25.09.2018, Montag – die Toten von Sulawesi

Am Sonntag sah ich im Fernsehen ein Beitrag, der sich mit dem Totenkult auf Sulawesi befasste. Was darin über die Totenrituale der Toraja, einem Volk, das dort lebt, berichtet wurde, hat mich derart beeindruckt, dass ich ihn auf der Mediathek wiederholt angesehen habe.
Sulawesi ist die viertgrößte Insel Indonesiens und liegt zwischen Borneo und Neuguinea. Obwohl die Mehrheit der Toraja einst zu Christen missioniert wurden, durchdringen uralte, traditionelle Riten der Vorfahren ihren Glauben, was zu aufsehenerregenden Totenzeremonien führt. Sie mögen für die meisten Menschen unseres Kulturkreises bizarr bis makaber anmuten.
Das Inselvolk betrachtet den Tod mit Gelassenheit, während wir ihn in die hinterste Ecke des Gehirns verbannen. Nur manchmal erschrecken wir, wenn er um Gehör bittet, indem wir einen lieben Menschen zu Grabe tragen müssen, und uns bewusst wird, dass auch wir sterben werden. Mit der eigenen Endlichkeit setzen wir uns ungern auseinander, obwohl sie das Einzige ist, das uns das Leben garantiert. Es garantiert nicht einmal, dass die Kinder ihre Eltern überleben. Nichts ist so sicher wie der Tod. Und trotzdem wird er dermaßen ignoriert.
Für die Toraja hingegen gehört der Tod zum Leben. Er ist kein endgültiges Ende, sondern ein jahrelanger Prozess des Abschiednehmens. Wenn jemand aus ihrer Mitte stirbt, behandeln sie den Toten zunächst mit Formalin, damit er lange haltbar ist. Der so konservierte Leichnam wird im oder am Haus aufbewahrt, bis die Familie das Geld für die teure Trauerfeier beisammen hat. Das kann Jahre dauern. Während dieser Zeit werden die Verstorbenen als Kranke angesehen.
Die Begräbnisfeier kann sich bis zu einer Woche hinziehen. Sie ist ein fröhliches Fest und das wichtigste Ereignis im Leben der Toraja. Je mehr Wasserbüffel dabei geopfert werden, je mehr Blut bei den rituellen Schlachtungen fließt, um so besser, denn die Seele des Toten benötigt das, um überhaupt und rascher ins Jenseits überzugehen. Das Leben auf der Erde wird nur als eine Zwischenstation zu einem höheren Dasein auf der anderen Seite der Realität angesehen.
Die Särge mit den konservierten Leichnamen werden nach den Feierlichkeiten in Berghöhlen aufbewahrt. Alle drei Jahre werden sie geöffnet. Die Familien kommen zusammen, um ihre Verstorbenen wieder zu sehen, um sie zu reinigen und frisch einzukleiden. Sie ziehen den Toten die Kleider an, die sie zu Lebzeiten mochten. Die Kinder helfen mit, sind bei sämtlichen Handlungen dabei.
Auch in unserem Kulturkreis geht der Nachwuchs zunächst unbefangen mit dem Tod um, bis sie sich dem Verhalten der Erwachsenen anpassen.
Die Leichname werden aufgestellt und von Angehörigen gehalten. Für sie ist es wichtig, den Kontakt zu den Toten nicht zu verlieren. Sie freuen sich, wenn die Körper noch gut aussehen.
Die Fremden, die Touristen, sollen Anteil an ihrer Freude des Wiedersehens haben. Sie stört es nicht, wenn dabei fotografiert wird.
Ist die Familie endgültig bereit loszulassen, bleibt der Sargdeckel für immer geschlossen.
Eine Mutter wurde gezeigt, deren Tochter auf dem Schulweg einen tödlichen Unfall erlitten hatte. Sie weinte, ist aber froh, dass sie ihr Kind alle drei Jahre sehen und streicheln kann.
Ich frage mich, wie schlimm es für die Toraja sein müsste, wenn einer ihrer Verwandten durch eine Katastrophe umkommen würde, in deren Folge die Leiche für immer verschwunden bleibt oder wie bei uns nur aus wenigen Überresten besteht. Sie könnten dieses jahrelange Abschiednehmen, das sie aus ihrer Tradition heraus gewohnt sind, nicht zelebrieren. In dem Fall wäre mit dem Tod einfach alles aus.
Die Zeit ist schnelllebig geworden, wir jagen ständig hinter Neuem her. Für den Tod ist in unserer Kultur kaum Platz. Und trotzdem lauert er an jeder Ecke.
Trifft er doch einmal ein, dann schnell weg mit dem Toten. Wir sind geneigt, alles dem Bestatter zu überlassen – das Waschen, das Anziehen, das Gestalten der Trauerfeier … Die Leichen werden verbrannt oder begraben. Später wird der Tod ausgeschwiegen. Derartige Gebräuche wären für das Inselvolk ein Ding der Unmöglichkeit.
Früher war es in Deutschland üblich, die Toten zum Abschiednehmen aufzubahren. Auch heute gibt es Familien, meist sind es die gläubigen, in deren Haus Platz für den Tod ist. Sie lassen ihren verstorbenen Lieben einige Tage zuhause, um sich von ihm zu verabschieden, bevor der Bestatter kommt, um ihn abzuholen.
Die Toraja finden unseren Umgang mit den Toten pietät- und respektlos. Sie können sich nicht vorstellen, ihre dahingeschiedenen Verwandten einfach zu verbrennen oder zu begraben, sodass die Leichname rasch verschwinden.
Ich wiederum empfinde ihren Umgang mit den Verstorbenen extrem gewöhnungsbedürftig, trotzdem achte ich ihn, denn im Herzen verstehe ich den tieferen Sinn. Der brutale Tod von Jens hat mich geprägt. Abschiednehmen ist wichtig.
© Brigitte Voß


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