28.09.2018, Freitag – Beerdigung von Schwiegermutti

Unser Freund Gerhard ist vor einigen Tagen für immer von uns gegangen. Er war nicht in dem Alter, in dem ein Durchschnittsmensch stirbt. Nie hätte ich gedacht, dass er seinem Diabetes erliegen würde, denn er hatte Krebs. Die Ärzte gaben keine Hoffnung, sodass sein Tod zu erwarten war. Trotzdem haben wir diesen Gedanken weit weggeschoben. Wir hätten es besser wissen müssen. Ich bin traurig. Stets trifft es die Falschen. Er war ein Herz von einer Seele und hat nach dem Flugzeugabsturz viel mit uns gesprochen. Das vergesse ich ihm nie. Er war einer von denen, dem das Schicksal anderer nie gleichgültig war, obwohl er selber sein Päckchen zu tragen hatte. Die Katastrophe hat gezeigt, wer von den Freunden den Titel verdiente, und wer nicht. Das brachte manche Enttäuschung mit sich.
Um so mehr schockt uns sein Tod. Jetzt ist die Freundin verlassen in ihrer Wohnung. Es fehlt der enge Gefährte, dem sie alles anvertrauen konnte. Sie steht vollkommen neben sich. Doch nicht nur sie, sondern auch mein Mann, dessen Mutti heute beerdigt wird. Er ist bedrückt und schweigsam. Es ist ein schwerer Tag des Abschiednehmens.
Nur wenige Personen finden den Weg in die Trauerhalle. Unsere Familie ist klein. Die 95-jährige hatte all ihre Freunde und Bekannten überlebt. Eine Verwandte ihres Familienzweiges ist zu alt, als dass sie an dem Begräbnis teilnehmen könnte.
Ein Bild taucht vor meinem inneren Auge auf. Die Erinnerung greift in die tiefe Vergangenheit. Der Vater von Schwiegermutti saß vor mir in der Küche und weinte, weil er die Nachricht in den Händen hielt, dass Tante Hanni gestorben ist. Es war die letzte seiner Generation, er war als einziger „übriggeblieben“. Welch Einsamkeit muss er in dem Moment verspürt haben! Er war ein kontaktfreudiger Mensch …
Der Trauerredner findet die richtigen Worte, die ihr Leben Revue passieren lassen. Er meistert erstaunlich gut die unbewussten Störeinlagen von Timo, dem zweijährigen Enkel. Seine Schwester sitzt neben mir. Sassa ist auffallend ernst und hört aufmerksam zu. Die Lieblingsmusik ihrer Uroma wird aufgelegt. Darunter Die Flippers, die zu ihren Lebzeiten zu spaßigen Diskussionen führten, weil unser Musikgeschmack ein vollkommen anderer war und ist.
Anschließend laufen wir hinter dem Gefährt, auf dem die Urne steht, zum Grab. Stirbt ein Mensch, bleibt nicht viel von ihm übrig. Ich starre das Gefäß an, das die Asche von Schwiegermutti enthält, und denke an die drei mit ihrem Hab und Gut gefüllten Müllsäcke, die uns nach der Rückkehr von der Nordsee in ihrem Zimmer des Seniorenheims erwarteten. Drei Tage nach dem Tod müsse es geräumt sein, drängte ungeduldig die Heimleitung. Dass wir nach der Todesnachricht nicht von einem Tag zum anderen von einer Insel runterkommen, und dass für die vorzeitige Abreise von einer Kur noch einiges organisiert werden musste, spielte für sie keine Rolle. Nachdem wir zuhause waren, kümmerten wir uns erst einmal um die Beerdigung und anschließend um das Zimmer. Die gesetzte Frist war gerade mal zwei Tage überschritten. Dem Heim aber drohten finanzielle Verluste.
Drei Müllsäcke, lieblos von unbekannter Hand vollgestopft, waren alles, was von ihrem Dasein blieb. Die Schränke wurden bereits geleert, damit es schneller ginge. Ich empfand das als pietätlos. Das Ordnen und Räumen ihrer persönlichen Sachen hätte man uns überlassen müssen, auch wenn es so unmittelbar nach dem Tod schwerfällt. Es hat mit Gedenken und Erinnern zu tun. Es war ihr gewesenes Leben, das in diesen Dingen steckte und keinen Fremden etwas anging. Doch für die Heimleitung zählte das Geschäft …
Wir sind am Grab angelangt. Die Urne wird in die vorbereitete Öffnung gesenkt. Sassi hält fest meine Hand. Wir treten gemeinsam vor, um darauf Blümchen zu streuen. Sie wagt es nicht, und so übernehme ich ihren Teil. Ihr ist es nicht geheuer, irgendwie …
Wieder zuhause, stehe ich tiefbetrübt vor der geöffneten Balkontür und sinniere, wen wir in der letzten Zeit für immer verloren haben. 2014 starb meine Mutti, 2015 unser Jens, 2017 Freund Norbert und dieses Jahr starben die Schwiegermutti sowie Freund Gerhard. Die verstorbenen ungeborenen Zwillinge der Tochter unserer Freundin kannten wir nicht, doch auch die Nachricht war traurig.
Ich werde aus den schweren Gedanken herausgerissen, weil plötzlich ein großer, dunkler Schmetterling vor meinen Augen hin- und herflattert. Kurz darauf tändelt er weg.
Es ist wieder eine jener Situationen, die uns seit dem Tod von Jens gehäuft ereilen. Man kann es bald niemanden mehr erzählen. Mit der Zeit wird es unglaubhaft. Doch es ist, wie es ist.
Sofort eile ich ins Nachbarzimmer, um meinem Mann davon zu berichten. Er glaubt mir aufs Wort.
© Brigitte Voß


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