr ermittelt ebenso gesundheitliche Daten wie beispielsweise den VO2max. Der Wert ist ein Gradmesser für die Fitness. In meinem Fall entspricht er dem einer jüngeren Frau. Ich finde das genial. Ich erinnere mich an die Worte der verstorbenen Schwiegermutti. Sie äußerte an ihrem letzten Ehrentag, dass es gemein sei, erneut ein Jahr älter zu werden. Es wäre besser, wenn das Gegenteil eintreten würde. Zur Belohnung für das lange Leben sollte man wieder jünger werden.
Liebe Doris im Himmel: Zwar habe ich keinen Geburtstag, trotzdem habe ich das Unglaubliche geschafft.
Die Toten begleiten uns.
Zurück zur Trockenheit: Die Bevölkerung wurde aufgefordert, selbst Hand anzulegen und Bäume zu gießen.
Wir haben einen Patenbaum, den wir regelmäßig aufsuchen. Die Familie hat ihn Jens gewidmet. Es ist seltsam, dass seine Standortbezeichnung von Amts wegen mit G 925 angegeben wird. Niemand wird bestreiten, dass sie der Flugnummer 9525 des Airbusses, der Jens und seine Mitinsassen in den Tod befördern musste, auffallend ähnelt.
Der Hainbuche soll es verständlicherweise gut gehen, und so füllen wir zuhause Wasser aus der Leitung ab, um sie zu gießen. Mit dem Auto fahren wir sowieso. Manchmal nehmen wir die Enkelkinder mit. Wir sammeln Kastanien und legen sie gemeinsam in Kreisen um den Jensi-Baum, wie wir ihn gern nennen.
Früher hätte ich gesagt: »So ein Quatsch. Davon wird der Betreffende auch nicht wieder lebendig. Tot ist tot.« Ich behauptete sogar, dass ich kein Grab bräuchte, denn es wäre wichtiger, den Verstorbenen im Herzen zu tragen.
Der Tod von Jens hat mich eines besseren belehrt. Es tut gut, das heimische Grab, den Baum oder entsprechende Plätze in Le Vernet gestalten zu können – in Gedenken an unser Kind.
Trotz der Dürre pflanzen wir ständig frische Blumen. Es macht wenig Sinn, weil sie rasch vertrocknen. Wir müssten sie täglich gießen. Doch der Friedhof liegt am anderen Ende der Stadt, sodass wir nicht einfach so vorbeispazieren können.
Wir strengen uns an, dass für Jens das Grab bunt, aber vor allen Dingen lebendig aussieht.
© Brigitte Voß
Entdecke mehr von SEELENRISSE
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
